Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 99
"No Future"-Anarchie hinter Glas
Von Almuth Spiegler
WIEN: PUNK - NO ONE IS INNOCENT
Die Ausstellung musealisiert die Protestbewegung der siebziger Jahre.
Mitten in Wiens Zentrum der "Bobos", der Boheme Bourgeoisie, ist eingebrochen, was heute höchstens in den U-Bahnstationen der Mariahilfer Straße nebenan existieren darf: Punk. So kompromisslos und nihilistisch allerdings, wie er früher, Mitte der siebziger Jahre, einmal gewesen ist, bevor radikale Marketingmaschinerien den Underground samt all seiner Sicherheitsnadeln vereinnahmten und seinen Konsum im postmodernen Zeitgeist-Supermarkt legalisierten, stellt sich das Phänomen hier nicht dar. Wird Punk statt dessen in der Kunsthalle, mit Katalog und Merchandising endgültig heimgeholt ins heimelige Bürgertum? Zumindest erzeugt Kurator Thomas Mießgang in der großen Halle keine heuchlerische Kaputte- Vorstadt-Authentizität oder nostalgisches Underground-Feeling.
In radikaler Ablehnung der Hippies, frustriert von Vietnamkrieg und Arbeitslosigkeit, stand die Jugendbewegung 1976 doch vor allem gegen eines - gegen alles. Auch sich selbst. Mit dem Film "The Great Rock 'n' Roll Swindle" stellte der Manager der Gruppe "Sex Pistols" Malcolm McLaren 1980 mitten in der kommerziellen Vereinnahmung die eigene Rebellion als reine Medienblase bloß. So gesehen ist es auch völlig in Ordnung, dass im Kunsthallen- Shop T-Shirts der US-Punk-Band "Ramones" verkauft werden.
Dort hätte man dann allerdings auch gerne die T-Shirts gefunden, die Vivienne Westwood und McLaren in ihrem Shop "Sex" auf der Londoner Kings Road angeboten hatten: In blassem Aufdruck zeigen sie zwei nackte Brüste oder zwei Reißverschlüsse über den realen Körperstellen. Wie Reliquien liegen die Textilien jetzt in schwarzen Vitrinen aufgebahrt, daneben ähnlich fragil die einst nur rasch kopierten Ausgaben des britischen Punk-Fanzines "Sniffin' Glue" (1976/77) - musealisierte Anarchie, konserviertes "No Future". In ihrer Strenge, Sperrigkeit, Unsentimentalität erweist die Ausstellung ihrem Objekt der Begierde Respekt. Sie folgt den drei wichtigsten Energiezentren der Bewegung, New York, London, Berlin, streift die Szenen quer durch Kunst, Musik und Mode, zeigt eine wunderschön verletzliche Patti Smith, wie ihr Gefährte Robert Mapplethorpe sie 1976 und 1978 sah, eine frühe Installation von Vito Acconci, einen Pornofilm mit Lydia Lunch, unheimliche Tampon-Schaukästen des Performers Genesis P-Orridge und feministische Collagen der britischen Künstlerin Linder.
Martin Kippenbergers Berliner Punk-Club "S.O. 36" wird ebenso dokumentiert wie die Multiart-Gruppe "Die Tödliche Doris", die Super-8-Filmszene und ein mächtiges Stahlschlagzeug aus Einkaufswagen und Sperrmüll der Band "Einstürzende Neubauten". Trotz dieser subjektiven Konzentration verschweigt Mießgang aber auch nicht die ästhetischen Schwächen von Punk, wie die heute zweifelhaft-modisch erscheinende Malerei von Elvira Bach und Salomé.
Termin: bis 7. September. Katalog: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 29 Euro, im Buchhandel 38 Euro.
Internet: www.kunsthallewien.at
Bildunterschrift:
Blick in die Ausstellung "Punk - No One is Innocent" in der Kunsthalle Wien mit vergrößerten Autogrammkarten der Kunstband "Die Tödliche Doris"
