Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 68-70

"Mach es richtig oder gar nicht!"

Von Barbara Hein

Sie ist jung, schön und erfolgreich: Mit eisernem Willen, exzellenten Kontakten und Verhandlungstalent hat Ambra Medda in nur drei Jahren die derzeit hipste Designmesse geformt - und der Branche internationalen Glamour eingehaucht

Komm, lass uns hier verschwinden", zischt Ambra Medda und zieht ihr graues Strickbarett tief ins Gesicht. "This place sucks." Dann marschiert sie in Röhrenjeans und pinkfarbenen Ballerinas durch die Lobby des exklusiven Hotels in Kensington auf die Straße und zündet sich eine Zigarette an. "Ich hatte ein Kellerzimmer, und das Bett sah aus, als wäre da sonst was drin passiert, als ich ankam - widerlich. Ich musste ziemlich laut werden, bis sie mich umquartiert haben." Ambra Med da - 27, zierlich, braune Augen, braunes Haar - ist die Mitbegründerin und Leiterin der "Design Miami", die sich in nur drei Jahren zur hipsten und glamourösesten Designmesse der Branche entwickelt hat. Medda ist in London, ihrer Heimatstadt, um junge Designer zu "scouten", wie sie es nennt, und sie hat es eilig. Übermorgen geht es nach Mailand, dann Paris und dann zurück nach Miami, wo sie mit Craig Robins, dem millionenschweren Paten des Design-Districts von Miami (art 12/2007), lebt.

Sie hat ihn vor vier Jahren kennengelernt, als sie sich nach gut zwölf Monaten Leben, Studium und Reisen in China in New York langweilte. "New York ist so satt", erzählt sie bei einem Kaffee und vielen Zigaretten. "Überall sind Designer, De signgalerien, Händler, Sammler. Das Gebiet ist erschlossen.

Ich wollte da hin, wo Neues passiert." Also machte sie sich in die Design-Brache Miami auf. Sie bat Robins um einen Raum, um parallel zur Kunstmesse "Art Basel Miami Beach" eine Ausstellung zu kuratieren. Dabei erzählte sie auch von ihrer Idee für eine Premium-Designmesse. Robins war begeistert, und Med da hatte plötzlich zwei Riesenprojekte zu organisieren.

Sie hält sich bedeckt, was den Ausgang der Ausstellung angeht: "Na ja, es kam nicht dazu. Ich habe vielen Leuten umsonst viel zugemutet und einen Haufen Geld in den Sand gesetzt." Sie macht eine Pause, grinst und setzt nach: "Aber dafür hat die Messe eingeschlagen!" Medda hatte zur richtigen Zeit den richtigen Riecher: Design boomt. Limitierte Editionen werden wie Kunstwerke gehandelt, erzielen auf Auktionen in renommierten Häusern wie Christie's, Sotheby's oder Phillips de Pury mittlerweile Preise im sechsstelligen Bereich. Seit Dezember 2005 findet die "Design Miami" parallel zur Kunstmesse "Art Basel Miami Beach" statt und seit Juni 2006 zur Schwestermesse "Art Basel". Das Konzept ist simpel: Präsentiere die Objekte in aufwändig gestalteten Kojen und mach sie zu begehrten Sammlerstücken. Die Galerien sucht Ambra Medda mit ihrem Team aus. "Ich will Topqualität - auch bei der Präsentation. Es war nicht so einfach, die Galeristen davon zu überzeugen, aber nun lassen viele ihre Kojen sogar von Designern und Architekten entwerfen." Auf die Frage, was ihr 2005 mit An fang 20 die Sicherheit gegeben habe, so ein riesiges Projekt zu starten, antwortet sie: "Ich bin auf Messen und Märkten aufgewachsen und spürte, dass die Designwelt dringend Glamour brauchte. Es war alles so verstaubt! Man traf nur reiche Ehepaare und schwule Kuratoren bei Xylophonmusik und Toast mit Krabbencocktail." Ihre Mutter, die aus Sardinien stammende Designhändlerin Giuliana Medda, hat Ambra schon als Kleinkind in die Welt von Bauhaus-Klassik, Eames-Schick und Panton-Psychedelik eingeführt.

Und wenn es nicht gut lief, sattelte Giuliana Medda einfach um: von Glas auf Möbel auf Lampen zurück auf Möbel und so weiter. "Nebenbei hat sie mich, meine Schwester und meinen Bruder großgezogen. Ihr Motto ist mir in Fleisch und Blut übergegangen:

Mach's richtig oder mach's gar nicht." Ohne die engen Kontakte der Mutter zu Designern, Auktionshäusern, Händlern und ohne die enge Verbindung zu Immobilientycoon, Messemacher und Kunst- und Designsammler Craig Robins wäre Meddas Blitzkarriere undenkbar - aber ohne ihre Entschlossenheit, ihre Durchsetzungskraft und ihr Charisma auch.

Medda besitzt eine natürliche Autorität, die sich auch darin offenbart, wie sie einen dampfenden, aber ihr dennoch zu kalten Milchkaffee wieder zurückgehen lässt: freundlich, sachlich, kompromisslos. Und so verwundert es nicht, wenn sie erzählt, dass sie Verhandlungen liebt: "Die meisten glauben, ich würde den ganzen Tag nur auf dem Fauteuil liegen und Designmagazine lesen, aber tatsächlich wälze ich Zahlenkolonnen, lese Kostenvoranschläge, schachere mit Handwerkern und Transportunternehmen - und es macht mir ungeheuren Spaß." Die Zahl der Galerien auf der "Design Miami" ist stetig von 15 auf 28 angewachsen. "Klar bewerben sich immer mehr Galerien, aber das soll nicht auf Kosten der Qualität gehen", so Medda. Um Maßstäbe zu setzen, wird jeden Dezember in Miami der "Designer of the Year" gekürt und im Juni in Basel der "Designer of the Future". Im letzten Jahr wurde der Japaner Tokujin Yoshioka "Designer des Jahres". Er hatte mit wolken artigen Installationen aus Millionen von Strohhalmen oder Taschentüchern auf sich aufmerksam gemacht. "Designer der Zukunft" wurde 2007 die schwedische Frauengruppe Front, die in ihrer "Magic Collection" Stühle auf einem Bein balancieren und Lampenschirme schweben lässt. "Japan und Schweden sind weit vorn, was gutes Design angeht", findet Medda. "Aber auch England, die Niederlande und die Schweiz.

Es gibt im Moment drei Schulen, die jedes Jahr großartige Leute hervorbringen:

London, Eindhoven, Lausanne." Auf die Frage, was gutes Design ihrer Meinung nach ausmache, antwortet sie: "Außer Zeitlosigkeit und Funktionalität muss ein Objekt auch einen Überraschungseffekt bieten - das kann total unübliches Material sein oder eine völlig unerwartete Form, wie zum Beispiel bei einem Heizkörper in Barockoptik von Joris Laarman." Auf Designmessen können Besucher im Vergleich zu den Kunstmessen noch wahre Schnäppchen machen. "Wahnsinnspreise im zweistelligen Millionenbereich gibt es in der Designwelt zum Glück noch nicht", sagt Medda.

"Aber wahrscheinlich ist auch das nur eine Frage der Zeit, denn die Welten verschwimmen immer mehr. Wer viel Geld für Kunst ausgibt, neigt auch dazu, sich eine ausgesuchte, teure Einrichtung zu leisten. Aber obwohl wir die Stücke wie Kunst präsentieren, sind sie doch zum Schluss Tische, Stühle, Vasen, Lampen - Gebrauchsgegenstände.

Und so sollte man sie auch behandeln."

Termin: "Design Miami Basel" 2. bis 5. Juni, "Design Miami" 5. bis 8. Dezember.

Internet: www.designmiami.com

Liebt Zahlenkolonnen und Kostenvoranschläge:

Ambra Medda leitet die "Design Miami"

Dramatische Präsentation ist Muss: Bei der "Design Miami" 2006 spannte Zaha Hadid ihre Installation "Elastika" im Innenraum des Moore Building (links). Die "Design Miami Basel" findet auf über 6000 Quadratmetern unter der riesigen Kuppel von Basels alter Markthalle statt (rechts)

"Die Designwelt war vor ein paar Jahren noch total verstaubt"