Ausgabe: 07 / 2008
Seite: 20-27

Goodbye, Polaroid

Von Sandra Danicke

Eine Ära geht zu Ende: Längst haben Digitalkameras und Fotohandys dem Sofortbild den Rang abgelaufen. Jetzt stellt die Polaroid Corporation die Produktion ein. Zeit für einen wehmütigen Rückblick auf Polaroid: ein Medium, das die Künstler liebten, weil es so herrlich unperfekt war - und so altmodisch ehrlich \

Eine Frau stülpt sich eine Handtasche über den Kopf, ein Mann klemmt sich leere Weinflaschen zwischen die Beine, ein anderer hält die Luft an und denkt an Spinoza. Szenen wie diese spielen sich in Museen rund um den Globus ab, sofern dort Erwin Wurm (*1954) zu einer Ausstellung eingeladen wurde. Für seine "One Minute Sculptures" lässt der Wiener Künstler Besucher skurrile Posen einnehmen.

Was bleibt von der Performance, ist ein Polaroid, das von Wurm - sofern man es ihm schickt - signiert und zu Kunst erklärt wird. Wenige Wochen vor seiner aktuellen Ausstellung in Moskau jedoch ist der Künstler verunsichert.

"Womöglich bekomme ich gar keine Filme mehr." Seit der amerikanische Polaroid- Konzern im Februar einen Produktionsstopp für seine Sofortbildkameras und die dazugehörigen Filme verkündet hat, weil die Verkaufszahlen seit Jahren dramatisch sinken, scheinen die Vorräte begrenzt. Mit einer Digital kamera jedenfalls will Erwin Wurm seine "One Minute Sculptures" nicht dokumentiert wissen. "Polaroidaufnahmen sind viel spontaner und direkter", findet der Künstler, "an Digitalaufnahmen kann man so viel herummanipulieren." Dass die Qualität der Sofortbilder, gemessen an fotografischen Standards, arg zu wünschen übrig lässt, stört Wurm genauso wenig wie Generationen von Künstlern, die Polaroids für ganz unterschiedliche Werkserien eingesetzt haben. Zuweilen scheint es gar, als seien die Unzulänglichkeiten Programm. Als etwa Dieter Roth sich 1981 beim Musizieren fotografieren ließ, hielt er es nicht einmal für nötig, in die Kamera zu schauen.

74 Tage lang versuchte Roth (1930 bis 1998) sich das Akkordeonspielen beizubringen, dokumentierte seine Versuche auf Kassetten und Polaroidbildern, beschriftete und signierte sie.

Titel der Arbeit: "Harmonica Curse".

Kaum ein Werk versinnbildlicht den schmerzvollen Prozess künstlerischen Schaffens besser als Roths 74 jämmerlich klingende Kassetten und die - nach rein formalen Kriterien - völlig unkünstlerischen Fotos: bizarre Dokumente, wie sie nur eine Polaroidkamera hervorbringen kann.

Zwischen einem Polaroid und einer herkömmlichen Negativfotografie liegen Welten. Sicher, beide bilden ab, was sich zum Zeitpunkt, an dem der Auslöser gedrückt wurde, vor dem Objektiv befand. Allerdings: Die Erwartungshaltung unterscheidet sich meist grundlegend und damit das Motiv.

Ein Polaroidfoto entsteht in der Regel als Beleg eines flüchtigen Geschehens; im Zeitalter fotografischer Manipulationen haftet ihm eine fast verloren geglaubte Aura der Authentizität an. Zwischen dem Drücken des dicken runden Knopfes und dem Erscheinen des fertigen Bildes liegen bloß wenige Augenblicke und ein kurzes Surren. Schon schiebt sich durch den Schlitz des vergleichsweise plumpen Geräts zungengleich ein quadratischer Kunststofflappen, der sogleich mit rituellem (in Wahrheit aber nutzlosem)

Wedeln in ein blau- oder gelbstichiges Zeugnis der vorangegangenen Aktion verwandelt wird.

Das Geniale an Polaroid: Das Ergebnis kann sofort überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Reproduktionen jedoch sind nicht möglich, jedes Bild ist ein Original. In seinem weißen, flachen Beutel am unteren Bildrand trägt jede Aufnahme die geheimnisvollen Substanzen zur eigenen Herstellung mit sich - eine Paste, die potenziell jedes mögliche Bild enthält.

Erfunden wurde die erste Kamera, der man kurz nach der Aufnahme ein fertiges Positivbild entnehmen kann, 1947 von dem amerikanischen Physiker Edwin Herbert Land, der auch den dazugehörigen Film austüftelte. Zunächst wurden die (anfangs sepiafarbenen)

Bilder nach der Belichtung seitlich aus der Kamera gezogen - ein Vorgang, bei dem die Entwicklerpaste automatisch zwischen Negativ und dem nach 30 bis 90 Sekunden abziehbaren Positiv verteilt wurde.

Seinen Mythos als Party- und Künstlerkamera erhielt der Apparat jedoch erst 1972, als das legendäre Modell SX-70 mit automatischem Bildauswurf auf den Markt kam. Damals hatte die Pola roid Corporation Kameras und Filmmaterial an professionelle Fotografen verschenkt, um ihnen die als amateurhaft verschrienen Polaroids schmackhaft zu machen - mit Erfolg. Sogar Gisèle Freund, Helmut Newton oder Robert Mapplethorpe fotografierten nun mit Polaroid, und selbst der siebzigjährige Walker Evans war so begeistert, dass er in seinen letzten Lebensjahren ganze 2500 Fotos mit der SX-70 schoss.

Zahlreiche Künstler nutzten nun die speziellen Eigenschaften und die eigenwillige Ästhetik von Polaroids zu den unterschiedlichsten Zwecken.

Während Dieter Roth am Polaroid in erster Linie die Möglichkeit der unkomplizierten Beweisführung schätzte (1982 dokumentierte er auch eines seiner Bücherregale), posierte Jürgen Klauke in den siebziger Jahren in Frauenkleidung und Schminke vor der Sofortbildkamera, um gesellschaftliche Normen zu hinterfragen.

Richard Hamilton wiederum begeisterte sich für die Unmittelbarkeit, mit der eine Polaroidkamera in der Lage war, etwas von der Persönlichkeit ihres Benutzers zu vermitteln - selbst, wenn derjenige zuvor noch nie einen Auslöser betätigt hatte. "Es muss so um 1968 herum gewesen sein, ich war in New York, und Roy Lichtenstein hatte eine neue Polaroidkamera, wie sie damals gerade in Mode kamen", erzählte Hamilton (*1922) Jahre später.

"Er fotografierte mich und gab mir das Ergebnis. Kurz darauf ging ich nach Vancouver. Und dieser Typ, er hieß Jan Baxter, hatte auch eine Polaroidkamera, das neue Spielzeug, und fotografierte mich. Ich fand es ziemlich lustig, dass in beiden Fällen, die Arbeit des Künstlers im Bild sichtbar war. Ich hatte einen Lichtenstein und einen Baxter vor mir." Zurück in England kaufte sich Hamilton selbst eines dieser Modespielzeuge und begann dessen spezifische Eigenschaften für ein konzeptkünstlerisches Langzeitprojekt einzusetzen. Hamilton ließ sich von Künstlern, Designern und Musikern wie Dieter Rams, Man Ray, Henry Cartier-Bresson, John Lennon oder Robert Rauschenberg mit der Polaroidkamera porträtieren.

Zwischen 1968 bis 2001 entstanden so 128 Sofortbilder desselben bärtigen Mannes mit der zunehmend schütter werdenden Zauselfrisur. "Nach und nach", so Hamilton, "zeigte sich, dass andere Leute und auch ich anfingen, in diese Bilder eine tiefere Bedeutung hineinzulesen. Die Leute sagten: ,O ja, man kann sehen, dass das von Jasper Johns ist, weil es mit dem blauen Himmel und dem Horizont aussieht wie eine Flagge'. Mir kam das ein bisschen albern vor. Doch schließlich machte Francis Bacon ein Foto. Es war sein allererstes, er hatte niemals vorher eine Kamera in der Hand gehalten und wusste überhaupt nicht, wo er abdrücken sollte. Und er lief, leicht betrunken, im Zimmer umher - aber das Ergebnis war so sehr Francis Bacon, dass ich verblüfft war." Bloß Andy Warhol benötigte bei der gemeinsamen Sitzung mehr als 50 Fotos bis er zufrieden war, "der ganze Fußboden des kleinen Ateliers war zugemüllt", erzählte Hamilton. "Warhol liebte Polaroids, und offenbar gab ihm die Tatsache, dass er Bilder herstellte, ohne zu arbeiten, einen grandiosen Kick." In der Begegnung zwischen Andy Warhol und Richard Hamilton kreuzten sich zwei künstlerische Projekte, die ohne Polaroid niemals zustande gekommen wären. Während allerdings Hamilton selbst als Vorwand für die künstlerischen Entscheidungen anderer herhielt und dabei in Kauf nahm, dass er jedes Mal "so dämlich aussah, wie wenn ich in den Spiegel schaue", versteckte sich Warhol (1928 bis 1987) lieber hinter der Kamera. Wie ein Besessener fotografierte der Pop-Art- Künstler Stars wie Joseph Beuys und Mohammed Ali oder Sternchen, die sich Viva, Candy Darling oder Ultra Violet nannten. Sich selbst lichtete er in aller Regel allenfalls geschminkt und in Damenkleidung ab.

Warhol hatte bereits in den sechziger Jahren begonnen, Freunde in einem Passbildautomaten zu fotografieren. 1971 kaufte er sich eine "Big Shot", eines der einfachsten Polaroid- Modelle, dessen Produktion jedoch bereits 1973 wieder eingestellt wurde.

Der Popkünstler mochte die trashige, billige Anmutung jener Bil der, denen es an Tiefenschärfe eben so mangelt wie an der Fähigkeit präziser Farbwiedergabe.

Das Banale, Schnell lebige der Polaroidkamera war ebenso nach seinem Geschmack, wie das amateurhafte Do-it-yourself-Gefühl.

Nicht selten arteten Polaroid-Sitzungen in Events aus. Am Tag als Warhol Liza Minnelli fotografierte, kam etwa John Lennon vorbei, und man posierte gemeinsam. Ein anderes Mal kamen Keith Richards und Ron Wood von den "Rolling Stones" samt Groupies zu einem Shooting für das Cover ihres Album "Love You Live" vor bei, während gleichzeitig eine Gruppe weiblicher Mäzene eine Führung durchs Atelier wollte. "Die besondere Idee für das Cover war, die Gruppe so aufzunehmen, als wolle jeder jeden beißen oder fressen", erinnert sich Warhols Mitarbeiter Vincent Fremont.

"Andy und ich waren vollauf damit beschäftigt, die Damen vorn im Studio mit Weißwein oder Perrier bei Laune zu halten, während sie Kunst guckten, und hinten servierten wir Bier und Jack Daniels an die bleichgesichtigen Rocker, die damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu beißen." Auch erotische Fantasien setzte Andy Warhol gerne mit der Polaroidkamera um - und tat es damit zahlreichen Amateuren gleich, denen die Sofortbildkamera den peinlichen Umweg über neugierige Fotolaboranten ersparte. Bob Colacello, ehemals Chefredakteur von Warhols Magazin "Interview", soll sich über eine Flut pornografischer Polaroidfotos beklagt haben, die er in den siebziger Jahren jeden Mor gen auf seinem Schreibtisch ausgebreitet fand.

Polaroidbilder waren ein symptomatisches Ausdrucksmittel der sexuellen Aufbruchstimmung jener Zeit", erläutert der Bonner Ausstellungsmacher Klaus Honnef. Für Erotikaufnahmen sei die Kamera, bei der sich das Labor erübrigt, schlichtweg ideal gewesen, so der Fotoexperte.

Mittlerweile lässt sich dergleichen völlig unkompliziert mit der Digitalkamera oder dem Fotohandy erledigen.

Deshalb werden Polaroids wohl bald nur noch als historische Dokumente existieren, über deren unperfekte Anmutung man sich wundern wird. "Für die Kunst ist das kein Verlust", findet der Münchner Fotokurator Thomas Weski. "Es bleibt nur wenig Gutes hängen.

Wenige Künstler haben das wirklich ernst genommen und seriös damit gearbeitet. Interessant war David Hockney, der viele Perspektiven zu einem Bild collagiert hat." Das Spektrum künstlerischer Möglichkeiten sei mittlerweile ohnehin ausgereizt, findet auch Honnef. Sicher, Polaroids hätten einen ganz eigenen Charme, den man aus nostalgischen Gründen vermissen werde. Aber das, so Klaus Honnef, "lässt sich schließlich auch über die Daguerreotypie sagen".

Literatur: The Polaroid Book, Taschen Verlag, 2008; Polaroid als Geste, Hatje Cantz Verlag, 2005; Das Sofortbild Polaroid, Aktionsgalerie Bern 1977

Bilder aus der aktuellen Hamburger Araki-Schau finden Sie unter: www.art-magazin.de/araki

Bildunterschrift:

Dilettantismus als Ideal: 1981 dokumentierte Dieter Roth auf Kassetten und Sofortbildern sein jämmerliches Gedudel: "Harmonica Curse"

Andy Warhol, hier zwei "Selbstporträts als Drag Queen" von 1981 (oben) und 1986, mochte die trashige, billige Anmutung der Bilder

Facetten der Wirklichkeit:

David Hockneys "Celias Kinder Albert + George Clark Los Angeles 7. April 1982" besteht aus 70 Polaroids

Mit dem Polaroid ließ sich das Labor umgehen, das machte es zum Lieblingsmaterial für Erotik-Amateure. Aber auch ProfiNobuyoshi Araki (hier Arbeiten aus den achtziger Jahren) nutzte es gern

Erwin Wurm lässt seine "One Minute Sculptures" (hier die Collage "Besen, Helsinki, 2002") stets auf Polaroid dokumentieren

"Sofortbilder sind viel spontaner und direkter", findet Erwin Wurm. Wer ihm ein Polaroid seiner Skulpturen schickt, bekommt es signiert

Stefanie Schneider, hier eine Arbeit von 2005/06, bevorzugt überlagertes Material, das ist besonders schön malerisch-fehlfarben

Zwei Polas, eine Arbeit:

Anna und Bernhard Blume:

"Grüner Hinweis", von 1985

Ein Polaroidfoto entsteht in der Regel als Beleg eines flüchtigen Geschehens; im Zeitalter fotografischer Manipulationen haftet ihm eine fast verloren geglaubte Aura der Authentizität an

Höchste Verfeinerung:

Robert Mapplethorpe (ohne Titel, 1973/75) nutzte für seine Dye- Transfer-Prints die großformatigen Negative, die bei Polaroids gleich mit entstehen

Seinen Mythos als Künstlerkamera erhielt Polaroid erst, als der Konzern Material an Profifotografen verschenkte

Aus den goldenen Zeiten der Polaroid- Corporation in Cambridge, Massachusetts:

1972 widmete "Life" dem Erfinder Edwin H. Land (links) den Titel "Ein Genie und seine magische Kamera". Ein Genie im Umgang mit der neuen Technik war Pop-Künstler Andy Warhol (rechts)

Selbstanalyse als Langzeitprojekt:

Zwischen 1968 und 2001 ließ sich Richard Hamilton von 128 Künstlern per Polaroid porträtieren.

Von links: Francis Bacon, John Lennon, Man Ray