Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 70-73
"Sie müssen das anschauen!"
Von Gerhard Mack
Sehtest für Fortgeschrittene: Robert Rymans Bilder schärfen den Blick für Licht und Raum. In Schaffhausen kann man den magischen Minimalisten neu entdecken
Das war das erste Gemälde, das wir gehängt haben", sagt Robert Ryman und zeigt auf ein dünnes Werk, das sich kaum von der Wand abhebt. "Wenn Sie hierherkommen, sehen Sie, wie wichtig das Licht für das Gemälde ist." Von der Seite fallen die Strahlen der frühsommerlichen Abendsonne durch die Fenster auf die Farbe, die sich reliefartig von der Plexiglasplatte abhebt.
Was direkt vor dem Bild mit dem Titel "Finder" fast nicht zu sehen war, macht nun die Lebendigkeit der Malerei aus. Es ist, als entdeckte man eine verborgene Landschaft. "Das Gemälde konnte nur hier hängen, es braucht dieses besondere Licht von der Seite", sagt der Maler.
Robert Ryman hat für ein paar Tage sein Atelier in New York verlassen, um zusammen mit Urs Raussmüller aus den rund 50 Werken, die sich in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen befinden, ein neues Gesamtkunstwerk mit knapp 30 Arbeiten einzurichten.
"Advancing the Experience" - die Erfahrung fortsetzen - lautet der Titel des Unterfangens. Das neueste Gemälde hat Ryman mitgebracht. Die kleine Birkenholztafel ist mit dem weißen Kunststoff Epoxy bestrichen, der das Licht im Raum hart reflektiert.
Ryman ist seit Jahrzehnten der stille Star einer Malerei, die sich im lauten Trubel der Pop Art auf diejenigen Qualitäten eines Gemäldes besann, die nicht von den Inhalten der Darstellung abhängig sind. Als er 1952 aus Nashville in Tennessee nach New York kam, weil er in Jazzbands Saxophon spielen wollte, gaben in der Malerei die Abstrakten Expressionisten den Ton an, und Einzelgänger wie Robert Rauschenberg und Jasper Johns öffneten der Kunst das Tor zur Welt, durch das bald Andy Warhol und Roy Lichtenstein marschieren sollten. Ryman begann, sich autodidaktisch für Malerei zu interessieren, lernte als Aufpasser im Museum of Modern Art aber schnell die gängigen Positionen und junge Künstler kennen und setzte sich von allen ab. Er wollte weder große Gefühle ausdrücken, noch von den Alltagserfahrungen der Konsumgesellschaft erzählen.
Ryman war, vielleicht auch aus der anfänglichen Unkenntnis heraus, an der materiellen Beschaffenheit eines Gemäldes interessiert. Ob man auf Leinwand, Metall oder Holz malt, welche Farbe die Leinwand hat, ob sie grundiert ist oder nicht, wie man die Farbe aufträgt, ob Pinsel weich oder hart, groß oder klein sind, welche Farbsorte man wählt, ja sogar, wie ein Bild an der Wand befestigt ist, hat er Schritt für Schritt auf zumeist quadratischem Format untersucht und gezeigt, wie sich damit ein Gemälde verändert.
Dass dabei keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern eine höchst lebendige Malerei entstanden ist, zeigen seit 25 Jahren die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen. In der ehemaligen Kammgarnfabrik hat der Künstler, Sammler und Kurator Urs Raussmüller kapitale Werke der Kunst der Arte Povera und der Minimal Art aus den sechziger und siebziger Jahren zu einem Gralsort der Kunsterfahrung versammelt. Hier kann man Robert Rymans Werk so dicht wie an keinem anderen Ort dauerhaft erleben. In den seitlich geöffneten Räumen des obersten Stockwerks herrschen ideale Bedingungen für ein Zusammenspiel von Licht und Raum.
"Sehen Sie die beiden kleinen Gemälde dort an der Wand? Sie müssen hingehen, um sie genau betrachten zu können", sagt Ryman. Unmittelbar vor den beiden Werken dreht er sich nach links: "Hier hängt eine völlig andere Arbeit, und wenn man sich von ihr abwendet, fällt der Blick auf das große Gemälde gegenüber." Ryman und Raussmüller haben Klänge inszeniert, die Bilder schlagen Akkorde an, ziehen den Betrachter an und halten ihn auf Distanz. Da sie nichts darstellen oder symbolisieren, beziehen sie den umliegenden Raum viel stärker mit ein als narrative Kunst, in die wir erst einmal hineinblicken.
Ryman schaut neugierig und zufrieden auf das neue Arrangement seiner Werke. Der 78-Jährige wirkt nach einem langen Arbeitstag fragil, aber die Hinweise auf einen Hocker, den man ihm nachträgt, übergeht er elegant.
Und auch die kundigen Ausführungen, mit denen Raussmüller die Bedeutung dieser Lebensleistung hervorhebt, hört er sich höflich an. Sein eigener Lieblingssatz ist: "Sie müssen das anschauen." Es gibt für ihn weder Inhalte noch Konzepte, nur die Erfahrung zählt. "In den Museen teilen die Schildchen neben den Bildern eine Menge über ihre Herkunft mit, aber warum wir uns von ihnen überraschen lassen, warum wir plötzlich auf einem Werk von Cézanne etwas ganz Neues sehen, können sie nicht erklären. Das weiß niemand, das ist eine Art Magie." Diese Verzauberung ist auch das Ziel seiner eigenen Malerei, die er ganz in die Tradition der Gattung stellt: "Ich stehe in der Geschichte der Malerei.
Ich arbeite mit Oberfläche, Licht, Komposition, Struktur, mit den Elementen, die alle Maler benutzt haben, außer dass meine Malerei nichts erzählt oder symbolisiert. Und gerade dadurch entsteht etwas Neues." Dass er dabei bis auf wenige Ausnahmen die Farbe Weiß benutzt, ist zu seinem Markenzeichen geworden.
Ryman stellt diese Wahrnehmung mit einem Lächeln in Frage: "Ich habe nur ein einziges Mal weiße Bilder gemalt, sonst hat mich die Farbe nie interessiert." Und Raussmüller spitzt zu:
"Sehen Sie hier irgendwo Weiß?" Die Werke zeigen natürlich viele Nuancierungen, Weiß ist wie keine andere Farbe dazu geeignet, Licht und Raum zur Geltung zu bringen und auf jede Veränderung zu reagieren.
Wem dies alles zu kryptisch klingt, der darf daran denken, dass ein Bad- Painting-Fan wie Albert Oehlen gerne davon erzählt, wie begeistert er und Werner Büttner in den siebziger Jahren von dem amerikanischen Kollegen waren, weil dieser mit Malerei so nüchtern umging, alle möglichen Bedeutungen, die das Genre belasteten, über Bord warf und einfach in allen möglichen Variationen Farbe auftrug.
"Für uns war Ryman eine Art Anstreicher", sagte Oehlen ein mal voller Bewunderung im Gespräch.
Sicher liegt in dieser provokanten Überspitzung nur ein Teil der Wahrheit, gleichwohl überrascht dieser so stille Maler durch seine untergründige Zeitgenossenschaft.
So bezeichnet Robert Ryman seine Gemälde als "Elemente", die erst durch die Installation ihren ganz spezifischen Klang erfahren. "Urs Raussmüller und ich schaffen hier ein neues Werk, der leere Raum ist wie eine große, leere Leinwand, darin ist das einzelne Gemälde wie ein Pinselstrich", sagt er zur Neueinrichtung seiner Bilder in Schaffhausen. Das Verständnis vom einzelnen Werk als Modul eines variablen Zusammenhangs findet sich auch bei viel jüngeren und anders arbeitenden Künstlern.
Die neue Installation ist geglückt:
Die Gemälde haben etwas Leichtes, Freies, das Geflecht der Pinselstriche, die glatten Flächen, die wolkenartig aufreißenden Farbreliefs können einen in den Frieden und die Zeitlosigkeit einer Kindheit versetzen, in der ein Sonnenstrahl den Staub in der Luft verzaubert hat. Diese Unbeschwertheit reinigt die Sinne, und man schaut gelassen in die Welt zurück. Noch besser würde sich dies mit teilen, wenn man es ohne die pseudosakrale Aufladung erleben dürfte, mit der Raussmüller Rymans Werke präsentiert. Auratisierung wäre ein zwar begreiflicher, aber fataler Weg. Das gelegentliche Glucksen in Rymans Stimme ist himmelweit von abgehobener Kunstreligion entfernt.
Wahrnehmung ist etwas Alltägliches.
Das Befreiende, das ein ruhiges Schauen haben kann, lässt sich ohne Weiteres ohne mystische Schau gewinnen.
Neue Präsentation: "Advancing the Experience:
Robert Ryman and Urs Raussmüller", Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen. Literatur: Im Herbst erscheint im Eigenverlag eine umfangreiche Publikation zu sämtlichen Ryman-Präsentationen des Ortes. Internet: www.modern-art.ch
Bildunterschrift:
Seitenlicht ist wichtig für die Wirkung von Rymans Bildern "Finder" (160 x 161 cm, links) und "Embassy #I" (160 x 160 cm), beide von 1976, in den Hallen für Neue Kunst
Gralshüter des Minimalismus:
Robert Ryman (rechts) und Urs Raussmüller in dessen Hallen für Neue Kunst
Tests zur materiellen Beschaffenheit von Bildern: "Prototypes" (1969, je 51 x 51 cm)
Visuelle Akkorde: Blick in die Hallen für Neue Kunst mit Ryman-Werken von 1958 bis 1982
Für die Neuhängung hat Ryman die Holztafel ("Untitled", 2007, rechts) mitgebracht
"Ich arbeite wie alle Maler mit Oberfläche, Licht und Komposition"
