Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 35-36
Wie korrumpiert bin ich schon?
Von Till Briegleb
Der China-Boom eröffnet Architekten ungeahnte Chancen. Aber wie immer in Diktaturen: Es ist Haltung gefragt. Der Stand der Debatte
Das Resumee von Amnesty International zur aktuellen Entwicklung in China ist alles andere als positiv: "Die Olympischen Spiele haben darin versagt, als Katalysator für Reformen zu dienen", erklärte die Menschenrechtsorganisation im Vorfeld der Spiele. Entgegen dem Versprechen der chinesischen Regierung von 2001, "wenn Sie Peking zum Gastgeber machen, helfen Sie der Entwicklung der Menschenrechte", zeige sich nun, dass ein großer Teil der aktuellen Menschenrechtsverletzungen "nicht trotz der Olympischen Spiele stattfindet, sondern wegen ihnen." Die Säuberung des Stadtbildes von "Kleinkriminellen, Obdachlosen, Bettlern und Drogenabhängigen", die in Lagern durch "Arbeit umerzogen" werden können, gehört ebenso zu diesen olympischen Repressionen wie Haftstrafen für Olympiakritiker oder Zensur und Überwachung von Internet, Medien und SMS, vom Einschreiten im Tibet ganz zu schweigen.
Der starke Wunsch totalitärer Regime nach einer harmonischen Selbstdarstellung äußert sich aber nicht nur in einer repressiven Hygie ne gegen alles Widerspenstige und Störende, sondern gleichzeitig in der großen Inszenierung von Überlegenheit und Stärke. Das Ideal des perfekten Staates, nach dem alle Diktaturen streben, muss ohne Makel und voller Pracht sein. Vom "Dritten Reich" über den stalinistischen Führerstaat bis zu den asiatischen Diktaturen besteht deswegen ein klarer Zusammenhang zwischen der politischen Unterdrückung und der stolzen Selbstverherrlichung durch Architektur und Spektakel. Und damit stellt sich anlässlich des größten Sportereignisses der Welt die Frage nach der Moral des Architekten, die in deutschen Medien in den letzten Wochen intensiv diskutiert wurde.
Auf den ersten Blick zeigen sich in der Debatte zwei klar gegensätzliche Positionen.
Die Gegner eines Engagements in China, etwa Christoph Ingenhoven, Stefan Behnisch, Wolf D. Prix vom Wiener Büro "Coop Himmelb(l)au" oder Daniel Libeskind, erklären, dass der Architekt sich in China und anderen totalitären Staaten nur zum Handlanger von Despoten macht. Stefan Behnisch spricht in diesem Zusammenhang von "Blauäugigkeit" und "Opportunismus" seiner Kollegen und erklärt kompromisslos: "Die Tatsache, dass man China hofiert, ist der Fehler." Dem widersprechen zahlreiche europäische Architekten, die in China spektakuläre Projekten realisieren, mit dem Argument, dass ihre Arbeit Teil eines Öffnungsprozesses sei. Doch so klar polarisiert, wie sich der Streit zunächst darstellt, sind die Positionen keineswegs. Ingenhoven möchte in China zwar nicht für staatliche, wohl aber für private Bauherren arbeiten (obwohl die Grenzen zwischen Wirtschaft und Politik in China gerade für Außenstehende nur schwer zu erkennen sind). Libeskind nähme sogar Staatsaufträge an, wenn es sich etwa um ein "Zentrum für Demokratie" handeln würde (obwohl gerade bei einem solchen Projekt der Propagandaschwindel doch sehr nahe läge). Und Wolf D. Prix erklärt zwar kategorisch, "wir bauen nicht in China und Dubai", hätte sich aber über eine Einladung zum Gazprom-Wettbewerb im russischen St. Petersburg gefreut, obwohl dieser Energiekonzern extrem eng mit den demokratiefeindlichen Autoritäten des Landes verflochten ist. Ähnlich widersprüchlich äußern sich die Befürworter. Unverhohlene Begeisterung über die Chancen visionärer Architektur, die China den Baumeistern zu den Spielen bietet, gerät hier regelmäßig in Konflikt mit einem kritischen Selbstverständis und führt zu teilweise dubiosen Rechtfertigungen. Der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan, der in China unter anderem die unheilvolle Idee einer Idealstadt umsetzt, erklärt: "Die meisten Chinesen sind doch zufrieden mit ihrem System" und schwärmt von der ungebremsten Selbstverwirklichung, die China ihm erlaube.
Der Niederländer Rem Koolhaas, der für das chinesische Staatsfernsehen eine neue spektakuläre Zentrale baut, hält es "für ziemlich einfältig, dass der Westen immer nur kritisiert. Diese Art von Dauerkritik führt nur in eine Sackgasse." Und Jacques Herzog vom Schweizer Büro Herzog & de Meuron, das das Olympiastadion in Peking entworfen hat, meint, dass "die dramatische wirtschaftliche Entwicklung in China der eigentliche Motor des Prozesses der gesellschaftlichen Veränderung" sei und lehnt Proteste und Boykott als politische Mittel ab.
Sein Entwurfspartner, der chinesische Starkünstler Ai Weiwei (art 8/2007), hat da inzwischen eine andere Meinung zu dem Thema. Er schäme sich angesichts der Entwicklung in China für seine Beteiligung an dem Projekt, erklärte er und beschrieb das neue China wie folgt: "Keine Gerechtigkeit, keine Gleichheit, nur Betrug und Verrat. Mehr korrupte Kader, endlose Lügen und fragwürdiger Wohlstand." Angesichts der extrem unterschiedlichen Erfahrungen, die europäische, darunter zahlreiche deutsche Architekten in China machen, ist ein derartig klares Urteil wie das von Ai Weiwei den Exportarchitekten tatsächlich kaum möglich. Fälle von Ideenklau, schlechter Zahlungsmoral, politischer Einflussnahme und abstrusen Verhandlungsprozessen gehören ebenso zu den negativen Erlebnissen wie die miserablen Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter auf den Großbaustellen.
Andererseits treffen sie in China immer wieder auf pragmatische Entscheider, auf offene Ohren für Umwelt- und Stadtentwicklungsprobleme, auf große Neugier für Ideen und ein ernsthaftes Interesse, die dramatischen Probleme des gesellschaftlichen Umbaus intelligent und gerecht zu lösen.
Große kulturelle Unterschiede in den Umgangsformen, die eine Verständigung frei von Missverständnissen unmöglich machen, mögen zudem manches Urteil über die Diktatur des Proletariats in China in ein falsches Licht rücken. Und nur wohlgelitten ist die fremde Expertise in China auch nicht. Die Vergabe aller bedeutenden Bauprojekte an ausländische Architekten (Nationalmuseum und Nationaltheater, Flughäfen und Sportstätten, die höchsten Häuser und schönsten Lagen) ließ einen Pekinger Architekten bereits von einem "architektonischen Atomwaffentestgelände" für ausländische Stararchitekten sprechen.
Die Unterschiedlichkeit der Erfahrungen, die das Arbeiten in China zulässt, zeigt aber zumindest, dass das Land kein sturer diktatorischer Monolith ist, der von der Spitze bis zum Fußvolk in Befehlsketten erstarrt. Das Nebeneinander von offenen und hermetischen Strukturen, von Brutalität und Freizügigkeit verlangt von den Architekten allerdings ein großes Maß an Haltung, damit der Vorwurf des Opportunismus ins Leere geht. Entscheidend ist die Selbstkontrolle, wie korrumpiert man schon ist - oder wie Jacques Herzog für sich und seine Kollegen fordert, dass man "das Respektieren der Menschenrechte stets von neuem zum Thema machen muss".
Bildunterschrift:
CCTV-Tower für das Staatsfernsehen, geplant von Rem Koolhaas
Das Olympiastadion von Herzog & de Meuron - Berater Ai Weiwei distanzierte sich bereits
"Abstrakte Steinskulpturen": der 104 Meter hohe
