Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 82-83
Vom Hocker zum Expressionismus
Von Sandra Danicke
Das Museum der Weltkulturen zeigt afrikanische Einflüsse auf den Maler FRANKFURT: KIRCHNER UND KAMERUN
Ernst Ludwig Kirchner (1880 bis 1938) ist nie in Afrika gewesen. Auch seine Kollegen Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, mit denen er 1905 in Dresden die Künstlervereinigung "Die Brücke" gründete, kannten Afrika vor allem aus dem Berliner und Dresdner Völkerkundemuseum, ethnografischen Bildbänden und so genannten Völkerschauen im Zoologischen Garten Dresden, bei denen Menschen aus diversen afrikanischen Ländern als eine Art Naturwunder vorgeführt wurden.
Dennoch waren die Brücke-Künstler der festen Überzeugung, dass die Kunst der so genannten primitiven Völker viel "unmittelbarer und unverfälschter" sei, als alles was bis dahin in Europa produziert worden war. Mit Begeisterung begannen sie sich an der Kunst exotischer Länder und ihren grellen Farben zu orientieren - und begründeten damit den Deutschen Expressionismus. In einer gemeinsam mit dem Museum Rietberg in Zürich konzipierten Ausstellung zeigt nun das Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main, wie die afrikanischen Vorbilder das Werk Ernst Ludwig Kirchners geprägt haben. Im Zentrum der Ausstellung steht ein Leopardenhocker aus der Grasland-Region Kameruns in Westafrika, den der Maler und Bildhauer einst für seine künstlerisch ausgestalteten Wohn- und Atelierräume erworben hatte (heute befindet er sich im Besitz des Bündner Kunstmuseums Chur).
Das skurrile Tier mit den gebleckten Zähnen, dessen Ohren und Schwanz die Sitzfläche stützen, erkennt man auf diversen Kirchner-Zeichnungen wieder, die das Schmuckstück nun in der Ausstellung flankieren, etwa in der Tuschfederzeichnung "Afrikanischer Schemel mit Vase und Ananas" (1910) oder in der Zeichnung "Sitzender Akt vor Spiegel" (1911).
Ebenfalls ausgestellt sind Skulpturen aus Kamerun, wie etwa eine bemalte männliche Schalenträgerfigur für Kolanüsse oder Rotholzpulver. Schnitzobjekte wie dieses haben Kirchner seinerzeit auch zum Schnitzen diverser Gebrauchsgegenstände angeregt, etwa einem Bett für seine Lebensgefährtin Erna, Schalen oder Stühle.
Termin: 14. Juni bis 9. November.
Katalog: Gva-Vertriebsgemeinschaft, 25 Euro.
Internet: www.mdw.frankfurt.de
Bildunterschrift:
Inspiration vom Hocker: Zeichnung "Sitzender Akt vor Spiegel", Leopardenhocker, 19. Jahrhundert, aus Kamerun
