Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 115

Ein Titan der Kunst tritt ab

Von Ute Thon

Nachruf: Zum Tod von Robert Rauschenberg

Es ist immer ein Schock, wenn ein großer Künstler stirbt.

Doch bei Robert Rauschenberg, 82, einem der wichtigsten amerikanischen Vertreter der Pop-Art- Generation, mischt sich in die Trauer auch ein bisschen Unglauben.

Hat uns Bob, wie Freunde ihn nannten, nicht schon öfter an der Nase herum geführt?

Er hat Hurrikans überlebt und Schlaganfälle, das gleißende Rampenlicht, Mega-Ruhm und vorübergehende Ignoranz. Als vor zwei Jahren seine große Ausstellung "Combines" mit den berühmten Assemblage-Arbeiten der fünfziger und sechziger Jahre in den USA und Europa tourte, wurde er noch einmal gefeiert.

Und obwohl er inzwischen an den Rollstuhl gefesselt war und durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt, ließ er es sich nicht nehmen, zu den Eröffnungen nach Los Angeles, Paris und Stockholm anzureisen.

"Die Presse reagierte so, als hätte ich ihr etwas vorenthalten", sagte Rauschenberg damals im art-Gespräch - einem seiner letzten großen Interviews (art 12/ 2006). "Vor 50 Jahren, als diese Arbeiten entstanden, konnte ich damit nicht mal meine Miete begleichen." Das hat Rauschenberg aber nie vom Arbeiten abgehalten.

In seiner über sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere hat er über 6000 Werke geschaffen, Editionen und Drucke nicht mitgerechnet.

Und er hat die Kunstwelt immer wieder revolutioniert. So etwa Anfang der fünfziger Jahre, als er rein weiße und dann monochrom- schwarze Bilder malte.

Berühmt wurde der in Texas geborene Künstler vor allem mit seinen Assemblage-Bildern, für die er Fundstücke auf Bildkörper montierte. 1964 gewann er als erster US-Künstler den großen Preis der Venedig-Biennale.

Anfang der Siebziger verließ Rauschenberg New York und siedelte sich auf Captiva Island, einer Halbinsel in Florida an. Dort hat er kontinuierlich weitergearbeitet - auch als er zunehmend unbeweglicher wurde. Auf die Frage, ob er manchmal an den Tod denkt, sagte er im art-Interview:

"Nein. Ich arbeite jeden Tag, das hält mich am Leben. Das hat mich auch durchhalten lassen, als wir eine Serie schlimmer Hurrikans hatten. Ich saß den Sturm in meinem Atelier aus." Robert Rauschenberg ist tot, es bleibt sein vielschichtiges Werk, das noch Generationen von Künstlern beeinflussen wird.

Bildunterschrift:

Robert Rauschenberg im Jahr 2005