Ausgabe: 08 / 2008

Wie die Abstraktion in die Welt kam

Der Russe Wassily Kandinsky erinnert sich 1935 eines undatierten, unsignierten, nicht nummerierten und zu allem Überfluss auch noch verschollenen Gemäldes aus dem Jahr 1911. Zu gern, schreibt er in einem Brief, würde er den Beweis erbringen, dass er der Schöpfer dieses "historischen" Werks sei. Denn: "Da es zu diesem Zeitpunkt keinen anderen Künstler gab, der abstrakte Bilder malte, ist es das weltweit erste abstrakte Gemälde." Tatsächlich reicht das Experimentieren mit abstrakten Flecken und Klecksen, mit bloßen Formen und Farben, mindestens bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Hans Arp geht sogar noch weiter:

"Die ‚neue Kunst'", schreibt er 1915, "ist so neu wie die ältesten Gefäße, Städte, Gesetze und wurde von den älteren Völkern Asiens, Amerikas, Afrikas und zuletzt von den Gotikern geübt." Neu ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts denn auch weniger die von allem Gegenständlichen bereinigte Bildform als die Tatsache, dass man sie plötzlich für eine rundum erneuerte Weltordnung einstehen lässt. "Es gibt ein altes und ein neues Zeitbewusstsein", fasst 1918 das erste De-Stijl-Manifest zusammen: "Das alte richtet sich auf das Individuelle.

Das neue richtet sich auf das Universelle." Die gegenstandslose Kunst soll nichts geringeres als einen globalen Aufschwung zu höherer Geistigkeit herbeiführen.

Kandinsky malt spirituell aufgeladene "Improvisationen", "Kompositionen" und "Impressionen", Kasimir Malewitsch ab 1915 seine radikal schwarzen Quadrate. Robert und Sonia Delaunay entwerfen von der Musik inspirierte orphistische Kreise, Piet Mondrian leitet aus kubistischen Rastern streng rechtwinklige Gitterbilder ab. Bei "konkreten" Künstlern wie Theo van Doesburg und Max Bill verselbständigen sich die bildnerischen Mittel weiter; das Bauhaus überführt sie aus der freien Kunst in die Gestaltung, die den Alltag des "neuen Menschen" weltweit revolutionieren soll. Den Nazis fehlt der Sinn für die Utopien der abstrakten Avantgardisten, der politische Umbruch leitet Anfang der dreißiger Jahre das Ende der "klassischen" Phase der abstrakten Kunst ein.

Sie zu rehabilitieren bemüht sich nach dem Zweiten Weltkrieg prominent Werner Haftmann mit der Documenta. Die feiert die Abstraktion als "Modellfall von Menschheitskultur" (Haftmann) und bringt die informellen Gesten eines Wols, Emil Schumacher oder Jean Fautrier im geteilten Deutschland gegen den Realismus der sozialistischen Nachbarn in Stellung. Auch die USA tragen anhand von Abstraktem Expressionismus und Nachmalerischer Abstraktion ideologische Kämpfe aus. Action-Painter wie Jackson Pollock und Willelm de Kooning, Farbfeldmaler wie Barnett Newman und Mark Rothko sowie die hartkantige Malerei eines Frank Stella oder Kenneth Noland finden im Kunstkritiker Clement Greenberg einen mächtigen Fürsprecher. Gegen die "Diktatur der Abstrakten" macht sich ab der Mitte der fünfziger Jahre die Pop Art stark.

In Europa knüpfen Vertreter der Op Art wie Bridget Riley oder die Gruppe Zero an die Wahrnehmungsexperimente früher Konstruktivisten an. Auch Neo-Geo besinnt sich mit Künstlern wie Imi Knoebel, Günther Förg und Helmut Dorner in den achtziger Jahren des Erbes klassischer Avantgarden. Das postmoderne "Anything Goes" lässt die Abstraktion als eine Bildform unter vielen gelten - nun nicht nur von Gegenständen und Figuren befreit, sondern auch von ideologischen Attitüden und dem ehrgeizigen Pioniergeist ihrer "Erfinder". M. R.

Bildunterschrift:

Wassily Kandinskys "Komposition" (um 1911)

Sonia Delaunays "Prismes électriques" (1914)

"Schwarzes Quadrat" (ab 1915) von Kasimir Malewitsch

"Composition A" (1920) von Piet Mondrian

Jackson Pollocks "Number 22" (1950)

"Die Windmühle" (1951) von Wols

Barnett Newman: "Who is afraid of Red ..." (1969/70)

Bridget Riley: "Ease" (1987)

Imi Knoebels Collage aus der Serie "Portraits" (1998)

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