Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 42-44
Der Weltverbesserer
Von Petra Schmidt
Mit Geschäftssinn und sozialem Bewusstsein hat Designer Yves Béhar einen Computer für Kinder in Entwicklungsländern entwickelt: Sein "100-Dollar-Laptop" ist schon Kult
Hi, I'm Yves", sagt der Mann mit den blonden Locken betont salopp zur Begrüßung. Yves Béhar, Jahrgang 1967, wirkt auf den ersten Blick wie ein kalifornischer Sunnyboy. Oder ein Schweizer Naturbursche, den es nicht ganz zufällig an die amerikanische Westküste verschlagen hat. Als Kind einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters wurde er in Lausanne geboren und wuchs in der Alpenrepublik auf - Deutsch spricht er ungern. Béhar bevorzugt Englisch, besser gesagt Amerikanisch.
Seit 1992 arbeitet der Schweizer in den USA, zuvor hat er am Art Center College of Design im kalifornischen Pasadena studiert. Doch der Surfer- Look und die Wohnadresse in San Francisco täuschen. Béhar ist alles andere als ein weichgespülter Ökospinner - auch wenn er sich schon seit Jahren für nachhaltiges Design starkmacht und mehr Poesie und Erzählen von Geschichten im Design einfordert.
Im Gegenteil: Der Produktdesigner ist ein echter Geschäftsmann.
Marketingoperationen, Konsumentenwünsche, Kundenzufriedenheit - all diese Worte kommen flott über seine Lippen. Béhar weiß: "Konsumenten wünschen sich Dinge, die Geschichten erzählen, die etwas Besonderes haben und inspirieren." Seine Produkte, wie die Uhr in Form einer Armspange aus der Fahrerkollektion des BMW Mini oder der Kronleuchter "Morpheus" von Swarovski, den seine Nutzer per Fernsteuerung in ständige neue Formen bringen können, zeichnen sich durch stark verspielte und unverwechselbare Ideen aus. Ideen, die sich verkaufen lassen.
Doch Béhar hat auch eine andere Seite. Mit seinem Büro, das sich "fuseproject" nennt, hat er einem der visionärsten gemeinnützigen Projekte der letzten Jahre ein Gesicht verliehen: dem OLPC. Hinter der Abkürzung, die für "One Laptop Per Child" steht, verbirgt sich ein kleiner grün-weißer Laptop, der die Welt verändern könnte.
Er soll, wenn es nach seinem Initiator, dem MIT-Media-Lab-Mitbegründer Nicholas Negroponte, geht, millionenfach kostenlos an Kinder in Entwicklungs- und Schwellenländern verteilt werden, um deren Bildungschancen zu verbessern.
Laptops für arme Kinder? Ein umstrittenes Projekt. Dringender als Technikspielereien benötigen diese frisches Wasser oder Medikamente, erklären viele OLPC-Gegner. Doch da wird der kühle Geschäftsmann Yves Béhar leidenschaftlich. "Es gibt so viele Orte in den sogenannten Entwicklungsländern, da hungern die Kinder nicht, dort wollen und müssen Kinder vor allem eines: lernen." Und für diese Kinder hat Béhar im Zusammenspiel mit verschiedenen Ingenieuren einen Computer entwickelt, der sich in Gestaltung und Technik von allen bekannten Geräten unterscheidet.
Der auch XO genannte stromsparende Laptop verfügt über ein Display, das auch bei starker Sonneneinstrahlung ablesbar ist, ein Gehäuse und eine Gummitastatur, die Monsun und Sandstürmen trotzen. Ein umlaufender Stoßfänger - ebenfalls aus Gummi - sowie ein Innenleben, das ohne bewegliche Teile auskommt, verleihen dem Gerät die nötige Robustheit.
Ein effizientes Netzwerk lässt sich in jedem Klassenzimmer durch ausklappbare Antennen herstellen, die im aktivierten Zustand wie Ohren vom Gehäuse abstehen.
Auch der Strom des OLPC kommt nicht unbedingt aus der Steckdose:
Zur Ladung der Akkus entwickelte Béhar gemeinsam mit Ingenieuren unter anderem einen an ein Jo-Jo erinnernden Seilzuggenerator und ein per Handkurbel betriebenes Ladegerät.
Das Ganze zu einem spektakulären Preis: Das Gerät, das auch über den programmatischen Beinamen "100- Dollar-Laptop" verfügt, kostet derzeit 188 Dollar. Doch mit steigenden Absatzzahlen soll der Preis bis 2009 auf 100 Dollar sinken, wenn es nach Nicholas Negroponte geht.
Mittlerweile begeistert das klug gestaltete Gerät, das die digitale Lücke zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern schließen soll, die Designwelt.
Im März hat Béhar vom angesehenen Londoner Design Museum den "Brit Insurance Design Award 2008" dafür erhalten. Deyan Sudjic, Direktor des Museums, lobt überschwänglich:
"Das ist ein schlagender Beweis dafür, dass auch Design mit einem gnadenlos engen Budget großartige Ergebnisse erzielen kann. Der 'One Laptop Per Child' stellt eine Pionierleistung im Design dar." Gute Absichten und Designpreise.
Alles könnte so schön sein.
Doch die Konkurrenz schläft nicht. Inspiriert von Negropontes Idee, bringen Konkurrenten Billiglaptops auf den Markt, wie etwa Asus den Eee PC. "Das ist doch, als ob man mit dem Roten Kreuz in Wettbewerb treten wollte", amüsiert sich Béhar. "Wir sind ein Non-Profit-Unternehmen, während sich andere Firmen nur die Vorherrschaft in neuen Märkten sichern wollen." Kaum Konkurrenz ist bei seinem neuesten Projekt zu erwarten. Ein eleganter runder Automat, dessen einziges Ziel die kostenlose Verteilung von Kondomen in New York darstellt.
Die silberfarbenen beziehungsweise schwarzen Apparate sind seit dem Valentinstag an zahlreichen Orten im Stadtgebiet installiert. "Get some", lautet der doppeldeutige und aufmunternde Slogan, der mit der Aktion verknüpft ist. "Das NYC Condom hat uns gezeigt, was eine sexy Marke für Safer Sex tun kann", sagt Monica Sweeney vom New Yorker Gesundheitsamt. Yves Béhar ist eben doch ein Weltverbesserer.
Einer mit Sinn für Marketing.
Internet: www.fuseproject.com Literatur: Yves Béhar. fuseproject. Concept/Commerce.
Birkhäuser Verlag. 2004. Englisch, 28 Euro
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