Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 41
"Gefühlte Langeweile"
Von Gerhard Mack
Wie die Moskauer Konzeptualisten aus Niederlagen kreative Energie schöpften, erklärt Kulturkritiker Boris Groys
art: Herr Groys, Sie haben den Begriff der Moskauer Konzeptualisten geprägt. Was ist darunter zu verstehen?
Groys: Es geht um eine Gruppe von Künstlern, die fast alle in den sechziger bis achtziger Jahren in Moskau gelebt und außerhalb des offiziellen Kunstbetriebs gearbeitet haben. Sie versuchten nicht so sehr, eine andere Kunst zu machen als die offizielle Kunst, als sich zu fragen, wie man das Ideologische, Politische, Kritische ins Kunstwerk integrieren kann. Sie fragten nach dem sozialen Umfeld, in dem Kunst sich bewegt, nach den Kriterien der Kunstbewertung und bezogen das auf das sowjetische System, in dem sie gelebt haben. Sie nahmen eine investigative, reflektierende Haltung ein.
Worin unterscheidet sich diese Kunst von westlicher Konzeptkunst?
Die westliche Konzeptkunst hatte den Kunstmarkt und den Ausstellungsraum im Auge. Beides gab es in der Sowjetunion für diese Künstler nicht. Sie reagierten darauf, wie Bilder insgesamt in den Medien funktionieren, wie sie ideologisch bewertet und im Sinne der Propaganda benutzt werden. Ihre ideologische Interpretation entschied darüber, ob ein Bild verbreitet wurde.
Sie sprechen dabei von einer Art konzeptueller Pop Art. Wieso?
Weil in der Sowjetunion die Massenkultur konzeptualistisch geprägt war.
Es gab dort keinen Warenwert, sondern einen symbolischen Wert. Und über diesen entschied ein theoretischer Kommentar, auch und gerade was die Kunst anlangte.
Sie lassen den Moskauer Konzeptualismus 1971 anfangen. Wieso wählen Sie dieses Datum?
Zum einen sind Anfang der siebziger Jahre wichtige Arbeiten von Bulatow, Kabakov und Komar & Melamid entstanden. Dann konnte ich auch ein Abkühlen der Sechziger-Jahre- Bewegung beobachten. Ich habe das Tauwetter kulturell als Irritation empfunden. Da gab es viele unreflektierte und wenig originäre Werke, die mit dem Gestus der Spontaneität und Innerlichkeit vorgetragen wurden, aber nur schlechte Nachahmungen waren. Als diese Bewegung in der Breschnew-Zeit unterdrückt wurde, waren die Menschen desillusioniert, verloren Hoffnungen auf Karriere und Erfolg und fingen an, interessante Bücher zu lesen. Es entstanden gute Literatur und Kunst. Deshalb sehe ich hier einen Einschnitt.
Wie funktionierte diese inoffizielle Kunstszene?
Diese Kultur wurde nicht von den Medien, der Presse, den Zeitschriften getragen, sie lebte vom Gespräch, vielleicht so ähnlich wie bei den Existenzialisten der fünfziger Jahre, die in Cafés verkehrten. Nach dem Ende des Terrors bis zum Beginn der ökonomischen Unsicherheit Anfang der achtziger Jahre lebten wir in einem Schwebezustand ohne wirkliche Gefährdung und ohne Ambitionen, aber mit einem Überfluss an Zeit. Aus meiner heutigen Sicht war dies ein paradiesischer Zustand der gefühlten Langeweile, wie es ihn in der Geschichte nur wenige Male gegeben hat. Auf dem Niveau einer einfachen Grundversorgung herrschte eine animalische Unbekümmertheit, die es erlaubte, sich mit vielen Dingen ernsthaft auseinanderzusetzen.
Wie sah Ihr Tag in jener Zeit aus?
Man verbrachte seine Tage meistens damit zu lesen; ich habe sehr viel gelesen.
Dann hat man ein wenig für die offizielle Arbeit gemacht, sie wurde grundsätzlich vernachlässigt. Und vor allem hat man die Gespräche innerhalb des Milieus gepflegt.
Was war für die konzeptualistischen Künstler dieses Milieus das einschneidende Erlebnis?
Für unsere Generation ist die Thematisierung der Niederlage die kollektive Erfahrung. Praktisch alles, was in den siebziger Jahren gemacht wird, hat die Niederlage zum Gegenstand.
Man versucht etwas zu machen, und es klappt nicht, man versucht etwas zu erklären, und es geht nicht. Alles ist dysfunktional und löst sich im Absurden auf. Nichts ist richtig.
Das Gefühl dominierte: Das Schicksal des Einzelnen und das des Staates in unserer Welt ist die Niederlage, und wir müssen diese Niederlage lieben, weil sie etwas Unerwartetes mit sich bringt, das vielleicht auch interessant ist.
INTERVIEW:
Bildunterschrift:
Boris Groys (rechts außen), mit Künstlerfreunden 1978 in der Wohnung von Francisco Infante, gehörte zum Kreis der Moskauer Konzeptualisten
Ausstellungkurator Boris Groys:
"Wir lebten in einem Schwebezustand ohne Ambitionen"
