Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 52-59
Leib und Wahrheit
Von Hans-joachim Mller
Teutonischer Impressionist? Verkappter Expressionist? Lange galt Lovis Corinth als Sonderling der Kunstgeschichte. Jetzt entdeckt eine Schau in Paris, Leipzig und Regensburg den Maler als unabhängigen Geist der Moderne
HANS-JOACHIM MÜLLERAnkunft in der Sommerfrische.
Maler, Ehefrau, Tochter, Hund.
Ein schöner Tag in Urfeld am Walchensee. Sohn Thomas kommt ihnen auf der Straße entgegen, schwenkt den Trachtenhut, nimmt die Leinwand ab. Oben im Dorf hinter den Geranien warten sie schon auf den Gast. So ist es recht, schließlich hat der Gast einen Namen. Wenn Lovis auch nicht so bayrisch klingt wie Loisl, weiß doch jeder bis zur Sennhütte hinauf, dass sie in der Stadt für Corinths Bilder Preise bezahlen, für die man hier oben eine ganze Jungvieh-Alm bekäme.
Seltsam adrett, dieser Auftritt, wenn man ans populäre Künstlerklischee denkt. Könnte man sich die französischen Kollegen von 1920 so bürgerlich Hof haltend vorstellen? Der Maler als treu sorgender Paterfamilias, ohne Flecken auf der Hose, touristisch heiter, fast hört man den ADAC-Schutzbrief in der Jackentasche knistern. Man hat sich immer etwas schwer getan mit diesem Maler, nie recht gewusst, wo man ihn verstecken könnte. Gehört er noch ins 19. oder doch schon ins 20.
Jahrhundert? Irgendwo zwischen Alt und Neu, wo aber wäre das? Hauptmeister des deutschen Impressionismus.
Verkappter Expressionist. Lauter Notetiketten, die ihm die Kunstgeschichtsschreibung anhängte wie einer unbekannten Leiche in der Pathologie.
Ein Renegat aus Teutonien, der keinen Blick dafür hat, wie die Formenwelt im kubistischen Experiment zerbricht, während er noch einmal die alten Bühnenklamotten aus dem Fundus holt und das ausgediente mythische, biblische Personal vor seiner Staffelei aufbaut.
Da schreibt Picasso mit seinen ersten Studien zu den "Demoiselles d'Avignon" Weltkunstgeschichte, und der deutsche Maler hat nichts Besseres zu tun, als Frau Charlotte und Sohn Thomas die "Jugend des Zeus" spielen zu lassen und selber auf der arkadischen Bildbühne als nackter Bacchant mit Faunsschwanz her umzuhopsen. Außerhalb des Ateliers freilich ohne jegliche Verhaltensauffälligkeit.
Anti-Boheme und Malerstolz in Person. Das Gegenbild zum genuin Verlorenen, Verworfenen, Unverstandenen, das Gegenbild auch zum visionären Manifesteschreiber und schnaubenden Kunstrevolutionär. Einer, der über allen Kunstfortschritts- Verdacht erhaben scheint und dabei blind für die Zeichen der Zeit.
Was tun mit Lovis Corinth, geboren 1858 in Tapiau, Ostpreußen, gestorben 1925 im niederländischen Zandvoort.
Wohin mit ihm? Zumal es bei seinen unavantgardistischen Umtrieben ja nicht gerade zimperlich zuging.
Das Grobianische dieser Bilderwelt ist den Zeitgenossen nie ganz geheuer gewesen.
Mit Hingabe arbeiteten sich die Kommentatoren an dem borderlinigen Maltemperament ab: "ein Aktmaler von derber, sinnlicher, oft brutaler Malerkraft" (Anton Springer), "ein Techniker von unerhörter, brutaler, oft sogar roher Bravour" (Hans Hildebrandt), "starke Begabung mit einer erstaunlichen Derbheit des Empfindens gepaart" (Friedrich Haack), "Realist ohne Realismus, geistig ohne jede Kinderstube geistiger Art" (Julius Meier- Graefe). Und leicht pikiert merkt Friedrich Haack an: "Gesunde Sinnlichkeit in Ehren - aber wirkt es nicht doch peinlich, wie dieser Mehr-als- Jordaens seine überschäumende Sinnenfreude bisweilen öffentlich zur Schau stellt?!" Nun wissen wir nicht, ob der Mehr-als-Jordaens einmal in den gelehrten Chroniken geblättert und die Urteile gelesen hat, die seinem Überschaum galten. Vielleicht würde er mit Genugtuung und leichter Verwunderung zusehen, wie gebannt wir heute vor seinen Bildern stehen und erst jetzt aus dem groß gewordenen Abstand erkennen, wo Lovis Corinth eigentlich hingehört: in die Galerie der starken, der ganz starken Maler.
Cézanne hat das Badenden-Thema, Renoir den Nymphen-Traum in die Moderne retten wollen. Der eine mit anrührender Überanstrengung, immerzu im Kampf, der andere mit dem wehmütigen Lächeln des Alters über die Jugend. Weder Schlachten noch Schmachten bei Corinth. Mit einer ungemeinen Aufgeklärtheit macht er sich an den überkommenen Stücken zu schaffen und ist längst schon über die klassischen Texte hinaus.
Während auf der Wagner-Bühne die Walküren noch immer wie gemästete Amazonen aussehen, malt Corinth eine Salome, die dem frisch abgeschlagenen Täufer-Haupt in der blauen Glasschüssel die gebrochenen Augen aufdrückt. Das ist von so abgründiger Bosheit und so abgründiger Angst zugleich, dass man als Westler zu DDRZeiten alle obrigkeitliche Ranküne ertrug, nur um einmal vor dem Leipziger Bild stehen zu können.
Die Schminke und das Theaterblut, die Travestien in den aufgeputzten Kostümen, das freche Aufsagen der Rembrandt- oder Rubens-Rolle: Es waltet in diesem Werk eine so wunderbare Freiheit, Frechheit, Ironie, Gescheitheit auch, dass man nun doch etwas Mühe hat, einem wohlmeinenden Schöffen wie Julius Meier-Graefe bei seinen animalischen Zuschreibungen zu folgen:
"Das physische Vermögen schwält dem Betrachter aus manchem Corinthschen Bilde wie tierische Brunst entgegen." Solange man die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts als Geschichte der beständigen Erfindungen, Verwerfungen, Überbietungen erzählt hat, musste ein Werk wie das von Lovis Corinth befremdlich zurückgeblieben erscheinen, außenseiterisch, verloren im Strom der Avantgarden.
Vor dem Hintergrund der jungen fi- gürlichen Malerei, vor dem Triumph der Körperbilder dieser Jahre indes wird der Blick wieder freier auf einen Ahnen, dem man nie viel mehr als post barocke Clownerie und historisierendes Ungestüm zugebilligt hat.
Das ist das eigentlich Spannende an dieser Ausstellung: wie man den exzellenten Porträtisten, den gnadenlosen Selbstbeobachter, den penetranten Aktmaler allemal durch die 3-D-Brille der Gegenwart sieht; wie die Bilder im Kopf - Bilder von Lucian Freud, Jenny Saville, Alice Neel oder Marlene Dumas - auf einmal transparent werden und die nackten Leiber des Lovis Corinth wie geheime Regieanweisungen durchscheinen.
Es waren auch die Maler, die sich die Regie gerne gefallen lassen haben.
Kokoschka, Polke, Lüpertz, mit Freuden haben sie den Corinth-Preis des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg entgegengenommen. Bei Bernhard Heisig geht der Alte bekanntlich wie ein Hausfreund ein und aus. Und als sich der ehemalige Staatsmaler mit Toten-Marionette in der Hand präsentierte, dachte er natürlich an Corinths "Selbstporträt mit Skelett" aus dem Jahr 1896. So wie Anselm Kiefer an dieses Selbstbildnis gedacht hat und es weiterdenkt zur still schönen Corinth-Hommage mit fei nem Geäst und vertrockneten Sonnenblumen.
Dass die konzentrierte Werk schau an ihren verschiedenen Spielstätten über Corinth hinaus sieht - in Paris Kiefer mit einschließt, in Leipzig Baselitz, Fetting, Lüpertz, Gille, Heisig, Sitte -, ist also nicht unbegründet.
Und doch sind es nicht eigentlich die Bildzeichen des tragischen Menschseins, die die jähe Modernität dieses Werks in Erinnerung rufen.
Natürlich darf man sich in Corinths Landschaften wohlfühlen.
Dass er den Walchensee trefflich getroffen hat, als die Familie am Ur laubsort untergebracht war, ist wohl wahr. Bestaunen darf man auch das malerische Feuer, die geniale Groß zü gigkeit, durch die der Maler mit ein paar Pinselhieben eine Diwandecke zum tachistischen Ereignis gemacht hat.
Aber aufregender ist doch immer der Körper, der auf dem Diwan liegt. Und noch aufregender ist, wie er da liegt.
Da ist Corinth ganz bei sich, da ist er nie nur Bühnentechniker, nie Theatermacher, wenn er Körper malt, unbekleidete, wenn er ihre Erdenschwere malt. Kein zweites Werk hat aus den Fantasien so viel Masse gewonnen, hat sie eingeschlossen in die fahle Hülle Haut, die wie eine dünne Membran um das dinghaft schwere Körperfleisch gespannt ist. Dünn genug für das pralle Selbstgefallen, dass es wider alle ästhetischen Regeln durch die Haut in die Welt drückt. Dünn genug aber auch für den schmerzhaften Gegendruck der Welt. Strotzende Körper, strahlende, matte, verfallende, überförmige, unförmige, ausgesetzte. Antimetaphysischer ist Malerei schlechterdings nicht denkbar. Vom Körperideal, das die Geschichte der Nacktheit so beflissen tradiert hat, ist nichts geblieben.
Von Werkbeginn an zeigt der Körper Spuren des Gewöhnlichen, des Berührten, des Gebrauchsgegenständlichen.
Nicht, dass sich Corinth malerisch an seinen Modellen vergriffe, dass er sie preisgäbe, bloß an die Blicklust verriete. Das Ungeheuerliche ist mehr noch diese Kumpanei zwischen Maler und Modell, das Einverständnis, mit dem sie in ihrer gemeinsamen Inszenierung bis an die Grenzen des Erträglichen gehen.
Also sollte man den deutschen Maler nicht schmähen, nur weil er mal in die Ferien geht. Sitzt am Walchensee, malt den Jochberg und denkt schon wieder an eine nackte Susanna - eine mit breiten Hüften, die sich vor den Spannern in Jojakims Garten ganz ungeniert aufrichtet und sichtlich ungeeignet dazu, ihre moralische Botschaft rüberzubringen, die übergriffigen Blicke erst einmal erwidert, bevor sie ihnen ausweicht. Die Leute in Urfeld können das alles nicht ahnen. Sie ziehen den Tirolerhut vor dem famosen Urlauber. Und das ist auch gut so.
Termin: "Lovis Corinth und die Geburt der Moderne", bis 19. Oktober, Museum der bildenden Künste Leipzig. Danach: 9. November 2008 bis 15. Februar 2009, Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. Katalog: Kerber Verlag, 29 Euro, im Buchhandel 65 Euro. Literatur: Peter Kropmanns: "Lovis Corinth - Ein Künstlerleben".
Hatje Cantz Verlag 2008, 22,80 Euro.
Internet: www.mdbk.de, www.kunstforum.net
Bildunterschrift:
Biedermann in der Sommerfrische: Familie Corinth um 1920 in Urfeld am Walchensee
1902 malte Lovis Corinth das freizügige "Selbstporträt
mit Charlotte Berend und Sektkelch" (99 x 109 cm), zwei Jahre später heiratete er die Schülerin
Es ging nicht zimperlich zu. Das Grobianische dieser Bilderwelt ist den Zeitgenossen nie ganz geheuer gewesen
Wilhelminisches Figurentheater: "Frauenraub (Kriegsbeute)" von 1911 (90 x 70 cm)
Malerische Meisterschaft jenseits aller Stilschubladen: "Matinée" (74 x 62 cm) aus dem Jahr 1905
Vorbild Lovis Corinth: Lucian Freuds "Frau, den Daumen haltend" (1992, 124 x 121 cm)
Blick durch die 3-D-Brille der Gegenwart:
Jenny Saville, ohne Titel (1992, 213 x 152 cm)
Vom Beginn an zeigt auf Corinths Bildern der Körper Spuren des Gewöhnlichen, des Berührten, des Gebrauchsgegenständlichen
Seiner Zeit weit voraus: "Liegender weiblicher Akt" (1907, 96 x 120 cm)
Gänzlich ungeniert: "Susanna und die beiden Alten" von 1923 (148 x 108 cm)
"Das physische Vermögen schwält dem Betrachter aus manchem Corinthschen Bilde wie tierische Brunst entgegen"
Einverständnis zwischen Maler und Modell: "Selbstporträt mit Rückenakt" aus dem Jahr 1903 (101 x 90 cm)
