Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 115

Taufrisch oder dumm?

Von Hans Pietsch

Wettbewerb: Wahrzeichen für englische Retortenstadt gesucht

Majestätisch steht der Schimmel auf der Wiese, ein perfektes Exemplar seiner Gattung, nur etwa 33 Mal so groß wie ein echtes Pferd soll er werden. Der Entwurf für das gigantische Tier stammt von Turner-Preisträger Mark Wallinger, der mit seiner Skulptur an die in Kreidefelsen gekratzten neolithischen Pferdedarstellungen in Südengland erinnern will. Denn falls das Riesenpferd realisiert wird, soll es auf einem Hügel in der sonst flachen Themselandschaft östlich von London stehen. Hier wird die Retortenstadt Ebbsfleet entstehen.

Einen Bahnhof, wo der zwischen London und Paris verkehrende Eurostar hält, gibt es schon.

Nun fehlt noch eine 50 Meter hohe Plastik, die das Wahrzeichen der Stadt werden soll. Umgerechnet 2,5 Millionen Euro gibt die mit dem Bau beauftragte Firma Land Securities dafür aus. Doch Wallingers Entwurf ist nur einer von fünf: Bildhauerin Rachel Whiteread will auf einem aus Schutt gebauten Felsen den Abguss eines Hausinneren errichten; Richard Deacon plant einen Turm aus 26 Teilen - die Zahl entspricht den Buchstaben des Alphabets; Christopher Le Brun würde einen Parabolspiegel aus Beton bauen, vor dem ein senkrechter Flügel steht - Symbol für Bewegung und Flug. Der einzige Ausländer im Wettbewerb ist der Franzose Daniel Buren. Er nennt seinen aus fünf übereinander geschichteten, hohlen Würfeln bestehenden Entwurf "Signal":

Schließlich soll ein Laserstrahl senkrecht durch den Turm ins Universum strahlen.

Bislang scheiden sich die Geister vor allem an Wallingers Entwurf.

In der "Times" begrüßte Rachel Campbell-Johnston sein Pferd als "eine taufrische Vision".

Für Adrian Searle vom Guardian ist "das riesenhafte Biest einfach dumm." Im September fällt die Entscheidung, welche Plastik errichtet wird.

Bildunterschrift:

Mark Wallingers Pferdeskulptur (Simulation), die im Original gut 50 Meter hoch in England errichtet werden soll