Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 88-89
Kauzige Junggesellen der Spätromantik
Von Birgit Sonna
Das Museum Georg Schäfer zeigt Gemeinsamkeiten der beiden Künstler auf SCHWEINFURT: CARL SPITZWEG UND WILHELM BUSCH
Dilettanten waren sie beide, allerdings auf höchst satirischem und durchaus kunstverständigem Niveau.
Der gelernte Apotheker Carl Spitzweg gestattete sich, versorgt mit einer gediegenen Erbschaft, ein Dasein als humorvoll die Schrullen des biedermeierlichen Provinzlebens beleuchtender Maler.
Wilhelm Busch wiederum hatte zwar in knapp drei Jahren drei verschiedene Akademien durchlaufen, hegte nach einer Begegnung mit den Alten Meistern in Antwerpen aber starke Zweifel am eigenen malerischen Können und verlegte sich deshalb als Autodidakt auf das Zeichnen von Bildergeschichten.
Beide waren als Karikaturisten für die vom Münchner Verleger Caspar Braun herausgegebenen "Fliegenden Blätter" tätig. Damit nicht genug der Parallelen zwischen den wohl kauzigsten Vertretern der deutschen Spätromantik. Spitzweg wie Busch gelten als eingefleischte Junggesellen, wagten sich mit lockerem Pinselduktus an Landschaften im präimpressionistischen Stil der französichen Schule von Barbizon und blieben letztlich ihren Geburtsorten treu - Spitzweg der Stadt München und Busch dem niedersächsischen Dorf Wiedensahl.
Und so wundert man sich, dass nicht längst in einer Ausstellung die Korrespondenz zwischen den Heimatabenteurern Carl Spitzweg (1808 bis 1885) und Wilhelm Busch (1832 bis 1908) hergestellt wurde. Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt macht dieses Versäumnis nun mit einer umfangreichen Dialogschau gut. Ausgehend von der hauseigenen Sammlung, zu der viele qualitätvolle Spitzwegs gehören, hat man vor allem auch Leihgaben aus dem Wilhelm-Busch- Museum in Hannover herangeholt. Seit 20 Jahren habe ihn die Idee zu dieser Ausstellung beschäftigt, sagt Jens Christian Jensen, Kurator der Ausstellung und Experte für das 19. Jahrhundert. Der Zeitpunkt ist günstig gewählt: Busch hatte am 9. Januar seinen 100. Todestag, Spitzwegs Geburtstag fällt auf den 5. Februar vor 200 Jahren.
Deutlich schälen sich aber auch mentale und künstlerische Verschiedenheiten heraus, wie Jensen betont: "Der Maler Spitzweg ist nachsichtig mit den von ihm dargestellten Figuren. Er präsentiert sie dem Betrachter als Schauspieler auf abgeschirmten Bühnen. Der Zeichner Busch hingegen lässt keine Gnade zu. Seine aus dem Leben gegriffenen Akteure treibt er unnachsichtig in die Katastrophe." Man wird millionenfach reproduzierte, dennoch liebgewordene Bekannte in der Jubiläumsaussstellung wieder treffen:
Spitzwegs "Kaktusliebhaber" und den "Bücherwurm" etwa. Busch, der sich nie zu seiner Malerei bekannte und etliches zerstörte, überrascht mit Bildern, deren vehemente Skizzenhaftigkeit fast schon das ausgehende Jahrhundert mit postimpressionistischen Künstlern wie Edvard Munch vorwegnimmt.
Wie aber verhält es sich mit der viel beschworenen Frauenabstinenz der beiden Hagestolze? "Auf Distanz hat es schon ein Engagegement gegenüber dem Weiblichen gegeben", behauptet Jensen. Spitzweg trauerte einer gestorbenen Liebe nach, Busch hatte wohl diverse Affären.
Ein heute kaum mehr exzessiv auszulebendes Laster teilten die beiden geistesverwandten Kritiker des deutschen Philistertums überdies: Sie rauchten bis zum Umfallen. Oder um mit Buschs Worten aus der gemeinsamen Junggesellenseele zu sprechen: "Er kennt kein weibliches Verbot. Drum raucht und dampft er wie ein Schlot." Termin: 29. Juni bis 2. November. Weitere Station:
23. November bis 19. April 2009, Wilhelm-Busch-Museum, Hannover. Katalog: E. A. Seemann Verlag, 24,90 Euro. Internet: www.museumgeorgschaefer.de
Bildunterschrift:
Spitzweg: "Der Kaktusliebhaber" (um 1850, 39 x 22 cm)
Comic Anno 1862: "Die beiden Enten und der Frosch" von Wilhelm Busch
"Wagenschiebender Komödiant" (um 1838, 24 x 19 cm, Bleistift) von Carl Spitzweg
"Mein Stubenplatz in Wiedensahl" (1860er Jahre, 20 x 25 cm) von Wilhelm Busch
