Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 100
Vom Nichts ins Reich der Götter
Von Heinz Peter Schwerfel
PARIS: SPUREN DES HEILIGEN
Eine Ausstellung im Centre Pompidou begibt sich ins Labyrinth künstlerischer Wahrheitssuche in säkularen Zeiten.
Selten wurde in Paris eine Ausstellung schon im Vorfeld so misstrauisch beäugt wie "Traces du Sacré", wörtlich "Spuren des Heiligen", die sich im Centre Pompidou mit insgesamt 350 Werken von der Romantik bis heute dem Thema des Geistigen in der Kunst widmet. Für das cartesianische Frankreich, das nicht erst seit Marcel Duchamp der Metaphysik die präzise Konzeptualisierung und formale Reflexion vorzieht, ein heikles Thema. Umso mehr, als die Ausstellung die Geschichte der Moderne und selbst der angeblich rein rationalen Abstraktion als eine spirituelle Wahrheitssuche liest, als Reaktion der Künstler auf Tod und Maschinenherrschaft, Genozid und existenzielle Verarmung.
So schlägt sie einen labyrinthischen Bogen durch das 20. Jahrhundert - das erste, in dem eine Gesellschaft glaubte, ohne Ewigkeit leben zu können. Die gezeigte Kunst kämpft gegen den Verlust nicht der Religion, sondern des Glaubens an. Wassily Kandinsky und Piet Mondrian, Mark Rothko und Hermann Nitsch - sie alle suchten nach einer Wahrheit hinter den Bildern und jenseits der Religionen, behaupten die Kuratoren Jean de Loisy und Angela Lampe.
Bereits am Eingang wird dem vermeintlichen "Nichts" Goyas - einer Druckgrafik aus der Serie "Schrecken des Krieges", die ein Skelett zeigt - Bruce Naumans Neon-Definition des Künstlers als Suchendem gegenüber gestellt:
"Der wahre Künstler hilft der Welt durch die Sichtbarmachung mystischer Wahrheiten" (1967). Darüber thront Edvard Munchs Abbild des Philosophen des Nichts, Friedrich Nietzsche.
Vom Nichts aus geht es weiter ins Reich der Götter, die sich aus dem Staub gemacht haben: Ruinenlandschaften von Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus stehen im Zwiegespräch mit dem monochromen aus Harz gefestigten Triptychon "Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt" (2006) von Damien Hirst. Ein überraschender, aber schlüssiger Sprung: Denn hat nicht gerade Hirst immer wieder betont, dass auch für ihn alle Kunst eine Auseinandersetzung mit dem Tod ist?
Die kuratorische Spitzfindigkeit, Kapitel wie "Sehnsucht nach dem Unendlichen", "Apokalypse" oder "Der neue Mensch" jeweils mit einer zeitgenössischen Arbeit enden zu lassen, sorgt für willkommene Irritationen, manchmal sogar hintergründigen Humor. Etwa, wenn der französische Aktionskünstler Adel Abdessemed Nietzsches Aufforderung zum Emporschwingen der Herzen wörtlich nimmt und sich von Freunden an die Museumsdecke werfen lässt, um sie zu bekritzeln.
Besonders gelungen auch das Kapitel "Absolutes", wo in der noblen Nachbarschaft von Mondrian, Malewitsch und Brancusi der in Paris lebende Niele Toroni seinen blauen Pinsel in die rechte obere Wandecke setzt - just in Sichtweite zu Sigmar Polkes "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen". Termin: bis 11. August. Weitere Station: Haus der Kunst, München, 19. September bis 11. Januar 2009.
Katalog: 49,90 Euro. Internet: www.centrepompidou.fr
Bildunterschrift:
Links: Neon-Wandarbeit von Bruce Nauman aus dem Jahr 1967, rechts: "Der Gestürzte" (1915/16, Bronze) von Wilhelm Lehmbruck
