Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 40-41

"Unter vier Augen kann man Chinesen sehr viel sagen"

Von Gerhard Mack

CHINA' 08

Das Sammlerpaar Ullens hat in Peking ein Privatmuseum für Gegenwartskunst eröffnet. Im Interview verrät Guy Ullens, wie der Kulturaustausch in China läuft

Vor einem halben Jahr reiste zur Eröffnung des Ullens Center for Contemporary Art (UCCA) im November 2007 die internationale Kunstprominenz nach Peking. Das insgesamt 8000 Quadratmeter große Museum des belgischen Sammlerpaars Guy und Myriam Ullens im Dashanzi-Distrikt wurde als Sensation gefeiert. Jetzt plagen Personalwechsel das Haus. art-Korrespondent sprach mit Guy Ullens über Museumsmanagement, Diploma tie und Zensur in China. art: Herr Ullens, Sie und Ihre Frau haben im November das UCCA in Peking eröffnet. Inzwischen sind der Direktor Fei Dawei und eine Reihe weiterer Mitarbeiter gegangen. Was haben diese Wechsel zu bedeuten?

Ullens: Meine Frau und ich begannen mit dem Projekt vor drei Jahren.

Wir konnten gute Manager und Kuratoren verpflichten, aber niemand von ihnen hatte je ein Museum geleitet.

Fei Dawei ist immer noch sehr aktiv für uns, er wollte aber wieder mehr Forschung betreiben. Nach dem erfolgreichen Start baten wir deshalb Jérôme Sans, das UCCA nach den Maximen zu leiten, mit denen er das Palais de Tokyo in Paris aufgebaut hat. Nach seiner Nominierung gab es vielleicht ein paar Abgänge, aber im Ganzen ist das Team intakt und wird gerade verstärkt.

Jérôme Sans ist kein Chinese. Wie reagiert man vor Ort darauf, dass nun ein Ausländer die Leitung hat?

Die Mehrheit des Leitungsteams besteht bereits jetzt aus Chinesen. Sie erhalten mit wachsender Erfahrung zunehmend mehr Verantwortung.

Wir stellen gerade auch einen Aufsichtsrat und einen Beirat zusammen, in denen viele Chinesen sitzen.

Sie haben bereits zur Eröffnungsfeier sehr viele Ausländer eingeladen.

Gab es da keinen Neid auf den reichen Sammler aus dem Westen?

Neid habe ich keinen verspürt, es wurde aber nicht überall verstanden, wieso wir so viele Ausländer eingeladen haben. Wir mussten das jedoch tun, um in den Augen der Chinesen bestehen zu können. In China gibt es immer noch ein starkes Gefühl der Unterlegenheit der eigenen Kultur, und man wollte sehen, ob wir dort etwas machen, das vor der internationalen Kunstgemeinde Bestand hat.

Die Chinesen sind außerdem sehr weltoffen und neugierig auf Reaktionen von außen. Wir konnten nach der Eröffnung deutlich machen, dass das neue Kunstzentrum in langer Sicht für die Chinesen gedacht ist, nicht für uns oder für den Westen.

Wie wird das UCCA bisher von den Besuchern angenommen?

Wir haben sehr viel Besuch von wichtigen Kuratoren der internationalen Kunstszene. Da sind wir in kürzester Zeit zu einem "Must" geworden.

Die se Besuche werden inzwischen auch von der chinesischen Regierung unterstützt. Aber es kommen noch keine Klassen von Schulen und Kunstakademien.

Chinesen sind nicht an Museen gewöhnt. Wir möchten Kontakte zu den nationalen Kunstakademien aufbauen und mithelfen, Professuren für zeitgenössische Kunst zu etablieren. Das gibt es bisher nicht.

Das UCCA stand bei der Eröffnung auch für ein kulturelles Tauwetter im Vorfeld der Olympischen Spiele in China. Ein paar Monate später kam die Tibet-Krise mit vielen Restriktionen.

Wo steht China heute?

Man muss das längerfristig anschauen.

Ich bin seit 21 Jahren in China tätig und erlebe ständig, wie genau Politiker die Probleme ihres Landes kennen und wie schnell sie seine Entwicklung vorantreiben. Darauf mussten wir uns einstellen und die richtigen Wege zu den Behörden finden.

Das war nicht immer einfach, aber inzwischen haben wir deren volle Unterstützung. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir heute in einem anderen Klima arbeiten.

Wie weit ist das UCCA von Restriktionen der Behörden betroffen?

Es gab ein paar Probleme mit Visa für unsere Angestellten, aber inzwischen läuft alles wieder normal.

Haben Sie Mühe mit der Zensur?

Das Verhältnis zwischen der Regierung und der Kunstszene hat sich sehr entspannt. Noch vor fünf Jahren hätten wir das UCCA nicht realisieren können. Viele Werke in unserer Eröffnungsausstellung waren 1989 in einer Ausstellung, die nach drei Tagen geschlossen wurde. Jetzt können sie problemlos gezeigt werden. Zensur ist heute auf sehr wenige Dinge begrenzt. Sie betrifft drastische Darstellungen von Sex, die Person von Mao und offen politische Dinge.

Stimmen Sie Ihre Ausstellung mit Regierungsstellen ab?

Die Chinesen gaben bisher einige wenige Dinge vor, die sie nicht wollten.

Aber so etwas haben wir im Westen auch. Hier gibt es auch "political correctness". Als wir unsere Sammlung in Paris zeigten und Jean-Michel Wilmotte, der die Ausstellungsarchitektur verantwortete, hörte, dass Frau Chirac kommt, hängte er ein drastisches Bild ab. Wir haben den Chinesen keine Lektion zu erteilen. Das will der Westen immer wieder. Unter vier Augen kann man Chinesen sehr viel sagen - wenn man es freundlich tut. Aber es muss so sein, dass beide Seiten ihr Gesicht wahren können. Ich liebe die Chinesen, und sie wissen das.

Die Sammlung und das Zentrum sind das Werk von Ihnen und Ihrer Frau. Wie stark nehmen Sie beide Einfluss auf das Programm?

Wir wollen, dass man noch spürt, wie wir gesammelt haben, was uns gefällt, wo wir Fehler gemacht haben. Und wir wollen einige unserer schönsten Werke der klassischen chinesischen Malerei zeigen, um eine historische Dimension anzudeuten.

Wir gehen bisher alle drei Wochen nach Peking und diskutieren mit. Alle wissen, wie wir denken.

Aber wir greifen sehr wenig ein.

Die eigentlichen Entscheidungen treffen die Kommissionen und unsere jungen Kuratoren, die eine chinesische Perspektive einbringen.

Derzeit sind Teile Ihrer Sammlung ausgestellt, vorher haben Sie auch im Westen lebende Künstler gezeigt.

Welches Selbstverständnis ist damit verbunden?

Das UCCA soll nicht ein Showroom für unsere Sammlung sein. Wir wollen mit dem Zentrum den kulturellen Austausch fördern und sehen es als eine große internationale Kreuzung.

Hier können westliche Künstler, wenn sie nach Peking kommen, sich mit ihren chinesischen Kollegen treffen.

Unsere Sammlung erleichtert es dem UCCA, Ausstellungen zu machen, aber im Zentrum stehen soll sie nicht.

Ihre Sammlung ist inzwischen auf über 2000 Werke angewachsen.

Das UCCA braucht Mittel. Wie finanzieren Sie Ihr Engagement?

Ich komme aus einem alten belgischen Familienunternehmen, das es seit der ersten industriellen Revolution gibt und sein Geld lange Zeit mit der Verarbeitung von Zucker und der Herstellung von Alkohol für Getränke verdient hat. Ich hatte das Glück, mit dem Verkauf des Traditionsgeschäfts und dem Umbau der Firma Geld zu verdienen.

Wie viel kostet Ihr Engagement in Peking?

Das wissen wir noch nicht. Wir müssen die Budgets ständig revidieren.

Und wir können vielleicht das ganze Gebäude mieten und unsere Ausstellungsfläche auf über 8000 Quadratmeter verdoppeln. Dann wäre es möglich, mehrere Ausstellungen nebeneinander zu zeigen.

Verkaufen Sie Kunst aus der Sammlung, wenn sie hohe Preise erzielt, um Werke von noch unbekannten Künstlern zu erwerben?

Das würde unsere Beziehung zu den Künstlern zerstören. Wir wären plötzlich eine Galerie, die zufälligerweise nebenan noch ein Museum hat. So etwas geht nicht.

Derzeit finanzieren Sie und Ihre Frau das UCCA. Ist das ein Modell für die Zukunft?

Nein, wir müssen uns Einnahmequellen erschließen. Eine könnte ein Hotel sein, das wir planen. Eine andere das Restaurant, das das Zentrum bereits hat und das wir uns größer vorstellen können.

Halten Sie das UCCA für eine sichere Investition?

Für eine sehr sinnvolle, aber nicht für eine sichere. Ich habe keine Angst, dass die Regierung das Zentrum übernehmen und uns enteignen möchte. Dazu haben wir zu viele positive Signale der Wertschätzung von politischer Seite erhalten. Wenn wir uns in der Richtung entwickeln, die wir anstreben, wird das UCCA in fünf bis zehn Jahren ohnehin eine Institution sein, die Chinesen für Chinesen betreiben. Die Gefahr liegt woanders.

Wir haben das Eis gebrochen.

Es wird bald weitere ähnliche Institutionen geben. Dann müssen wir im Wettbewerb bestehen. Wir befinden uns in einem Rennen. Man nimmt jedes Jahr die Würfel und wirft sie auf den Tisch. Jedes Mal beginnt ein neues Spiel. Wir dürfen nicht schlafen.

Ausstellung: "Our Future: The Guy & Myriam Ullens Foundation Collection", UCCA, Peking, bis 12. Oktober. Internet: www.ucca.org.cn

Bildunterschrift:

Zeitgenössische Kunst in alten Fabrikhallen: das Ullens Center in Pekings Kunstbezirk Dashanzi

Museumsgründer Myriam und Guy Ullens vor einem Bild des Malers Geng Jianyi. Ihre Sammlung chinesischer Kunst umfasst über 2000 Werke von der Song-Dynastie (960 bis 1279) bis heute

"Ich habe keine Angst, dass die Regierung das UCCA übernehmen will"