Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 114

"Zeit für nichtdeutsche Sicht"

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Venedig-Biennale: Brite soll deutschen Pavillon bespielen

Nicolaus Schafhausen hat den britischen Künstler Liam Gillick eingeladen, 2009 den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu bespielen. Diese Entscheidung des Direktors des Witte-de-With-Kunstzentrums in Rotterdam, der bereits 2007 als deutscher Biennale-Kurator tätig war, hat viel Verwunderung hervor gerufen. art-Redakteur Alain Bieber sprach mit Schafhausen über seine Wahl: art: Gibt es zu wenig gute deutsche Künstler - oder warum haben Sie einen Briten gewählt?

Schafhausen: Es gibt sehr viele gute deutsche Künstler; meine Entscheidung für Liam Gillick möge man bitte nicht als Absage an die Qualität zeitgenössischer Kunst aus Deutschland missverstehen.

Ich finde es allerdings an der Zeit, auch einmal das Nachdenken über deutsche Themen aus nichtdeutscher Sicht zuzulassen. Liam Gillicks Kunst versteht sich als offene Struktur, die auf verschiedenen Ebenen gesellschaftliche, politische, ökonomische oder auch institutionelle Veränderungen diskutiert.

Brechen Sie da nicht das Konzept der Länderpavillons auf?

Das Konzept der Länderpavillons scheint in Zeiten des globalisierten Kunstbetriebs sicherlich ein wenig veraltet, gleichwohl liegt jedoch gerade der Reiz der Venedig- Biennale darin, sich mit diesem Konzept produktiv auseinanderzusetzen.

Die Nominierung von Gillick ist eine Form dieser Auseinandersetzung. Auf inhaltlicher Ebene wird es durchaus um deutsche Gegenwart gehen, eben diesmal nicht von einem deutschen Künstler formuliert.

Glauben Sie, Gillick hat als Brite einen anderen Zugang zum umstrittenen "Nazi-Tempel"?

Gillick wird den deutschen Pavillon kaum als neutralen Ort wahrnehmen, dafür hat sich die Geschichte dieser Architektur viel zu sehr eingeschrieben. Auch sonst reflektiert seine Kunst stets auch den Ort, an der sie stattfindet. Eine im weitesten Sinne orts- und geschichtsspezifische Herangehensweise wird für ihn selbstverständlich sein.

Sie arbeiten schon lange mit Gillick zusammen und nun auch noch die Biennale-Teilnahme ...

Der deutsche Pavillon ist nicht gerade einfach zu bespielen und die Venedig-Biennale insgesamt eine Herausforderung für jeden Künstler. Dass man da jemanden wählt, dem man vertraut und dessen Arbeit man kennt, hat schon bei fast allen meinen Vorgängern eine wichtige Rolle gespielt.

Da Gillick sich mit jeder Ausstellung ein Stück weiterentwickelt, war es mir wichtig, ihn an den verschiedenen Orten meiner Karriere - Künstlerhaus Stuttgart, Frankfurter Kunstverein, Witte de With und zahlreichen freien Projekten - zu präsentieren.

Venedig mit seiner hohen Herausforderung an den Künstler ist da nur konsequent.

Gillicks Installationen sind ja eher sperrig - muten Sie den Besuchern nicht zu viel zu?

Wenn man nicht will, dass Venedig nur noch Event ist, muss man auf künstlerischer Ebene inhaltlich argumentieren und gegebenenfalls dem Publikum auch Dinge zumuten, die nicht vollkommen eingängig sind

Das komplette Interview unter: www.art-magazin.de/Schafhausen

Bildunterschrift:

Nicolaus Schafhausen, nach 2007 auch 2009 Kurator des deutschen Biennale- Pavillons in Venedig, hat Liam Gillick ausgewählt