Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 73

Der Kurator, ein Sommernachtstraum

Von Thomas Wagner

Leicht macht es sich über Kuratoren lustig. Doch als kürzlich aus einem Schlummer erwachte, war er plötzlich ganz bezaubert von diesen Virtuosen der Vernetzung WAGNERS KOLUMNE

Er ist einfach überall anzutreffen, tummelt sich auf mehreren Eröffnungen zugleich und beim Cocktail danach, wo er - etwas gehetzt, aber artig und möglichst in mehreren Weltsprachen - mit den wirklich wichtigen Leuten parliert, von London und Mailand und Berlin und Shanghai erzählt, und von den allerneuesten und allerangesagtesten Künstlerinnen und Künstlern, deren Namen so exotisch klingen wie die ferner Spiralnebel. Hier bereite er gerade ein Projekt - immerzu redet er von "Projekten" - mit einem Stararchitekten vor, dort eine Biennale. Hier habe er mit Künstlern auf einem Podium gesessen und über Archive diskutiert, dort erst gestern ein terrain vague inspiziert, einen wunderbar heterotopen Grünstreifen, auf dem seine nächste Ausstellung stattfinden soll. Er gibt Interviews, in denen er davon spricht, was die Imagination gerade beflügelt.

Und immer hat er die Nase im Wind und die Hand am Puls der Zeit. Er ist einfach nicht wegzudenken aus dem großen Weltcaféhausgemälde des Gegenwartskunstbetriebs.

Er ist männlich oder weiblich, sieht aus wie die Künstler, die er zeigt, kennt immer eine neue Lesart der neuesten Kunst, meidet das grelle Licht der weißen Zelle und findet die Moderne so spießig wie Gartenzwerge: der Kurator.

Der Kurator ist ein Phänomen. Nicht auszudenken, wenn wir ihn nicht hätten, diesen nimmermüden Aktivisten, der sogar seinen Schlaf der Kunst opfert. "Mein Ideal", bekennt Hans-Ulrich Obrist, einer der umtriebigsten, der es wissen muss, "ist der Da-Vinci-Rhythmus, alle drei Stunden für 15 Minuten. Das ist das Effektivste, man schläft kaum und ist nie müde." Keine Frage, er, nicht der Künstler, ist das Multitalent der Zukunft.

Als ich neulich mit meiner Katze an einem schattigen Plätzchen im Garten lag und döste, muss mir irgendein Gott oder einer seiner Helfer einen berauschenden Saft in die Augen geträufelt haben. Denn als ich erwachte, blickte ich verwirrt um mich und war mit einem Mal wie vernarrt in diesen Virtuosen der Vernetzung.

Ich rieb mir die Augen.

Aber es half nichts. Plötzlich war Schluss mit der Sympathie für all die langweiligen Konservatoren und Kustoden, die im Museum dahindämmern und Wissenschaftlichkeit predigen, wo sie nur Schläfrigkeit meinen. Blöd geworden wie Zettel mit seinem Eselskopf und hingerissen von der Gestalt wie Titania gingen mir alle möglichen Fragen im Kopf herum.

"Lovers and madmen have such seething brains" - nur Liebende und Wahnsinnige haben solch siedende Hirne, dachte ich noch. Dann setzten die bohrenden Fragen ein: Was macht ein Kurator eigentlich? Und wie schafft er es, so erfolgreich zu sein? Bringt er Leute zusammen, ist er ein Genie der Geselligkeit? Ist er nichts als ein Organisator?

Einer, der dafür zuständig ist, Kunstwerke ansprechend zu arrangieren und - thematisch aufgefrischt - zu inszenieren? Schafft der Kurator Ordnung und sorgt für das entsprechende styling? Vermag er allein, dass die Werke gut rüberkommen? Ist er derjenige, der, weil so viel neue Kunst kein Mensch versteht, klar zu machen versteht, was "die Arbeiten transportieren" - wie das in der entsprechenden Kuratorenprosa heißt? Ist er mithin ein Transporteur von Kunst und ihren Ideen, einer, der sie in die weltumspannenden Netzwerke einspeist wie Datensätze?

Ist er der wahre Künstler, derjenige, der den Überblick hat, der, was die Kunst mittels Symbolen und Metaphern aussendet, zu einer Aussage zu bündeln versteht, die jedem einleuchtet? Ist dieses universelle Geschöpf einer totalen Zeitgenossenschaft der wahre Nachlassverwalter der Kritik? Oder eher die Metamorphose des Kenners? Zwingt er die Kunst, die allerjüngste und allerneueste, in all ihrer Herrlichkeit oder in all ihrem Elend etwa nicht dazu, nach der von ihm vorgegebenen Melodie zu paradieren? Würden wir in unserer Stumpfheit ohne ihn nie etwas von ihrer wundersamen Bedeutsamkeit erfahren?

Ist er ein Oberlehrer, der auf dem Schwebebalken der Diskurse balanciert, oder gibt er dem luftigen Nichts der Kunst eine Bleibe? Da schreckte ich hoch. Ich muss wieder eingenickt sein und 15 Minuten geträumt haben, von Remix und Revival. Puck, denke ich, wird es schon richten: "Wenn wir Schatten Anstoß erregt haben, denkt nur dies - und alles ist wieder behoben -, dass ihr hier nur geschlummert habt, während diese Gesichte vor euch erschienen."

Bildunterschrift:

"Mein Ideal", sagt Obrist, "ist der Da- Vinci-Rhythmus, alle drei Stunden 15 Minuten Schlaf. Das ist das Effektivste, man schläft kaum und ist nie müde"