Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 87
Ein Staubsauger der Gesellschaft
Von Almuth Spiegler
Ein ernsthafter Blick auf das Werk des humorvollen "Hallodri" im Kunsthaus WIEN: JEAN TINGUELY
Seine letzte Museumsausstellung zu Lebzeiten hatte der 66-jährige Jean Tinguely im Juli 1991 im "Kunsthaus Wien", die erste Schau im neu eröffneten Haus. Es geschah auf Wunsch von Friedensreich Hundertwasser, der die ehemalige Produktionsstätte der Möbelfabrikanten Thonet zum Museum umgebaut hatte. Tinguely starb rund sechs Wochen später. Jetzt ist das Kunsthaus zum zweiten Mal Schauplatz einer Tinguely-Retrospektive, bestückt aus den Beständen seines Personalmuseums in Basel.
Wobei diesmal versucht werde, so der Kurator und Vize-Direktor des Tinguely- Museums Andres Pardey, einen anderen, ernsthafteren Blick auf den "Hallodri, der den Humor immer sehr hoch hielt", zu werfen. Tinguelys kinetische Objekte, oft aus industriellen Wegwerfmaterialien gefertigt, rattern und knattern, sie quietschen, scheppern und blinken. Pardey will mit ungewöhnlich vielen Zeichnungen, Gouachen, Aquarellen, Collagen, Briefzeichnungen, die die rund 30 Skulpturen illustrieren, einen tieferen Blick auf die Kunst Tinguelys vermitteln. So will Pardey auch Tinguelys Rolle in der internationalen Avantgarde der fünfziger und sechziger Jahre hervorheben, als dieser mit dem Maler Robert Rauschenberg oder dem Komponisten John Cage arbeitete.
Ein Aspekt, der "manchmal ein bisschen verloren geht, wenn man dieses Unbeschwerte so betont", sagt der Kurator.
Denn neben seinem Witz, seiner Ironie sei Tinguely vor allem wie ein "Staubsauger" gewesen, der gesellschaftliche Entwicklungen aufgesogen habe, erzählt der Ausstellungsmacher. "Er hat etwa sehr früh schon von der Wegwerfgesellschaft gesprochen und sie in seinen Schrott- Skulpturen gezeigt." Ein Umwelt-Engagement, das Tinguely sicher mit Friedensreich Hundertwasser verbunden hat. Überhaupt verkörpern beide ähnliche Künstlertypen, findet Pardey: "Beide haben sich dieses Populäre zunutze machen können, ohne dabei gleich ins Populistische zu verfallen." Termin: 3. Juli bis 9. November. Katalog: mit DVD.
Internet: www.kunsthauswien.com
Bildunterschrift:
Modell (1970, Höhe 82 cm) zur Skulptur "Der Zyklop - Der Kopf" von Tinguely und Saint-Phalle
