Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 42-49

Die russische Revolution

Von Susanne Altmann, Ralf Schlter

Limousinen und Antiquitäten kaufen wird irgendwann langweilig. Nun haben junge russische Sammler die Gegenwartskunst entdeckt. Die Kunstszene des Landes, die lange nur im Westen wahrgenommen wurde, erlebt einen Boom SUSANNE ALTMANN RALF SCHLÜTER

Wer im neuen Russland zu Reichtum kommt, denkt nicht daran, Kunst zu kaufen. Er muss erst mal ein paar andere Kleinigkeiten erledigen.

Ein Bentley sollte angeschafft werden, zur Not geht auch ein Rolls Royce. Dann eine Yacht, mit der man in Venedig oder Südfrankreich spektakulär anlegen kann. Wer es ernst meint mit dem Reichsein, braucht eine Villa in der Moskauer Nobelstraße Rubljowka, ein Apartment im Zentrum der Hauptstadt sowie ein Stadthaus im vornehmen Londoner Stadtteil South Kensington, wo die Russenmillionäre mittlerweile eine Gemeinde bilden.

"Die se Dinge gehören zwingend zusammen", sagt Joseph Backstein, 63, Leiter des Moskauer Instituts für zeitgenössische Kunst. "Erst wenn das Paket komplett ist, fangen die Leute an, sich für Kunst zu interessieren." Backstein lächelt süffisant, wenn er diese Spirale der Statusbildung beschreibt.

Als Kurator der Moskau-Biennale betrachtet er das neue Interesse an Kunst mit Amüsement. Einfach nur fürs Geldhaben berühmt sein will niemand, auch im erstarkten Russland nicht, dem die explodierenden Rohstoffpreise eine Art historischen Lot- togewinn beschert haben. Kultiviert sein - das ist plötzlich ein Ziel für die russischen Geschäftsleute, die in den letzten zehn Jahren mit dem Aufbau ihrer Wirtschaftsimperien beschäftigt waren. Jetzt, mit Anfang 40, drängt es sie zur Kultur.

Prominentestes Beispiel ist der Öl- Oligarch Roman Abramowitsch, 42, der neuerdings von Kunsthunger getrieben zu sein scheint. Bisher hatte er sich mit dem Kauf von Yachten und des Fußballklubs FC Chelsea vergnügt.

Bei den New Yorker Frühjahrsauktionen im Mai ersteigerte er das "Triptychon" von Francis Bacon für 86,3 Millionen Dollar und das Gemälde "Benefits Supervisor Sleeping" von Lucian Freud für 33,6 Millionen Dollar - Rekordpreise.

Doch auch eine Stufe unterhalb der Oligarchenkaste ist Kunstshopping zum populären Hobby geworden.

Die 12. Ausgabe der Messe Art Moskwa zählte im Mai rund 35 000 Besucher, und es wurden Sammler gesichtet, die bei einem Rundgang 20 Werke für je bis zu 40 000 Euro kauften und ihre Kinder mit aussuchen ließen.

Nachdem jahrelang nur mit Antiquitäten Geld zu verdienen war, ist "das Sammeln von Gegenwartskunst jetzt Mode", wie Backstein erklärt. "Was hier aber fehlt, ist Wissen über Kunst.

Die Bildung." Besuch bei Vadim Stepanow, dem Schuhkönig von Russland. Er ist nicht der Typ Sammler, der sich nach der Arbeit in kunsttheoretische Schriften vertieft. "Mir ist wichtig, dass Kunstwerke eine positive, angenehme Ausstrahlung haben", sagt er. "Ich will sie ja auch in meinen Schuhgeschäften einsetzen." So spricht gewiss kein Schöngeist bildungsbürgerlicher Prägung, und Stepanow macht denn auch keinen Hehl daraus, dass er sich in puncto Kunst beraten lässt. Er ist befreundet mit Wassily und Irina Bychkow, den Leitern der Art Moskwa, seinen Nachbarn in der Rubljowka. "Sie haben mir die Augen für künstlerische Feinheiten geöffnet." Stepanows Schuhgeschäftskette "Terwolina" ist vergleichbar mit der deutschen Marke Deichmann. Kunst sammelt der Unternehmer seit drei Jahren. Neuerdings kauft er Apartments in Moskau, stattet sie mit Kunst aus, um sie dann sehr viel teurer wie- der zu verkaufen. "Eine schöne Beschäftigung für meine Frau", lacht er und zieht an seiner stattlichen Zigarre.

Nicht überall geht die Schere zwischen Kaufkraft und Kunstverstand so weit auseinander. Wer der 22 Jahre jungen Maria Baibakowa begegnet, erlebt eine erstaunliche Melange aus Geld, Glamour und Kenntnis. Ihr Vater, der 41-jährige Oleg Baibakow, verdiente seine Millionen im Vorstand einer Minengesellschaft.

Seine einzige Tochter ging im Alter von zehn Jahren mit der Mutter nach New York, studierte später Kunstgeschichte und schreibt gerade ihre Dissertation über Ilya Kabakov.

Nebenher kauft Maria Baibakowa Kunst - für ihren Vater und für sich. Sie sei "defintiv an feministischer Theorie" interessiert sowie an unbekannteren russischen Künstlerinnen wie Irina Zatulowskaja, ihr Vater mag erotische Bilder. Sie prangert den "imperialistischen westlichen Kunst begriff" an, der Vater erfreut sich an seinen großformatigen Wertanlagen von Andreas Gursky, Damien Hirst und Richard Prince.

Die Sammlung Baibakow lebt von diesem lächelnd vollführten Spagat zwischen robustem russischen Reichtum und postmodernem New Yorker Kunstdiskurs. In Zukunft kann sich Maria Baibakowa auch vorstellen, als Sammlerin und Kuratorin im Moskauer Kunstbetrieb Flagge zu zeigen.

Ein Schritt, den Igor Markin schon getan hat. Der 42-jährige Unternehmer, dessen Firma Fenster und Türen herstellt, hat im vergangenen Jahr Russlands erstes Privatmuseum für zeitgenössische Kunst eröffnet. Das "Art4.Ru" befindet sich im Erdgeschoss eines Neubaus in der Moskauer Chlynowskij-Tupik-Gasse - ein sympathischer Gemischtwarenladen mit rund 1000 Werken, die der bärtige Sammler selbst unkonventionell inszeniert hat. Seit sieben Jahren setzt Markin unverhohlen auf etablierte Namen, die ihm Berater wie die omnipräsenten Galeristinnen Elena Selina von der "XL Galerie" oder Aidan Salachowa empfehlen. Dennoch, ein Besuch in der Sammlung macht Spaß.

Werke der Konzeptualisten Boris Mikhailov oder Erik Bulatow (siehe Seite 28) werden unbekümmert mit jüngerer Popkunst gemischt, selbst ein Besuch der völlig mit Graffiti zugeschmierten Toilette wird zum Erlebnis.

Kühler und strenger als bei Markin geht es in der "RuArts Galerie" zu. Die Industriellengattin Marianna Sardarowa, 42, zeigt hier Werke aus dem Besitz ihrer Stiftung, mit der sie nicht nur Kunst erwirbt, sondern auch Künstler unterstützt. Sie will "abseits des Mainstream" arbeiten, die sattsam bekannten Namen der Soz-Art sucht man hier vergeblich.

Es ist zum Glück eben nicht nur neues Geld, das in die russische Gegenwartskunst fließt. Hinter den schrillen Auftritten der jungen Reichen kommt eine Riege von Sammlern zum Vorschein, die schon länger und ernsthafter mit der Moskauer Szene verwoben ist. Allen voran der umtriebige Franzose Pierre Brochet, 47.

Als er 1989 zum ersten Mal nach Moskau kam, war er Mitarbeiter des Pariser Flammarion-Verlags, der gerade Michail Gorbatschows Buch "Perestroika" herausgebracht hatte. In der Sowjetunion herrschte Aufbruchstimmung, der damals 28-Jährige war fasziniert.

Seine Augen leuchten noch heute, wenn er von Besuchen in besetzten Häusern und Künstlerkommunen erzählt: "Dort arbeiteten alle namhaften Künstler, von Alexander Winogradow und Wladimir Dubossarski bis hin zu Awdei Ter-Oganian.

Damals lernte ich meine heutige Frau Anna, eine Malerin, kennen." In diesem Klima begann Brochet junge Kunst zu sammeln: "Meine ersten Werke kosteten zwischen 100 und 1000 Dollar." Heute umfasst seine Sammlung etwa 400 Werke, die er zum Großteil in einem sympathisch abgewohnten Büro an der Malaya-Ordinka- Straße, nahe der Tretjakow-Galerie, neben Kartons und Bücherstapeln lagert. 2007 präsentierte der unbestrittene Pionier der neuen russischen Sammlerelite seine Schätze im Moskauer Museum für Moderne Kunst - ein glanzvoller Parcours durch die jüngere Kunstgeschichte Russlands.

Brochets wichtigste Tat war bislang die Gründung des "Art Collectors Club" vor sechs Jahren, gemeinsam mit seinen Mitstreitern Michael Tsarev und Dimitri Kowalenko. Das Trio organisiert Kunstgespräche, Reisen zu internationalen Kunstmessen und Auftritte von Privatsammlungen auf der Art Moskwa. Die Zauberworte heißen Bildung und Vermittlung. Wir treffen Dimitri Kowalenko, 45, in seinen weitläufigen, durch eine Sicherheitsschleuse abgeschirmten Büroräumen. Kowalenko führt eine Consultingfirma, die italienische Investoren in Russland berät. Der zurückhaltende, trotz grauer Haare jugendlich wirkende Unternehmer kann auf 15 Jahre Sammeltätigkeit und 1000 Erwerbungen zurückblicken: "Ich habe Schritt für Schritt gekauft, oft nicht mehr als zehn Arbeiten pro Jahr." Auch an Kowalenkos Wänden hängen allerdings beeindruckende Stücke, wie Frühwerke des Malers Walerij Koschljakow oder übermalte Fotos von Boris Mikhailov aus den späten siebziger Jahren. Zum Sammeln sei er eher zufällig gekommen: "Weil ich häufig Ausstellungen der Galerie Ai dan finanziell unterstützte, bekam ich immer mehr Werke geschenkt. Da merkte ich, dass ich eine Verantwortung für diese Sammlung hatte." Übersichtlicher geht es bei Michael Tsarev, 40, zu, der - anders als seine Freunde Brochet und Kowalenko - einen Aktenordner zu seinen geschätzten 400 Objekten führt. Sollte dieser Ordnungssinn damit zu tun haben, dass Tsarev als Vorstandsmitglied der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wöchentlich zwischen Deutschland und Russland pendelt, einen BMW fährt und dass seine russische Ehefrau nebst den drei Töchtern in München lebt? Schon möglich.

Tsarev lächelt und beginnt in akzentfreiem Deutsch eine Führung durch sein Apartment auf dem Gelände der Deutschen Botschaft in Moskau. Der Esstisch klemmt zwischen zwei großformatigen Fotoin szenierungen der populären Künstlergruppe AES+F, in einer Ecke spulen elektronische Schrift bänder Zitate russischer Literaturklassiker ab, eine Installation von Aristarch Tschernyschew.

Die Arbeiten russischer Künstler, abgesehen von großen Namen wie Ilya Kabakov oder Erik Bulatow, sind im internationalen Vergleich relativ erschwinglich. Vielleicht ist auch dieses Preisgefälle ein Grund dafür, warum die meisten Moskauer Sammlungen nur aus russischer Kunst bestehen. Mit wenigen, immer wiederkehrenden Künstlernamen wirken sie ein wenig austauschbar. Das Interesse an internationaler Kunst hält sich sehr in Grenzen. Es gibt Vermittler wie den Wiener Galeristen Hans Knoll, der seit vielen Jahren regelmäßig in Moskau ist und demnächst neue Räume auf dem Gelände der ehemaligen Weinkellerei Winzawod eröffnen wird.

Er hat in den letzten Jahren mehrere Skulpturen von Tony Cragg verkauft, eine davon an Wladimir Dobrowolsky, 49, der zu den ernsthaftesten Sammlern in Russland gehört - doch ein solcher internationaler Austausch ist derzeit noch die Ausnahme. Meist kaufen Russen Russen. Das mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass das Riesenreich Teile seiner eigenen (Kunst-) Geschichte jetzt überhaupt erst entdeckt und aufarbeitet.

Dass Russland nicht immer so selbstbezogen war, kann man heute noch im großartigen Sammlermuseum, eine Dependance des Puschkin- Museums, sehen. Dort sind mit Schlüs selwerken von Monet, Cézanne, Gauguin, van Gogh und Matisse die grandiosen Reste der Kollektionen von Iwan Morosow und Sergei Schtschukin zu bewundern - Zeugnisse einer Sammlertradition, auf die man sich heute in Moskau wieder beruft.

Die österreichische Russlandexpertin Waltraud Bayer erklärt, dass die se Tradition auch in der Sowjetzeit nicht abgebrochen sei. Trotz einiger Enteignungen nach 1918 konnten mittlere und kleine Sammlungen durch so genannte Schutzurkunden weiter in Privatbesitz verbleiben, und in den zwanziger Jahren wurde das Terrain für private Ankäufe durch eine weitgehende Liberalisierung des Kunstmarkts bereitet.

Heute wurde die Intelligenzija von der neuen Wirtschaftselite abgelöst. Es regiert der Markt, nicht der Diskurs.

Pierre Brochet wirbt damit Mitglieder für seinen Sammlerclub: "Wenn Du Deinen Namen in der Geschichte verankern möchtest, werde Kunstsammler." Es scheint ein regelrechtes Wettrennen darum zu geben, wer irgendwann einmal mit Tretjakow, Schtschukin oder Morosow in einem Atemzug genannt werden wird. Am Geld dürfte es kaum scheitern.

Mehr Fotos der Moskauer Sammlerszene unter: www.art-magazin.de/szene_oligarchen

ANNA ARTEMEVA (FOTOS)

Bildunterschrift:

Igor Markin, 42, in den Räumen seines Privatmuseums "Art4.Ru" - einem bunten Gemischtwarenladen, in dem auch Technopartys gefeiert werden. Markin konzentriert sich auf russische Kunst, hier steht er vor einer Installation der Künstlerin Daria Surowtsewa

Eindrücke von der 12. Ausgabe der Messe Art Moskwa im "Haus der Künstler". 45 Galerien stellten in diesem Jahr aus, insgesamt 500 Werke wurden verkauft

Maria Baibakowa, 22, vor einem Tondo des Briten Jason Martin im Moskauer City-Apartment ihres Vaters, der Millionen im Vorstand einer Minengesellschaft verdient hat. Für ihn kauft sie sichere Werte, sie selbst interessiert sich eher für feministische Kunst

Links: der Leiter des Moskauer Museums für Moderne Kunst, Wassily Zereteli. Rechts: ein Werk der Gruppe Blue Noses am Messestand von Marat Guelman

Wladimir Dobrowolsky, 49 (rechts), ist studierter Physiker.

Er mag abstrakte Kunst und begann vor 19 Jahren, Werke von Rodtschenko und Jawlensky zu erwerben.

Heute freut er sich über seine neue Tony- Cragg-Skulptur - der Galerist Hans Knoll hilft beim Aufstellen

Auf der Messe Art Moskwa: Begehrt sind sowohl harmlose Werke (unten) als auch politische Motive (rechts, das Bild zeigt Putin und den neuen Präsidenten Medwedjew)

Pierre Brochet, 47, kam 1989 aus Frankreich nach Moskau und gibt heute Reiseführer für entlegene russische Regionen heraus. Der Gründer des "Art Collectors Club" in seinem Büro, vor einem Werk des Künstlerduos Winogra dow und Dubossarski

Hauptsache, die Bilder sind hübsch anzuschauen - Kaufkraft und Kunstverstand gehen im neuen Russland nicht immer gut zusammen

Links: Vorführung einer Videoarbeit in der großen Halle des Galerienviertels Winzawod, einer ehemaligen Weinkellerei.

Zur Saisoneröffnung kamen rund 30 000 Besucher (rechts)

Dimitri Kowalenko, 45, den alle nur Mitja nennen, pendelt als Investorenberater zwischen Russland und Italien. Er sei ein "alter Sammler", schließlich sammele er schon seit 15 Jahren Kunst. Hier posiert er mit Tochter vor einem Werk seiner Favoriten, dem Duo Winogradow und Dubossarski

Rund 35 000 Besucher wurden diesmal auf der Art Moskwa registriert, auch Kindern wird Kunst nahe gebracht (rechts).

Knapp mehr als die Hälfte der Galerien kam aus Russland

Marianna Sardarowa, 42, Chefin und Gründerin der "Ru- Arts"-Stiftung vor dem Gemälde "Guter Künstler - Toter Künstler" von Sergej Anufriew. Mit ihrem Interesse an sperriger Kunst entspricht sie nicht dem Klischee der schöngeistigen Unternehmersgattin

Hinter den schrillen Auftritten der jungen Reichen kommt eine Riege von Sammlern zum Vorschein, die schon lange mit der Moskauer Szene verwoben ist

Links: Besucherinnen vor einer Fotoarbeit von Boris Mikhailov in Igor Markins Privatmuseum "Art4.Ru". Rechts: großer Andrang des jungen Publikums im Galerienviertel Winzawod

Michael Tsarev, 40, hat in Deutschland studiert und pendelt heute zwischen München und Moskau. Er engagiert sich im "Art Collectors Club" und führt einen Aktenordner über seine Sammlung - "vielleicht ist das der deutsche Einfluss", sagt er lachend

Der neue Reichtum will sich zeigen und hat in der Messe (links) und Winzavod (rechts) Orte der Repräsentation gefunden - es ist schick, sich für Kunst zu interessieren

Vadim Stepanow posiert in einer Filiale seiner Schuhgeschäftskette "Tervolina" vor einem Gemälde von Veronika Ponomarewa.

"Ein schönes Bild schafft ein gutes Ambiente, verbreitet eine angenehme Atmosphäre", sagt er

Russen kaufen meistens Russen. Das Interesse an internationaler Kunst ist sehr begrenzt, und so kehren dieselben Künstler immer wieder

Markins Museum "Art4.Ru" ist eher Partystätte als Ort der stillen Zwiesprache mit der Kunst: die mit Graffiti zugeschmierte Toilette (links), ein junges Paar beim Rundgang