Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 66-72

Schneekoppe mit globaler Fernsicht

Von Till Briegleb

Bis vor kurzem war Norwegen ein architektonisches Entwicklungsland. Doch mit dem spektakulären Neubau der Staatsoper und dem internationalen Ruhm seiner Architekten vom Büro Snøhetta beginnt eine neue Zeitrechnung. Die Arbeit des Büros aus Oslo, dessen Entwürfe eine landschaftliche und demokratische Architekturauffassung zeigen, ist mittlerweile ein Exportschlager \

Es gibt wohl kaum eine zweite Stadt in der Welt, die derartig vollgerümpelt mit Skulpturen ist wie Oslo. Alle paar Meter stößt man auf einen Nationalhelden aus Bronze, niedliche Tiere oder mystische Gestalten, Boote oder abstrakten Verhau. Auf Sockeln, Verkehrsinseln oder als Kunst am Bau belegen sie, dass die norwegische Hauptstadt ein besonders demokratisches Verhältnis zur Kunst als Kitsch für jedermann pflegt. Und deswegen mussten auch beim Bau der neuen Staatsoper zahlreiche Künstler beteiligt werden.

3,8 Millionen Euro standen für den Zweck zur Verfügung, doch in dem riesigen Komplex in der Bjørvika-Hafenbucht findet sich kein Troll, kein Peer Gynt und auch kein neokonstruktivistischer Metallschrott. Vielmehr steht in und vor dem Gebäude überhaupt keine Skulptur. Die mehrfach durchbrochene, riesige Rampe aus italienischem Carrara-Marmor, die sanft aus dem Wasser des alten Hafenbeckens emporsteigt und sich zu einer künstlichen Landschaft von abstrakter Majestät steigert, hätte auch keine banale Kunstmöblierung vertragen.

Denn das strahlend weiße Gletschergebirge mit der großen gläsernen Foyer-Gaube ist bereits die vollendete Plastik. Um dem Fiasko des Skulpturpiercings vorzubeugen, hatten die Architekten von Snøhetta im Vorfeld "den Bau in Abstimmung mit den Künstlern entwickelt", wie es Kjetil T. Thorsen, Chef des norwegischen Architekturbüros, zu einem generellen Zug seiner Arbeit erklärt. Entsprechend still integrieren sich die Werke in den musikalischen Schneepalast.

Die 36 000 unterschiedlich zugeschnittenen und geschliffenen Marmorplatten, die der Fassade ihre haarrissfeine Oberflächenstruktur geben, sind ebenso aus der Werkstatt eines Künstlers (Kristian Blystad), wie die dezente Aluminiumverkleidung des Bühnenturms mit weißer "Blindenschrift" (Astrid Løvaas und Kirsten Wagle) oder der Bühnenvorhang in Form zerknüllten Metalls (Pae White). Und natürlich geht es in Skandinavien nicht ohne Olafur Eliasson. Weiße Gitterkäfige aus sich verjüngenden Rauten als Garderobenwand markieren im Foyer die Duftnote des dänischen All-inclusive- Künstlers, der unter anderem auch an der Oper in Reykjavik beteiligt ist und mit Thorsen den letztjährigen Pavillon der Serpentine Gallery in London entwickelt hatte.

Dass diese erstaunlich uneitle Kooperation zwischen Künstlern und Architekten zum Wohl einer homogenen Gesamterscheinung möglich war, zeugt von der typisch sozialdemokratischen Mentalität in Skandinavien, die Thorsen als den guten Geist des Entwurfs benennt - und die sich in einer ziemlich einmaligen Begehbarkeit des Gebäudes äußert. Weil der norwegische Staat die Gesamtkosten von rund 500 Millionen Euro allein übernommen hat, suchte Snøhetta nach einer Form, die das Gebäude für alle Menschen nutzbar macht. Sonnenanbeter und Skateboarder, Touristen und Grillpartys können jetzt das gesamte Dach der Oper als öffentlichen Platz mit kostenloser Aussichtsplattform benutzen. 20 000 Leute machten bei der ersten Besichtigung davon Gebrauch.

"Er sei verliebt - in eine Norwegerin", erklärte dann auch der Architekturkritiker der Londoner "Times" Richard Morrison nach der Eröffnung Mitte April und betete das Gebäude mit seinen verschlungenen Treppenhäusern, schrägen Rampen und dem dunklen Theatersaal mit seinem Kronleuchter in Form einer schraffierten Scheibe an. Die warme und facettenreiche Holzverkleidung, die das Innere in eine völlig andere Temperatur setzt als die Fassade, der leichte Schwung der Elemente, der so vollkommen musikalische Bewegung ausdrückt, und die individuellen Formate in den 1100 Räumen der Oper vom Ballettstudio bis zur Toilette verwandelten Kritiker weltweit in einen Chor der Bewunderer.

Entworfen wurde das neue Wahrzeichen der Stadt nur einige Hundert Meter weiter. An der Spitze des Piers in einem ehemaligen Fischhandelsschuppen, hinter dem nachts die Prostituierten stehen und an dem tags die Ozeanriesen vorbeiziehen, residiert Snøhetta in einer großen Halle ohne Zwischenwände, die mit allen möglichen künstlerischen Interventionen von Farbfeldern zu Deckenschmuck aus Wasserbeuteln eine inspirierte Workshop-Atmosphäre besitzt. Der Name bedeutet Schneekoppe und bezeichnet einen Berg in Norwegen, um den sich alle möglichen Sagen ranken.

Doch es ist nicht der folkloristische Geist, den Thorsen und sein amerikanischer Partner Craig Dykers mit der Namensnennung einfangen wollten.

Er entstand vielmehr als Scherzidee, denn 1987 gründete sich das Büro über einer Kneipe mit dem Namen "Dovregubbens Hall", und die se Bierhalle für Trolle soll sich einst unterhalb der Snøhetta befunden haben.

Was Thorsen und Dykers aber zwei fellos mit dem Namen "Schneekoppe" verbindet, ist die ausgeprägte Orientierung ihrer Architektur an einem Landschaftsgedanken. Das 2002 er öffnete erste weltweit beachtete Großprojekt, die ägyptische Nationalbibliothek von Alexandria, inszenierten sie als eine schräge Ebene in einem Wasserbecken, deren Oberfläche an Stromschnellen denken ließ und die innen wie eine kathedralenartige Höhle als offener Raum mit schlanken Säulen ausgearbeitet war. Das Kunstmuseum in Lillehammer (1994) sucht in seiner geschwungenen Form Anklänge an die umliegende Hügellandschaft und ist verkleidet mit Holz, ein Baustoff, der wie Moos - das Snøhetta bei der Fassade eines Fischerei-Museums in Karmøy (1998) verwendet haben - organisch ist und natürlich altert. Schließlich zierten sie die Norwegische Botschaft in Berlin (1999) mit einem 120 Tonnen schweren, aufrecht stehenden Granit, der aus einem norwegischen Berg geschnitten und nach Berlin transportiert wurde, um ein Stück steile heimatliche Fjord- Atmosphäre ins brandenburgische Flachland zu bringen. "Was wir mit unserer Arbeit suchen, ist eine performative Ebene von Architektur", sagt Thorsen weiter über die Prinzipien des Büros. Dieser aus der Sprechakttheorie von John L. Austin entlehnte und in den letzten Jahren in allen Kulturtheorien sehr modisch und frei gebrauchte Begriff legt nahe, dass Architektur keine statische Angelegenheit ist, sondern Handlungen und Veränderungen in itiiert. Dass die Oper in Oslo einen neu en öffentlichen Raum erzeugt hat, die Bibliothek Alexandria in einem Land mit 50 Prozent Analphabeten ein Anregung zum Lesen setzt, und der kuriose schräge Holzhut des Serpentine-Gallery-Pavillons im Hyde-Park neugierig auf die Debatten machen sollte, die darin den Sommer über statt fanden, das alles verleitet Thorsen zu der emphatischen Aussage, dass "der politische Einfluss von Gebäuden nicht überschätzt werden kann".

Deswegen reagiert er auch ein wenig gereizt, wenn man seine Architektur als "Skulptur", "Symbolbau" oder "Landmark-Architektur" bezeichnet.

Denn der große, etwas grobschlächtig wirkende Chef von insgesamt rund 85 Architekten, Ingenieuren und Landschaftsgestaltern will nicht in die Riege ortloser Stardesigner mit 350 000 Flug kilometern jährlich eingemeindet werden. Die skulpturale Architektur, die seine Kollegen Zaha Hadid, Daniel Libeskind oder Frank O. Gehry überall in der Welt abwerfen, hält Thorsen für eine Maskerade, die von den wahren Problemen der Städte und Länder ablenken soll. Mit demokratischer Baukultur, wie Snøhetta sie versteht, hätten solche seriellen Designleistungen nichts zu tun. Deswegen wischt Thorsen Fragen nach den ästhetischen Absichten seiner Entwürfe mit der Bemerkung "Ich definiere Architektur nicht als künstlerische Haltung" von dem rittersaaltauglichen Konferenztisch in seiner Entwurfshalle.

Doch das kann natürlich nicht unwidersprochen bleiben. Selbstverständlich sind die frühen Bauten von Snøhetta ästhetisch stark beeinflusst von der skandinavischen Moderne, von Alva Aalto, dem Einsatz von Holz und anderen "natürlich" wirkenden Materialien sowie von der Suche nach eigenwilligen Raumfigurationen. Und genauso fraglos erkennt man die Spuren der Formbefreiung, die der Wechsel vom Zeichenstift zum Computer weltweit mit sich gebracht hat, und die Lust an spektakulären Entwürfen, die damit einher ging, auch in den neueren Projekten von Snøhetta. Vor allem der multifunktionale Gateway-Komplex Ras Al-Khaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der voraussichtlich 2011 fertiggestellt sein soll, muss als eindeutiger Versuch gesehen werden, eine Architekturikone zu schaffen.

Aus wellenförmigen Dachlandschaften mit kreisrunden Einschnitten erhebt sich ein geschwungenes Hochhaus in Form einer Kobra. Die weißen Keramikfliesen, die als sternförmiges Ornament die gesamte 450 000 Quadratmeter große Luxusoase überziehen, verstärken diesen Eindruck einer repräsentativen Skulptur noch.

Aber ist dies nicht genau die Aufgabe internationaler Stararchitekten und der Grund, warum sie zu prestigeträchtigen Wettbewerben eingeladen werden? Damit sie ein Raumprogramm in eine Bauskulptur überführen, die wegen ihrer Exzentrik und Schönheit die Menschen begeistert. Ihr Job ist das Spektakel, nur dafür braucht es sie als Spezialisten. Und auch wenn es dem demokratischen Selbstverständnis eines norwegischen Architekten nicht entsprechen mag, so resultiert sogar die Faszination der neuen Oper von Oslo vor allem aus dem Event, dass man der Hochkultur hier aufs Dach steigen kann. Auch die se befreiende Erfahrung einer begehbaren Riesenskulptur mag eine Maskerade für verdrängte Probleme am Oslo-Fjord sein. Vor allem ist diese aufregende Musik-Schneekoppe jedoch eine bedeutende zeitgenössische Bauskulptur, die all den restlichen demokratischen Standbild-Kitsch Oslos gänzlich vergessen macht.

Literatur: Conditions: Snøhetta - Architecture, Interior, Landscape. Lars Müller Publishers, 2007.

Internet: www.snoarc.no Mehr Informationen zur Eröffnung der Staats oper Oslo finden Sie unter: art-magazin.de/oslo

Bildunterschrift:

STAATSOPER OSLO Wie in einer Eismeerszene von Caspar David Friedrich türmt sich der neue Musikpalast aus dem Oslo-Fjord. Überzogen mit weißem Carrara-Marmor, der mit 36 000 unterschiedlich geschnittenen Teilen den fragilen Eindruck noch verstärkt, ist die Oberfläche des Opernhauses öffentlich begehbar. Das neue Wahrzeichen der Hauptstadt Norwegens ist der erste Baustein eines neuen Kulturviertels im ehemaligen Hafen, zu dem auch der Neubau des Munch-Museums gehören wird.

Schräge Stützen und Einschnitte setzen den Eisbergeindruck innen fort. Der Saal mit seiner geschwungenen Holzverschalung erzeugt einen warmen Kontrast

Gute skandinavische Tradition: expressive Formen aus natürlichen Materialien

KUNSTMUSEUM LILLEHAMMER Bereits das erste große Projekt des damals noch jungen Büros - der zu den Olympischen Spielen 1994 eröffnete Neubau des örtlichen Museums - formulierte die Prinzipien von Snøhettas Architektur. Die geschwungene Form ist eine Remineszenz an die hügelige Umgebung, die Holzbauweise eine Hommage an den lokalen Bootsbau. Die Sensibilität für öffentliche Interessen wird mit einer großen Plaza erfüllt, die zum zentralen Versammlungsplatz der Stadt wurde. Auch bei späteren Bauten achteten die Architekten auf landschaftliche und demokratische Aspekte, etwa bei der norwegischen Botschaft in Berlin oder dem Pavillon der Serpentine Gallery in London.

Auch die klare, weiße Organisation der Innenräume zeugt für nordische Baukultur

ALEXANDRIA Mit dem 2002 eröffneten Neubau der Bibliothek traten Snøhetta in die Riege der Weltarchitekten ein. Die schräg aus einem Wasserbecken aufragende Steinscheibe verband eine klare Symbolik mit einer großzügigen Raumorganisation im Inneren und bildete im Detail doch eine enorme Komplexität aus. 2000 Jahre nach ihrer Zerstörung fand die Mutter aller Bibliotheken am Mittelmeerstrand eine würdige neue Hülle, die archaische Assoziationen mit einer bestimmt modernen Haltung verband.

Säle hinter Glasfassaden, Stege und Treppenanlagen durchbrechen die kompakte Form des Zylinders

Zur Stadt zeigt die Bibliothek eine mit Schriftzeichen schraffierte Rundwand. Im Inneren wird der Schwung der Form mit warmen Holztönen verkleidet

"Der politische Einfluss von Gebäuden kann nicht überschätzt werden", sagt Snøhetta-Chef Kjetil Thorsen

Oft entsteht Snøhettas Architektur im Dialog mit Künstlern: Haut des Bühnenturms der Oper Oslo von Astrid Løvaas und Kirsten Wagle

Die Kooperation zwischen Künstlern und Architekten setzt sich im Inneren der Oper fort: Der Bühnenvorhang in Form von zerknittertem Metall stammt von Pae White, die Garderobenwände zeigen den typischen Stil Olafur Eliassons (unten)

Snøhetta suchte für die Oper eine architektonische Form, die das Haus für alle Menschen nutzbar macht

Der Norweger Kjetil T. Thorsen (unten) und sein amerikanischer Partner Craig Dykers führen seit 1989 das gemeinsame Büro mit Ableger in New York; in Oslo (rechts) arbeiten rund 70 Architekten an Projekten von Ground Zero bis zu den Golfstaaten

Die serielle Designhaltung der Weltarchitekten hält Snøhetta für bloße Maskerade, die von den wahren Problemen der Städte nur ablenkt