Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 64-67
Wolkenbügel zum Sitzen
Von Boris Hohmeyer
Vom starren Bauhaus-Prototyp bis zum futuristischen Hightech-Modell: Der Freischwinger gehört zu den genialen Designerfindungen der Moderne. Wie Ludwig Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Alvar Aalto Stühle schweben ließen - Geschichte eines Klassikers
Viele Jahrhunderte lang hatten Stühle mit allen vier Beinen fest auf dem Boden gestanden. Entsprechend verblüfft waren 1927 die Besucher der Stuttgarter Weißenhofsiedlung: In den Musterwohnungen der Werkbund-Ausstellung sahen sie zwei Exemplare ohne Hinterbeine.
Sowohl Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969) als auch sein Kollege Mart Stam (1899 bis 1986) führten Konstruktionen aus Metallrohr vor, deren Sitzflächen über U-förmigen Füßen in der Luft hingen. Die moderne Einrichtungskunst, so schien es, hatte über die Schwerkraft gesiegt.
Tatsächlich lag die Erfindung des sogenannten Kragstuhls für die Architekten der Neuen Sachlichkeit in mehrerer Hinsicht nahe. Wer wie sie die moderne Wohnung von den Möbel- und Tapetenmassen des Historismus befreien wollte, musste die Einrichtung gleich mit entwerfen, und je weniger das Mobiliar den Blick durch die klaren, schlichten Zimmer versperrte, desto besser: Marcel Breuer (1902 bis 1981) träumte davon, eines Tages würden die Menschen nur noch "auf einer elastischen Luftsäule" sitzen. Diesem Ideal kam der Kragstuhl so nahe wie möglich, grenzt er doch im Gegensatz zu vierbeinigen Möbeln keinen optisch abgeschlossenen Raum von seiner Umgebung ab und hat in seiner einfachsten Form aus Rohren und Bespannung ein Minimum an Masse.
Außerdem nutzt er den Werkstoff Stahl auf eine Weise, die sich damals auch freitragende Konstruktionen der Architektur zunutze machten.
So hatte Mart Stam bereits eine eigene Variante von El Lissitzkys fantastischen Wolkenbügel-Hochhäusern gezeichnet, als er 1926 für den eigenen Rotterdamer Hausgebrauch den ersten dieser Stühle zusammenmontierte - aus Gasrohren und ihren rechtwinkligen Verbindungsstücken. Das Ergebnis war ein Manifest formaler Strenge und räumlicher Offenheit, aber schwingen konnte es nicht, dafür war das Material zu hart und zu spröde.
Auch jene Stühle, die Stam aus diesem Prototyp für die Weißenhofsiedlung entwickelte, waren starr: Als Verfechter einer rationalen Geometrie beharrte er darauf, die Rohrbiegungen möglichst eng zu halten. In der ausführenden Fabrik wählte man als Material deshalb weiches Eisen. Prompt knickte ein Probeexemplar unter dem Gewicht seines Erfinders zusammen und musste verstärkt werden.
Dass es auch bequemer ging, erkannte am schnellsten Ludwig Mies van der Rohe. Für sein eigenes Modell verbaute er 25 Millimeter starke, kalt gezogene Stahlrohre mit zwei Millimeter dicken Wänden, höchst stabil und federnd zugleich, und bog die Vorderbeine zu Halbkreisen. Drei Tage vor der Weißenhof-Eröffnung meldete er ein Patent an - nicht für die Grundform, als deren Erfinder er Stam anerkannte, sondern für die Art, auf die er selbst die Elastizität des Stahls zu nutzen wusste. Die Lizenzgebühren bildeten in den folgenden Jahren einen stattlichen Teil seines Einkommens.
Dieser erste echte Freischwinger, der bald unter dem Namen "MR10" in Produktion ging, hatte viele Vorzüge:
Er war leicht, ähnlich bequem wie ein Polsterstuhl und sah dabei überaus elegant aus. Doch die vorgewölbten Beine machten ihn sperrig, nahmen etwa unter einem Tisch unpraktisch viel Platz ein. Für das Esszimmer der Villa Tugendhat in Brünn entwarf Mies van der Rohe darum 1929 eine heute als "Brno-Stuhl" bekannte Konstruktion, bei der Lehne und Sitzfläche als L-förmige Einheit in ein platzsparend geformtes Gestell aus Rohren oder Bandstahl eingehängt sind.
Derweil war auch Marcel Breuer als Freischwinger-Entwerfer erfolgreich.
Der Leiter der Bauhaus-Möbelwerkstätte hatte schon Mitte der zwanziger Jahre Hocker und Sessel aus Stahl konstruiert - allerdings aus nur zwei Zentimeter dicken Rohren, zu schwach für freitragende Modelle. Breuers Stuhl "B32" wurde ein Weltbestseller.
Das Korbgeflecht von Sitzfläche und Rückenlehne ist nicht wie etwa beim "MR10" direkt auf die Rohre, sondern in Bugholzrahmen gespannt, die mit dem tragenden Gerüst verschraubt sind und damit weitere Querstreben überflüssig machen. Die natürlich wirkende Verbindung von traditionell handwerklichen Materialien mit Industriemetall machte den "B32" zur Verkörperung einer Moderne, vor der auch konservative Gemüter nicht zu erschrecken brauchten.
Ausgerechnet Breuer aber durfte viele Jahre lang nicht als Entwerfer seiner vom Stuhlspezialisten Thonet her gestellten Modelle genannt werden:
Um den Freischwinger entbrannten langwierige Urheberrechtskämpfe. Zunächst hatte Breuer - zum Ärger der Bauhaus-Kollegen - seine Metallmöbel über die von ihm mitgegründete Berliner Firma Standard Möbel vertrieben.
Als der Betrieb 1929 an Thonet verkauft wurde, sicherte sich der bis herige Geschäftsführer Anton Lorenz in einem Vertrag mit Stam sämtliche künstlerischen Rechte an der Form des Kragstuhls mit senkrechten Vorderbeinen und meldete selbst weitere Patente an. Bis 1932 gewann er eine Reihe von Prozessen gegen Thonet, verkaufte anschließend der Firma seine Lizenzen und trat als Patentschutzexperte in die Dienste des einstigen Gegners. Breuer blieb ausgebootet.
Auch Mies van der Rohe verteidigte sein Recht am Freischwingerprinzip vor Gericht. Dabei tat eine gegnerische Firma den Schlosser Gerhard Stüttgen als Zeugen auf, der schon 1923 bei Biegeversuchen an der Kölner Kunstgewerbeschule zu einem federnden Stahlrohrkragstuhl gekommen sein sollte. Allerdings war dieser mutmaßliche Vorläufer nicht zu belegen.
Sieben Jahre zog sich Mies van der Rohes Patentprozess hin; erst die Ausrufung des "totalen Kriegs" setzte ihm 1944 ein ergebnisloses Ende.
Der wachsende Erfolg der Kragstühle brachte in den dreißiger Jahren unzählige Abwandlungen hervor, darunter Hans und Wassili Luckhardts meisterhaften "ST14" und Gerrit Rietveldsskulptural eindrucksvollen, aber unbequemen "Zig Zag"-Holzstuhl. Die allermeisten der neuen Entwürfe aber suchten entweder durch krampfhafte Originalität die Rechte von Mies van der Rohe und Lorenz zu umgehen, oder sie verbanden die neue Technik widersinnig mit traditionellen Elementen.
So entstanden wunderliche Gebilde, deren federnde Metallbeine wuchtige Polstersessel trugen oder deren Rohre zu kitschigen Schnörkeln gebogen waren; Mart Stam sprach von "Stahlmakkaroni-Ungeheuern".
All dies sollte jenem Teil des Publi kums entgegenkommen, der die Strenge des Neuen Bauens und insbesondere das Material Stahlrohr als seelenlos empfand. So sah das grundsätzlich auch der Finne Alvar Aalto (1898 bis 1976). Zwar konstruierte auch er zunächst einen viel gelobten Freischwinger mit stählernem Untergestell, doch als er von 1929 bis 1933 im finnischen Paimio ein Sanatorium bauen und einrichten sollte, verwarf er Metallmöbel schon bald als "psychologisch zu hart" für die Kranken und überhaupt dem Menschen nicht gemäß. Als Alternative lieferten die weiten Birkenwälder seiner Heimat ein biegsames und elastisches Holz, das sich, in dünnen Schichten verleimt, zu schwingenden Rahmen biegen ließ.
An Komfort sind Aaltos Sessel schwer zu übertreffen (wovon heute vor allem Ikea mit seinen Ableitungen profitiert). Die eingehängten Sitzflächen und Rahmen scheinen zwischen den Armstützen zu schweben, am wirkungsvollsten bei der geradezu hängemattenhaften "Liege 43".
Zwar wurde schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg das Restaurant des neuen Bonner Bundeshauses vollständig mit Breuer-Stühlen ausgestattet, doch insgesamt ging in den fünfziger Jahren die Produktion von Freischwingern zurück. Der Publikumsgeschmack hatte sich gewandelt. An die Stelle der kühlen Klassiker trat etwa der knallbunte "Panton-Stuhl" von 1960, ein stapelbarer Kragstuhl aus einem Kunststoffguss, organisch geformt, aber unbeweglich. Ab den siebziger Jahren gehörte ein vergleichbares Plastemöbel sogar zur Grundausstattung der DDR. Auf der Nostalgiewelle der Sechziger kamen die alten Modelle wieder zu Ehren. Der "B32" war nun nicht mehr allein in der inzwischen leicht vereinfachten Thonet-Version im Handel: Er wurde ab 1962 unter Marcel Breuers eigener Lizenz und unter dem Rufnamen seiner Tochter Francesca vom italienischen Hersteller Gavina als "Cesca" angeboten - mit allen ursprünglichen Feinheiten wie dem leichten Knick in den Kufen, der den Stuhl auf unebenem Grund standfester macht. Knoll International legte beispielsweise Mies van der Rohes "Brno"-Stuhl neu auf. Auch manche Designer kamen auf das Thema zurück, sei es in spannungsvoller Askese wie Poul Kjærholm mit dem Sessel "PK 20", mit weichen Rundungen wie Giotto Stoppino mit dem "Maia"- Stuhl oder mit umgekehrten Kragstühlen ohne Vorderbeine wie Claudio Salocchis "Lia" oder Kwok Hoi Chans "Pussy Cat Chair".
Zuletzt hat Konstantin Grcic (siehe Interview auf Seite 30) ein neues Hightech-Material von BASF zum vermutlich ersten Spritzgusskunststoff- Freischwinger aller Zeiten geformt und sich dabei ausdrücklich auf Marcel Breuer berufen. Seit dessen Zeit hat sich das Image dieses Stuhltyps freilich grundlegend gewandelt. Was vor 80 Jahren als Muster neusachlicher Kühle galt, verkauft sich heute vor allem wegen seiner Bequemlichkeit.
Grafik:
Konstantin Grcics "Myto", 2007
Marcel Breuers "B32", 1929/30
Mart Stams "W1", 1926
Verner Pantons "Panton Chair", 1959/60
Alvar Aaltos "Modell 31", 1931/32,
Tom Dixons "S-Stuhl", 1988
Hans und Wassili Luckhardts "ST14", 1931
Ludwig Mies van der Rohes "Brno-Stuhl", 1929
Stiletto Studios (Frank Schreiner)
"Consumer's Rest", 1983
Gerrit Rietvelds "Zig Zag"-Stuhl, 1932/34
Varianten eines Klassikers: Mies van der Rohes "MR10", 1927 (links), Breuers "B35", 1928/29 (rechts) und Aaltos "Liege 43", 1936 (Mitte)
Mies van der Rohe musste sein Recht am Freischwingerprinzip vor Gericht verteidigen
Stilfrage: Ludwig Mies van der Rohe 1964 auf seinem "MR10"- Stuhl; Ikea- Freischwinger "Poäng" (links)
