Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 109-110

Erste Hilfe für bedrohtes Kulturgut

Von Kerstin Schweighfer

Initiative: Niederländische CER arbeitet mit internationalem Experten-Netzwerk KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Bagdad im April 2003: Nach dem Sturz von Saddam Hussein ziehen plündernde Banden durch die Stadt. Auch das Nationalmuseum wird völlig ausgeraubt und zerstört - ohnmächtig müssen die Museumsmitarbeiter zuschauen. Heute könnten sie sich sofortiger Hilfe sicher sein:

Innerhalb kürzester Zeit würden Experten anreisen, um das Museum zu schützen, die Kunstschätze zu sichern und erste Restaurierungen durchzuführen. Denn als Antwort auf die Kulturbarbarei in Bagdad wurde in den Niederlanden die "Cultural Emergency Response" (CER) gegründet, eine Art Rotes Kreuz für Kultur, die nach fünf Jahren nun erstmals Bilanz zieht. Sobald bei Kriegen und blutigen Konflikten oder nach Naturkatastrophen wie Erdbeben wertvolles Kulturerbe verloren zu gehen droht, wird die CER aktiv und schaltet ihr weltweites Experten-Netzwerk ein.

Die leisten vor Ort erste Hilfe: Sie versuchen, die Lage zu stabilisieren und weitere Schäden zu verhindern, etwa, indem sie ein Gebäude mit Stützbalken vor dem Einstürzen bewahren. "Wir versuchen zu retten, was es zu retten gibt - und das ist eine Menge!", sagt Els van der Plas vom Prins Claus Fonds in Den Haag, der weltweit Kulturprojekte fördert und auch Initiator der CER ist.

Ihr weltweites Netzwerk verdankt die CER der engen Zusammenarbeit mit wichtigen Institutionen wie dem Internationalen Museumsrat ICOM, dem Aga Khan Trust oder dem Internationalen Verband der bibliothekarischen Vereine und Institutionen IFLA. Geld allerdings kommt bislang nur vom Prins Claus Fonds und dem Außenministerium in Den Haag. Das Jahresbudget liegt bei insgesamt 640 000 Euro, wobei pro Einsatz eine Obergrenze von 35 000 Euro gilt: "Aber wir brauchen natürlich viel mehr", erklärt van der Plas.

Egal, ob Palästina, Indonesien, Jamaica, Sri Lanka, Iran, Irak oder Libanon - in den letzten fünf Jahren leisteten die CER-Experten erste Hilfe. In Heratretteten sie eine Moschee und eine Synagoge nach einer schweren Überflutung, in Indonesien halfen sie beim Wiederaufbau einer Bibliothek, die der Tsunami zerstört hatte. Im palästinensischen Nablus war es eine griechischorthodoxe Kirche, die von einer Bombe getroffen worden war.

Dank der CER konnten auch Bagdads Studenten eineinhalb Jahre nach dem Sturz von Saddam ihre Universitätsbibliothek wieder benutzen: Mit den 35 000 Euro wurden Computer, Stühle und Tische angeschafft. "Wir schickten unsere Experten mit Bargeld in der Tasche vor Ort", erzählt van der Plas. "Das war gefährlich, es herrschte noch Krieg - aber es ging nicht anders, es gab da ja keine Regierung, keine Infrastruktur - und keine Banken!" Wie wichtig der Einsatz der CER ist, unterstrich beim Bilanz- Treffen in Amsterdam auch Prinz Constantijn, der Sohn des gestorbenen niederländischen Prinzen Claus: "Kulturdenkmäler bieten Trost und Hoffnung - und können einer verwirrten Gesellschaft helfen, ihre Kontinuität und auch ihre Identität wieder zu finden." KERSTIN SCHWEIGHÖFER Spenden: Nie derländische Postbank, 2343, CER, Prins Claus Fonds.

Internet: www.princeclausfund.org

Bildunterschrift:

Die Mauern der Moschee im afghanischen Herat, die nach Überflutungen einzustürzen drohten, wurden abgestützt - Hilfe von CER gab es auch für das von schweren Regenfällen halb zerstörte Patrizierhaus im Jemen (rechts) sowie für die Restaurierung der Moschee von Rao-Rao, Indonesien (oben)

CER half, die Synagoge von Herat in Afghanistan zu retten