Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 118-119

Marathon für Kunstflaneure

Von Merten Worthmann

Museen: Der "Paseo del Arte" ist Madrids neues Kunstzentrum

Wenn es Richtung Wochenende geht, werden die Warteschlangen vor dem Prado, dem Reina Sofía, dem Museum Thyssen- Bornemisza und auch vor dem jüngst eröffneten Kunstund Kulturzentrum CaixaForum immer länger. Denn der "Paseo del Arte", Madrids Gegenstück zur Berliner Museumsinsel, lockt gerade in der Urlaubszeit viel Publikum.

Gibt es doch gleich drei berühmte große Kunsthäuser mit teils spektakulären Neu- und Anbauten und eine gerade eröffnete Ausstellungshalle, die allesamt dicht beieinander liegen, zu besichtigen.

Wer nicht per Internet seine Eintrittskarten im Voraus besorgt hat, der sollte sich besser früh aufmachen.

Morgens um neun Uhr klappt der Eintritt in den Prado noch reibungslos. Durch die Puerta de los Jerónimos gelangt man direkt ins neue Herz des Museums, eine Art Verteilerstation, von der aus man rechts zur Sammlung und links zum hinzugewonnenen Trakt für Wechselausstellungen abbiegen kann. Geradeaus haben Shop und Café so viel Platz, wie sie im 21. Jahrhundert brauchen.

Im alten Prado mussten sie - in den Keller verbannt und an den Rand gedrängt - ein unwürdiges Dasein fristen. Der spanische Architekt Rafael Moneo hat den ehrwürdigen Prado mit einer betont zurückhaltenden Erweiterung bedacht. Neben dem bisherigen neoklassizistischen Riegel am Paseo del Prado nutzt das Museum jetzt auch das Grundstück eines früheren Klosters. Die innere Fassade des alten Kreuzgangs wurde erhalten und umrahmt nun einen neuen, lichtdurchfluteten Skulpturensaal. Ein mächtiger Lichtschacht in dessen Mitte reicht hinunter in die zwei Zusatzetagen für Wechselausstellungen.

Jetzt müssen die Werke der Sammlung, die berühmten Gemälde von El Greco, José de Ribera, Diego Velázquez, Francisco de Goya und anderen alten Meistern nicht mehr jedes Mal zusammenrücken, wenn das Haus eine aktuelle Ausstellung organisiert.

Die wohl verdiente Pause nach dem Prado-Rundgang sollte man sich für das elegant in eine Bodenwelle abgesenkte, übergrünte Gartenrestaurant des nahe gelegenen Museums Thyssen-Bornemisza aufheben. Hier sitzt es sich weit angenehmer als im sachlichen Prado-Café. Hinter dem Restaurant ragt der dreistöckige Erweiterungsbau auf, eine Arbeit des spanischen Studios BOPBAA.

Der neue Flügel ist der Sammlung Carmen Thyssen-Bornemisza gewidmet. Unter deren mehr als 600 Werken dominiert die Landschaftsmalerei des 17. bis 19. Jahrhunderts. Die Hauptkollektion des Hauses - Stücke aus der Sammlung des Unternehmers Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza - reicht von Werken des Mittelalters bis hin zur Pop Art.

Das CaixaForum, hauptstädtisches Kunst- und Kulturzentrum von Europas größter Sparkasse La Caixa, wurde im Februar eingeweiht. Zur Eröffnung präsentierte man zeitgenössische Kunst aus der eigenen Sammlung - Arbeiten von international renommierten Künstlern wie Cindy Sherman, Sigmar Polke, Anselm Kiefer. Jetzt läuft eine Schau mit Werken des Jugendstilkünstlers Alfons Mucha. Erbaut wurde das neue Haus vom Duo Herzog & De Meuron. Die Schweizer Architekten haben von einem ehemaligen E-Werk nur die Ziegelfassade übrig gelassen. Darauf haben sie, in rostrotem Metall, noch ein- mal die gleiche Geschossfläche gesetzt und dann im Gegenzug aufs Erdgeschoss verzichtet. Statt dessen ruht der Bau nun, scheinbar frei schwebend, auf drei halb versteckten Trägern. Ein abenteuerliches Spiel mit Mas se und Schwerelosigkeit.

Wer es morgens nicht geschafft hat, sollte das Reina Sofía am frühen Abend besuchen, wenn die Besucherströme abebben. Denn das Museum schließt erst um 21 Uhr seine Tore. Spaniens Hauptquartier für Werke des 20. Jahrhunderts - vor allem spanische Meister wie Pablo Picasso, Antonio Saura und Joan Miró sind hier üppig vertreten - wurde vom französischen Architekten Jean Nouvel mit einem spektakulären Neubau beglückt. Der Baumeister hat gar nicht erst versucht, sich dem alten Gebäude, einem fast festungsähnlichen ehemaligen Krankenhaus, architektonisch anzuschmiegen. Dessen steinerner Schwere setzt er ein dreiteiliges Arrangement aus Glas, Stahl und Aluminium entgegen. Zusammengehalten wird Alt und Neu von einem gewaltigen, aber scheinbar nur leicht aufliegenden Dach voller Lichtschlitze. Darunter liegt ein frei zugänglicher zentraler Platz. Diesem offenen Zentrum sind zwar eine Menge von Quadratmetern zum Opfer gefallen.

Aber entstanden ist ein Ort von magnetischer Wirkung: In der Mitte des Platzes steht einzig Roy Lichtensteins Großskulptur "Brushstroke"(1996), die stilisierte Version eines Pinselstrichs. Wirkungsvoller kann diese Urgeste der Malerei wohl kaum präsentiert werden.

Kein Zweifel, der "Paseo del Arte", in einem einzigen tiefen Zug genossen, kann zu schweren Erschöpfungszuständen führen.

Wie gut, dass das günstige Kombiticket mehr Flexibilität erlaubt.

Damit kann man den Besuch der drei großen Museen auch über 365 Tage verteilen.

Grafik:

Das Kombiticket für Prado, Reina Sofía und das Museum Thyssen-Bornemisza kostet 14,40 Euro und berechtigt zum einmaligen Eintritt in jedes der drei Museen im Verlauf eines Jahres. Das CaixaForum erhebt keinen Eintritt.

CaixaForum: www.obrasocial. lacaixa.es/centros/caixa forummadrid_es.html, Wechselausstellung:

Alfons Mucha:

Verführung, Moderne, Utopie (bis 31. August ), Charlie Chaplin in Bildern (2. Juli bis 19. Oktober).

Prado: www.museodelprado.es, Wechselausstellungen: Goya in Kriegszeiten (bis 13. Juli.); Renaissance- Porträts (bis 7. September); Cy Twombly: Lepanto (24. Juni bis 28. September).

Museum Reina Sofía: www. museoreinasofia.es, Wechselausstellungen:

Robert Smithson:

Hotel Palenque (bis 27. Juli.); Leonardo Cantero (bis 1. September).

Museum Thyssen-Bornemisza: www.museothyssen.org, Wechselausstellungen:

Avigdor Arikha (10. Juni bis 7. September.); Joan Miró: Erde (17. Juni bis 14.

September).

Bildunterschrift:

Der Prado-Neubau von Rafael Moneo steht auf einem alten Klostergelände

Schwungvoll: Erweiterungsbau des Museums Thyssen-Bornemisza

Von Herzog & De Meuron: das neue Caixa-Forum mit alter Ziegelfassade

Überdacht: "Brushstroke" (1996) von Roy Lichtenstein im Reina Sofía