Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 46

"Ohne Fürst gibt es keine Kunst"

Von Thomas Wagner

Autodesign gilt als die Krone der Gestaltung - und der Italiener Walter de Silva gilt als höchste Instanz im Autodesign. Ein Besuch beim Chefgestalter von Volkswagen

Wolfsburg, VW-Gelände. Nur wer mehrere Sicherheitsschranken passiert, gelangt zu dem Backsteinbau, an dessen Eingang schlicht und silbern "Volkswagen Design" steht. Hier residiert Walter de Silva in einem lichten Büro, das sich durch eine Glaswand zum Flur öffnet. Der 57-jährige Italiener ist als oberster Designchef für alle Marken des Konzerns verantwortlich: VW, Audi, Seat, Skoda, Lamborghini, Bentley und Bugatti. art-Redakteurin Barbara Hein und art- Autor sprachen mit ihm über Form, Funktion und Vollkommenheit. art: Herr de Silva, Ihnen eilt in der Welt des Autodesigns der Ruf voraus, der Beste zu sein, wenn es um Schönheit und Eleganz geht. Haben Sie ein besonderes Erfolgsrezept?

De Silva: Vielen Dank für das Kompliment, das Sie in dieser Frage verpackt haben. Ein bestimmtes Erfolgsrezept habe ich nicht. Es mag sein, dass es etwas mit meiner familiären Erziehung und Bildung zu tun hat - mein Vater war Architekt. Außerdem komme ich aus einem Land, in dem man Schönheit und Eleganz jeden Tag sehen kann, wenn man auf die Straße tritt. Ich glaube, so hat sich meine ganz bestimmte Art und Weise entwickelt, Dinge, Gegenstände, Architektur zu sehen. Ich bin immer auf der Suche nach einem formalen Gleichgewicht. Meine Großeltern haben mir schon als kleinem Jungen beigebracht, wie man Schönheit entdecken kann. Das fängt schon damit an, wie man Menschen begrüßt, wie man sich bei Tisch benimmt - auch das sind Facetten dieses Gleichgewichts, nach dem ich ständig strebe.

Hat sich Ihre besondere Erziehung des Auges auch auf die Wahrnehmung der großen italienischen Künstler ausgewirkt?

Es ist für mich völlig klar, dass alles aus einer kulturellen Welt heraus entsteht. Auch ich habe meine Bezugspunkte in der Kunstgeschichte, aber zuerst müssen Augen doch lernen zu sehen - und das verdanke ich meiner Familie. Mich begeistert die gesamte italienische Kunst seit der Renaissance, denn nur so versteht man die Beziehung zwischen Kunst und demjenigen, der sie in Auftrag gibt: il principe, dem Fürsten. Ohne Fürst gibt es keine Kunst. Besonders fasziniert mich Caravaggio - seine Malerei, sein Leben, seine Kraft. Auch die Pietà von Michelangelo überwältigt mich jedes Mal wieder aufs Neue, wenn ich sie sehe. Kunst berührt mich sehr stark. Es gibt Werke, die sind einfach unerreichbar in ihrer Schönheit und Vollkommenheit. Genau sie interessieren mich, machen mich neugierig, haben mich erzogen.

Kunst ist auch Kommunikation.

Bei jedem Kunsterlebnis ist etwas haften geblieben, eine Botschaft. Und auch wenn ich täglich zeichne, so bin ich doch kein Künstler - da bleibe ich vollkommen auf dem Boden.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie ständig zeichnen. Joseph Beuys hat immer wieder betont, wenn er zeichne, dann denke er. Würden Sie das auch von sich sagen?

Das ist eine sehr schöne Formulierung, mit der ich mich vollkommen identifizieren kann. Design - oder vielleicht besser: Zeichnung, also das, was man im Italienischen disegno nennt - ist meine Sprache. Die Geschwindigkeit, in der ich beim Zeichnen kommunizieren kann, schaffe ich weder mit Worten noch mit einem Computer. Zeichnen ist eine universelle Sprache, in der ich mit der gesamten Welt kommunizieren kann.

Ich habe mein ganzes Leben lang gezeichnet.

Meine Skizzen sind für mich weit mehr als nur Designentwürfe.

Sie sind wie ein Notizblock meiner Befindlichkeit, meiner Stimmungen.

So trete ich mit meinem Team in Kontakt, und manchmal entsteht daraus ein Entwurf, den wir weiterentwickeln. Ich zeichne jeden Tag mehrere Stunden lang. (Er zeigt auf sein großes gebundenes Skizzenbuch auf dem Schreibtisch und blättert durch die Seiten. Überall virtuos dahin geworfene, schwung volle Skizzen von rasanten Autos in schwarzem und blauem Kugelschreiber. Auch sein Terminkalender ist an den Rändern voller Entwürfe. Im Block liegen drei Montblanc- Meisterstücke, auf der gläsernen Tischplatte daneben das dazugehörige Lederetui.) Ich zeichne nebenbei, wenn ich nachdenke, wenn ich Stress habe, wenn ich besorgt bin. Das holt mich sofort runter, gibt mir Gelassenheit.

Wenn ich mich in einer schwierigen mentalen Situation befinde, brauche ich eigentlich nur einen Bleistift und einen Block. Das ist dann eine Befreiung für meine Seele.

Zeichnen macht mich glücklich. Das war schon als Kind so.

Hat dieser Glückszustand etwas damit zu tun, dass Sie als Designer eine Verbindung zwischen ihren Gedanken, ihrer Fantasie und einem Produkt herstellen können?

Ja, das hat sehr viel zu tun mit Emotion - und mit Glück. Ich kann, wenn ich meine Zeichnungen betrachte, sofort sehen, in welcher Stimmung ich war, als ich sie gemacht habe. Aber das kann nur ich allein sehen. Übertragen sich die Emotionen, die Sie beim Zeichnen, beim Entwerfen empfinden automatisch auf das Endprodukt? Oder anders gefragt:

Wie emotional ist Autodesign?

Leider ist das Wort "Emotion" im Zusammenhang mit Autos heutzutage zu einem Marketingslogan verkommen.

Natürlich ist, für mich selbst ebenso wie für mein Team, die Entwicklung eines Automobils eine sehr emotionale Angelegenheit. Das ist immer mit Höhen, Tiefen, mit Auseinandersetzungen und Diskussionen verbunden, in die man viel Gefühl, viel Herzblut steckt. Manchmal stehe ich mit einem Vorschlag mehr oder weniger allein da und muss dann sehr emotional werden, um zu überzeugen. Das war beispielsweise so, als ich bei Audi den so genannten "Single-Frame-Grill" propagiert habe.

Aber grundsätzlich liegt mir das Wort "Emotion" im Zusammenhang mit Autodesign nicht. In der Werbung wird sehr schnell mit "Gefühl" operiert, weil es verführerisch ist, Leben suggeriert, Leute zum Kaufen animiert. Man kann Emotionen aber nicht kaufen, sondern nur leben.

In letzter Zeit wurde viel über das Konzept "supernormaler" Produkte diskutiert, wie es die Designer Jasper Morrison und Naoto Fukasawa vertreten. War der VW Käfer nicht der Prototyp eines "supernormalen" Produkts? Wollen Sie mit dem neuen "up!" - samt Heckmotor - bewusst an den Käfer anknüpfen?

Zunächst einmal hat Volkswagen, noch bevor andere Hersteller sich mit Modellen im Retrodesign versucht haben, mit dem "New Beetle" ja einen Wagen herausgebracht, der ganz explizit an den Käfer erinnert.

Mit dem "up!" wollen wir einen großen Schritt weiter gehen. Natürlich, in der Idee eines sympathischen Kleinwagens steckt auch etwas vom Käfer, und auch der "up!" besitzt eine sehr freundliche Ausstrahlung.

Wenn Sie sein "Gesicht" betrachten, dann erkennen Sie darin sogar Elemente, die man aus dem Comic oder aus den wunderbaren Zeichentrickfilmen von Walt Disney kennt. Ob es gelingt, weiß ich nicht, aber für mich ist der "up!" - und es handelt sich dabei ja nicht nur um ein einzelnes Fahrzeug, sondern um eine ganze Produktfamilie - ein Versuch, zu einer soliden Verbindung aus Funktion und Ästhetik zurückzufinden.

Bisher waren individuelle Beweglichkeit, aber auch enorme Kraft und Variabilität die Werte, denen ein Automobil zu entsprechen hatte. Worin bestehen aus Ihrer Sicht die automobilen Werte der Zukunft?

Wie ich bereits gesagt habe: Es wird darauf ankommen, Funktionalität und Ästhetik einander wieder anzunähern, eine stimmige Synthese aus beidem zu finden. Es geht immer um Harmonie, um ein gelungenes Gleichgewicht. In den letzten Jahren wurde das oftmals vergessen und so getan, als müsse das Design der Technik einfach ein schönes Kleid überstreifen, als würde eher banalen Formen so etwas wie Emotionalität angedichtet. Dann wären wir freilich wieder beim Styling gelandet, und das kann nicht die Aufgabe von Design sein. Damit kommen wir nicht weiter. Design hat seinen Ursprung darin, bestimmte Funktionen stimmig und ehrlich auszudrücken, davon bin ich überzeugt. Darin liegt auch die Essenz eines Projekts wie dem des "up!", das sicher einen Einfluss auf die kommende Designsprache des gesamten Konzerns haben wird. Schauen Sie sich die Tizio- Leuchte von Richard Sapper hier auf meinem Schreibtisch an, dann verstehen Sie, was ich meine. Technik und Form verschmelzen hier zu einer Einheit. Auch beim Autodesign müssen wir den Mut haben, zu einer überzeugenden Verbindung aus Form und Inhalt, Gestalt und Funktion zu finden. Das ist es, was uns andauernd beschäftigt.

Ist es in den letzten Jahren schwieriger geworden, all die Erwartungen und Anforderungen, die an das Design gestellt werden, zu erfüllen?

Muss der Designer gar so etwas wie ein Prophet sein, um ein Auto zu gestalten, das in fünf oder zehn Jahren auf dem Markt bestehen kann?

Nein, ich sehe mich weder als Prophet noch als Künstler. Ja, es wäre schön, wenn man die Fähigkeit hätte, in die Zukunft zu schauen und das, was man dort sieht, in seine Überlegungen einbeziehen zu können.

Wir als Designer sind da viel bescheidener.

Wir können Vorschläge machen, über die der Fürst dann entscheiden kann, auch wenn der Auftraggeber heute anders heißt.

Aber es ist richtig: Die Erwartungen sind hoch, und es ist nicht einfacher geworden, ihnen zu entsprechen.

Was sind Ihre Favoriten innerhalb der Geschichte des Autodesigns?

Es wird Sie vielleicht überraschen, aber auch ich bin begeistert von den ganz großen Klassikern - und zwar, weil sie Form, Funktion und den Geist ihrer Entstehungszeit perfekt verbinden. Als der DS 19 von Citroën herauskam, war sofort klar, dass hier etwas ganz Besonderes entstanden war. Ähnliches gilt auch für den alten Mini, für den Fiat Cinquecento, den Alfa Romeo Spider und den Porsche 911. Das sind Ikonen!

Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit ein Auto zur Ikone wird - und welche Rolle spielt das Design dabei?

Einen Klassiker - oder gar eine Ikone - kann man nicht planen. Das ist ganz und gar unmöglich. Sicher gehört ein überraschendes, neues Design dazu, aber tatsächlich sind es die Menschen, die ein Auto zur Ikone machen. Dafür muss es einem Modell gelingen, den Geist einer Zeit, einer Generation, perfekt zu verkörpern.

Nehmen Sie das Swinging London der sechziger Jahre, Carnaby Street, Piccadilly Circus und die Erfolge bei der Rallye Monte Carlo.

Der Mini Cooper ist eine Ikone, weil er untrennbar mit all dem, mit diesem Mythos verbunden ist. Das hat sicher auch mit seinem Design zu tun, geht aber weit darüber hinaus.

Genauso können Filme Autos zu Ikonen machen. Ich denke da sofort an "Die Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman im Alfa Romeo Spider.

Oder an Steve McQueens Shelby Mustang in "Bullitt". Nur indem ein Auto für etwas steht, indem es eine Geschichte, Träume, Wünsche repräsentiert, kann es zeitlos werden.

Wenn es einem Designer gelingt, ein solches Modell zu entwickeln, hat er sehr großes Glück.

Wie wichtig ist ein prägnantes "Gesicht" für die Markenidentität?

Natürlich ist es wichtig, dass man ein bestimmtes Modell auf den ersten Blick mit einer Marke in Verbindung bringt. Das allein reicht aber bei weitem nicht aus. Nehmen sie beispielsweise Chris Bangle, den Chefdesigner von BMW. Dessen erste Entwürfe waren extrem umstritten.

Ich trete für eine ganz andere Art des Designs ein als er, aber ich verstehe seinen Weg und respektiere als Kollege seine Leistung. Wir sind unterschiedlicher Meinung, was das Design angeht, aber trotzdem Freunde.

Wie wichtig ist es in Zeiten hoher Benzinpreise und ökologischer Debatten, Autos mit einem neuen sozialen Prestige auszustatten?

Das wird ohne Zweifel eine der wichtigsten Aufgaben des Designs in den kommenden Jahren sein. Dabei spielt die Technik, spielen neue Antriebe, Materialien und ähnliches eine Rolle.

Aber selbstverständlich beschäftigt diese Frage uns Designer in besonderem Maße. Nachhaltigkeit, ökologische Verantwortung, darauf muss das Design überzeugende Antworten finden. Auch das hat etwas zu tun mit Harmonie. Denken Sie etwa an einen so großen Künstler wie Leonardo da Vinci, an das "Genie" Leonardo. Wir können uns nicht im Geringsten mit ihm vergleichen, aber auch er hat als Künstler und als Ingenieur gearbeitet, fantastische Maschinen entworfen und wunderbare Kunstwerke geschaffen. Und auch er hat für einen Fürsten gearbeitet.

Aber das Wichtigste, was wir von ihm lernen können, ist die geistige Freiheit, die aus allem spricht, was er hervorgebracht hat.

Wenn Sie ganz frei wären, Fürst und Künstler, Auftraggeber und Designer zugleich, was würden Sie entwerfen?

Eine so umfassende Freiheit wäre zuviel des Guten. Man muss unterscheiden, welche Freiheit man beansprucht.

Ich möchte keinesfalls beides sein, Designer und Auftraggeber.

Es kommt doch gerade darauf an, dass jeder seine Aufgabe ernst nimmt, dass es einen Zeichner und einen Fürsten gibt. Es ist notwendig, ja wunderbar, dass es eines langwierigen Prozesses bedarf, bis aus einer Zeichnung ein neues Modell wird, dass man sich immer wieder über unterschiedliche Vorstellungen streitet, miteinander redet, sich zu überzeugen sucht. Das ist doch gerade das Demokratische am Design, dass nicht einer allein bestimmen kann.

Kein Tag vergeht ohne Zeichnen: Selbst die Ränder des Kalenders zeugen davon

Der Meister denkt mit der Hand: Walter de Silva in seinem Wolfsburger Büro (Porträt:

Edgar Rodtmann)

Handgezeichnete Studie zum neuen VW-Serienmodell "up!"

Computeranimierte Studie des "up!": VW wollte einen "sympathischen Kleinwagen mit freundlicher Ausstrahlung"

Viel Platz, weil der Motor hinten ist: das "up!"-Cockpit

Die Sitze lassen sich problemlos zu einer Fläche klappen

"Ich muss immer wieder überzeugende Verbindungen aus Form und Inhalt, Gestalt und Funktion finden - das ist eine Herausforderung"

Schlicht und schön: Lenkrad, Armaturenbrett und Touchscreen

De Silva (Mitte rechts) mit Kollegen vor dem "up!"-Modell

Er kann lächeln: Das Gesicht des "up!" ist Disney-Figuren nachempfunden

"Es sind die Menschen, die Autos zu Ikonen machen. Das kann man nicht planen. Wenn es einem Designer gelingt, hat er Glück gehabt"

Präsentation des "up!" durch VW-Vorstand Martin Winterkorn