Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 112
"Es sind noch Rosinen übrig"
Von
Malewitsch-Werke: Erben erhielten fünf Bilder aus dem Stedelijk
Nach rund 15 Jahren Tauziehen hat die Stadt Amsterdam sich mit den 37 Erben des russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch (1878 bis 1935) geeinigt:
Sie erhalten fünf Topstücke aus der Malewitsch-Kollektion des Stedelijk Museums im Wert von rund 80 Millionen Euro. Der Rest der Sammlung - 24 Gemälde, sieben Gouachen, 15 Zeichnungen und 18 Karten - bleibt in Amsterdam.
Alle Arbeiten stammen aus jener "verfluchten Kiste", so eine Enkelin des Künstlers, die Malewitsch 1927 in Berlin ließ, als er in die Sowjetunion zurück musste.
Da er bis zu seinem Tod keine Ausreisegenehmigung mehr bekam, konnte er sie nie abholen.
Der deutsche Architekt Hugo Häring verkaufte die Kiste samt Inhalt 1958 für 120 000 Gulden (damals etwa 54 000 Euro) an den damaligen Stedelijk-Direktor Willem Sandberg, der den Ankauf seines Lebens machte. art-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer sprach mit dem jetzigen Stedelijk- Chef Gijs van Tuyl, der zusammen mit der Stadt die Einigung herbeigeführt hat: art: Warum war Ihnen an dieser Einigung so gelegen?
Van Tuyl: Ich möchte ein sauberes Museum haben, diese Sache musste geklärt werden. Es ist immer unschön, wenn man mit Forderungen von Erben konfrontiert wird! Ich bin zu Oberbürgermeister Job Cohen gegangen und habe ihm gesagt: "Ich bin gekommen, um hier aufzuräumen - und das gehört dazu!" Cohen war sofort auf meiner Seite!
Wie kam es zu der Einigung?
Wir haben einen Vermittler eingeschaltet, und dann wurde verhandelt.
Erst über die Anzahl der Bilder, dann wurde der Vertrag aufgestellt, und erst dann entschieden, um welche Werke es gehen sollte. Wir haben eine Auswahl getroffen und dann den Erben vorgelegt. Natürlich war das ein zäher Prozess, bis sie einverstanden waren.
Die Erben haben sich also nicht alle Rosinen rausgepickt?
O nein! Es sind genug Rosinen übrig. Ich bitte Sie, 24 Bilder bleiben uns, 24 sehr gute, sehr schöne Bilder. Das sind alles Rosinen!
Wie kam es zu der Auswahl?
Wir haben versucht, eine repräsentative Wahl zu treffen. Wir besitzen zum Beispiel vier oder fünf Arbeiten von Malewitsch mit Kreuzen, also können wir auf eines verzichten. Die Erben hätten am liebsten nur suprematistische Bilder gehabt, aber das ging nicht.
Wie war der Abschied von den Bildern?
Das war dramatisch, so schnell ging das. Wir hatten gerade den Termin beim Notar hinter uns, waren mit zwei der Erben noch am Kaffeetrinken - und da fuhr schon ein LKW vor und hat alle fünf Werke mitgenommen.
Wohin?
Zum Amsterdamer Flughafen und von dort nach Amerika. Ich hoffe nur, dass man die Bilder auch in Zukunft sehen kann. Wir haben dann die zwei Erben noch zum Abendessen eingeladen. Dabei entpuppte sich der Enkel von Malewitsch als unterhaltsamer Dickkopf wie sein Großvater! Es war sehr lustig - und am Schluss waren alle ziemlich beschwipst.
Ausstellung: Die verbliebenen Malewitsch- Werke zeigt das Van-Gogh-Museum, Amsterdam (11. Juli bis 9. November)
Bildunterschrift:
Stedelijk- Direktor Gijs van Tuyl vor Kasimir Malewitschs "Suprematistischem Gemälde" von 1915
