Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 9

Studio

Von

Thesen, Trends und Trash

Klimawandel im Kleinen liefern der französische Designer Mathieu Lehanneur und der US-Wissenschaftler David Edwards mit lebenden Luftfiltern. Das Konzept von "Bel-Air" basiert auf einer Idee der NASA: In einem mobilen Container aus Aluminium und Glas wächst eine Pflanze. Durch Schlitze im Container wird verbrauchte Luft eingesaugt, durch die Pflanze gefiltert und gereinigt wieder abgegeben. "Bel-Air" soll damit die Lebensqualität in geschlossenen Räumen verbessern. Infos: www.mathieulehanneur.com

Er hat den Papst mit einem Meteoriten zu Fall gebracht, Adolf Hitler als unschuldigen Schulbuben niederknien lassen - die lebensechten Figuren des Italieners Maurizio Cattelan provozieren.

Für das alljährliche Projekt "Synagoge Stommeln" im rheinischen Pulheim-Stommeln - dieses Mal in der katholischen Kirche Alt St.

Martinus - hat er eine apokalyptische Vision realisiert: An der Außenfassade hängt in einer Transportkiste eine in ein weißes Hemd gekleidete Frau, die an allen Gliedmaßen mit monströsen Zwingen brutal fixiert ist. Die beklemmende Szene weckt Assoziationen - vom Gekreuzigten über Abu Ghraib bis zur unmenschlichen Behandlung alter Menschen in manchen so genannten Pflegeheimen (bis 10. August).

GAGA - PRESSETEXT DES MONATS Aus der Presserklärung von "Gastspiel - 14 künstlerische Positionen zu Rüdesheim am Rhein", 7. Juni bis 6. Juli 2008: "14 mit den unterschiedlichsten Medien ... arbeitende Künstler setzen sich mit der Stadt Rüdes heim am Rhein und ihrer weiten Bezugsvielfalt auseinander.

Sie betreiben Spurensuche, legen Verschüttetes frei. Sie ermitteln und überdenken Zusammenhänge, entdecken und visualisieren Poetisches, Skurriles, Alltägliches und Globales. Sie bewegen sich fort von dem auf Drosselgasse, Weinseligkeit und Germania reduzierten Klischeebild Rüdesheims und schärfen den Blick für Hintergründe, Kausalitäten und für all das, für das die Zeit des touristischen Kurzaufenthaltes nicht reicht. Einige der an ,Gastspiel' teilnehmenden Künstler arbeiten hierbei globaler, setzen Rüdesheim in Bezug zu Phänomenen allgemeinerer Art, andere hingegen konzentrieren sich auf Details der Stadtgeschichte - oder auf so Spezielles wie auf die Bedeutung und die ästhetischen Möglichkeiten der Weinbergschnecke."

Wie schwerelos liegen die Körper in der Luft, umgeben von Supermarktregalen voller Blumen, Plastikschüsseln und Kosmetikprodukte.

Für die Serie Hyper nutzte Denis Darzacq extreme Hochgeschwindigkeitsfotografie, um junge Tänzer und Athleten in Aktion festzuhalten.

Der französische Künstler fragt nach dem Platz des Individuums in der (Konsum-) Gesellschaft - und verortet es irgendwo zwischen Selbstbestimmung, Freiheit und freiem Fall. Infos: http://denis. darzacq.revue.com

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (14 )

Verfremdung, die: f., künstl. Stilmittel des postmod. Standardrepertoires, bei dem Gewohntes durch Veränderung von Form, Farbe oder Proportion in neue Sinnzusammenhänge gerückt wird. V. liegt die Absicht zugrunde, das menschl. Denken und Sehen durch gezielte Irritation aufzurütteln. Da eine gelungene V. große gedankl. Vorarbeit erfordert, gleitet manche V. in die benachbarte gleichwohl untergeordnete Kategorie der -->Karikatur ab.

DIE ART-HOME-STORY (12 )

Zu Gast bei Grayson Perry Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Messer Viele Künstler arbeiten heute mit hochtechnischen Mitteln. Dieses Messer ist sehr alt, und es ist eines der Werkzeuge, die ich am häufigsten benutze. Ich besitze eine ganze Kollektion von mehr oder minder abgenutzten Werkzeugen. Ich liebe ihre Bescheidenheit.

Buch Das ist eines meiner ältesten Bücher: "Keramik der Welt". Normalerweise kopiere ich die Formen meiner Vasen und Töpfe, denn ich möchte kein innovativer Keramiker sein. Der Betrachter soll die Form meiner Vasen sofort wiedererkennen und sich dann auf etwas anderes konzentrieren.

Außerdem glaube ich, dass echte Originalität heute ohnehin überschätzt wird.

Scherbe Das ist eine Scherbe von einer Arbeit, die ich zerstört habe. Wenn eine Arbeit nicht gelingt, hat das meist ästhetische und nicht technische Gründe. Dann zertrümmere ich sie und hebe ein Stück auf. Es erinnert mich an den Fehler, den ich gemacht habe, aber auch an das Potenzial.

Ich besitze einen ganzen Kasten voll solcher Scherben, den ich manchmal auch ausstelle.

Totenkopf Das ist eine meiner jüngsten Arbeiten: "Kopf eines gefallenen Riesen". Es ist ein Totenkopf aus Bronze, besetzt mit allen möglichen Objekten, die Großbritannien repräsentieren: Buckingham Palace, Union Jack, Doppeldeckerbusse - all diese Klischees. Es ist eine Antwort auf Damien Hirsts Totenkopf, ich wollte zeigen, dass es wertvollere Dinge als Diamanten gibt.

Göttin Das hier ist die Göttin meines Brennofens. Sie geht auf eine chinesische Grabfigur zurück und sieht ein bisschen aus wie Prinz Charles. Sie soll den Ofen vor bösen Geistern schützen.

Viele Töpfer glauben ja an so etwas - Feuer und Erde -, ich aber eigentlich nicht. Überhaupt wäre mir ein Mikrowellenofen lieber, bei dem ich genau weiß, was herauskommt. Dass die Figur weiblich und männlich zugleich ist, liegt daran, dass ich Transvestit bin.

Ein eigenständiges System hat das New Yorker Architektur- und Medienbüro Simone Giostra & Partners für das Gebäude des Xicui Entertainment Complex in Peking entwickelt: "Green Pix" sieht aus wie ein gigantisches Wärmebild, besteht aus 2292 LED-Lichtern und einem so genannten Photovoltaik-System: Die Glasfassade generiert tagsüber Solarenergie, mit der sie nachts die Fassade in verschiedenen Farben erleuchtet.

EINE LISTE Museen, in denen früher malocht wurde

1. Dashanzi, Peking: Munitionsfabrik

2. The Factory, New York: Hutfabrik

3. Ludwig-Forum, Aachen: Schirmfabrik

4. ZKM, Karlsruhe: Waffen- und Munitionsfabrik

5. Sammlung Falckenberg, Phoenix-Hallen, Hamburg- Harburg: Gummifabrik

6. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus

7. Massachusetts Museum of Cont. Art: Textilfabrik

8. DIA: Beacon, Beacon, New York: Keksverpackungswerk

9. Kunsthallen Brandts, Odense: Textilfabrik

10. Kunsthalle Neuffer am Park, Pirmasens: Schuhfabrik

11. Tate Modern, London: Elektrizitätswerk

12. Stoschek Collection, Düsseldorf: Bühnenwerk stätten

13. Galerie Münsterland, Emsdetten: Textilfabrik

14. Fondazione Merz, Turin: Heizwerk

15. Pinakothek, Turin: Autofabrik

Bildunterschrift:

Besucher im Visier: Wer derzeit über die Millennium Bridge in die Londoner Tate Modern will, gerät in die Schusslinie des französischen Street-Art- Künstlers JR. Gemeinsam mit weiteren fünf Bildern von Kollegen aus Brasilien, Italien, den USA und Spanien prangt sein Schütze noch bis zum 25.

August auf der Fassade des ehemaligen Kraftwerks - danach muss alles wieder runter. Infos: www.tate.org.uk

Die Kunstwelt in Blau: Flinke Überwachungskameras binden in Jon Kesslers "The Blue Period" (2007, Galerie Arndt & Partner) leibhaftige Besucher der 39. Art Basel in ein verwirrendes Panoptikum aus lebensgroßen Pappfiguren, rotierenden Skulpturen, diversen Videoinstallationen und reichlich blauer Farbe ein.

Food-Fotografie ist ein hochspezialisiertes Handwerk: Gerichte werden im nachgebildet, oft mit Hilfe von künstlichen Materialien. Dann werden sie prall und appetitlich in Szene gesetzt, auf dass dem Konsumenten das Wasser im Mund zusammenlaufe. Der Berliner Autor Samuel Mueller zeigt auf seiner Webseite www.pundo3000.com "Werbung gegen Realität", Food-Bilder der anderen Art: Er fotografierte unter anderem Gerichte, nach dem er sie warm gemacht hatte, und stellte sie neben die Fantasiebilder. Guten Appetit!

Eigentlich ist der gotische Kirchenraum von St. Peter an der Sperr in der niederösterreichi schen Wiener Neustadt vollkommen leer. Und eigentlich baut der österreichische Künstler Jakob Gasteiger auch keine zeppelinartigen Großballons, sondern malt vorwiegend monochrom in Acryl. Diesen "wunderschönen Raum" wollte er aber anders füllen, "um die Diskrepanz zwischen dem sehr leichten Objekt und seiner scheinbaren Masse zu verdeutlichen".

Zu sehen noch bis zum 20. Juli.

Kunst mit Umweltsiegel:

"Bel-Air" filtert verbrauchte Luft

Arbeit von Maurizio Cattelan in Pulheim-Stommeln

Sprünge im Supermarkt aus Darzacqs Serie "Hyper" (2007)

Claes Oldenburg "Säge - Harte Version II" (1971), Fernando Botero "Marguerita" (1977)

Der mit dem Turner- Preis gekrönte Keramiker Grayson Perry, 48, auf seiner Harley-Davidson im Hof seines Ateliers in einem ehemaligen Tante-Emma- Laden in Nordlondon

Spektakel im Dunkeln: das "Green Pix" in Peking

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39. Art Basel

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"Werbung gegen Realität"

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zeppelinartigen Großballons

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Hyper

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Die Art-Home-Story (12) - Zu Gast bei Grayson Perry

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Eine Liste - Museen, in denen früher malocht wurde

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gigantisches Wärmebild