Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 56-63

Ingenieure des Flüchtigen

Von Ralf Schlter

Ihre Welt ist romantisch und funktional zugleich: In einem Pariser Hinterhof entwerfen die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec die Innenausstattung des digitalen Zeitalters. Der Wohnraum wird zum Medium der Verwandlung ART - SERIE Prototypen - Junges Design Folge 1: Gebrüder Bouroullec Folge 2: Frédéric Dedelley Folge 3: Oskar Zieta Folge 4: Thomas Heatherwick Folge 5: Carol Christian Poell Folge 6: Tokujin Yoshioka Folge 7: Maarten Baas

Ehrlich gesagt: Das, was Erwan Bouroullec jetzt gerade erzählt, ist nicht wirklich originell. "Die Funktion kommt zuerst", "Luxus heißt für mich, viel leeren Raum zu haben" - was Designer eben so sagen. Erwan rührt in seinem schwarzen Espresso, sein älterer Bruder Ronan ist nebenan in einen Rechner vertieft. Jetzt fehlt eigentlich nur noch der obligatorische Hinweis auf das Material, und wie wichtig es für den Entwurfsprozess sei.

Erwan schaut aus dem Fenster, seine Augen verfolgen jemanden, der im Hinterhof dieses ehemaligen Pariser Fabrikkomplexes vorbeiläuft. "Im Grun de folgen wir beim Entwerfen nur dem Material, es führt uns auf den Weg." Vielen Dank!

Man könnte gleich am Anfang resignieren, fände dieses Interview nicht an einem Ort statt, den viele als Zukunftslabor des Interiour-Designs ansehen.

Seit vor rund zehn Jahren der Mailänder Fabrikant Giulio Cappellini das bretonische Brüderpaar entdeckte, mehrt sich dessen Ruhm von Möbelmesse zu Möbelmesse. "Warst du schon bei den Bouroullecs?", raunen sich Besucher dann ehrfürchtig zu - ganz so, als hätten sie gerade das Orakel von Mailand befragt. Von Cappellini bis Vitra, von Habitat bis Authentics haben die führenden Designfirmen in Europa mindestens ein Objekt der Gebrüder im Programm.

Niemand will den Anschluss verpassen, wenn es darum geht, wie wir morgen sitzen, liegen, schlafen, baden.

Die Bouroullecs. Zwei schmale Männer, der ältere ein bisschen kleiner und ein bisschen grauer. Sie könnten ein Komikerduo sein mit ihren großen fragenden Augen, Mister Bean, verdoppelt auf zwei Personen. Es ist auch schön, sie sich als Mitglieder einer Britpopgruppe vorzustellen, vielleicht Bassist und Sänger: Beide tragen Dreitagebärte und wecken mit ihrer hübschen Verschlurftheit bei Frauen garantiert Muttergefühle. Erwan ist 31, Ronan 36 - zwei Jungs, die Gott im bretonischen Örtchen Quimper ausgewählt hat mit den Worten: Ihr sollt das Möbeldesign ins 21. Jahrhundert führen.

Sie selbst würden niemals so reden, nicht einmal ironisch. Erwan, Sprecher der beiden, strotzt geradezu vor Bescheidenheit, erzählt von "guter Resonanz" (sprich weltweitem Erfolg) oder "unseren Bemühungen" (sprich Designklassikern von morgen). Natürlich wirkt diese leise Art sympathisch und unterstreicht die Tatsache, dass zum cäsarisch-großspurigen Superstar des französischen Designs, Philippe Starck, weder ästhetische noch mentale Verbindungen bestehen. Wer dem Zauber der Bouroullec-Welt auf die Spur kommen will, entdeckt bei genauem Hinhören im Gespräch kurz aufleuchtende Stichworte; etwa wenn Erwan davon spricht, bei ihrer Arbeit sei ein starker Sinn für Romantik im Spiel, oder wenn er zugibt: "Der Prozess des Entwerfens ist schwer zu beschreiben, weil vieles unbewusst abläuft." Die Entwürfe der Bouroullecs wirken, wie ihre Urheber, zunächst unscheinbar.

Allenfalls fällt ihre zurückhaltende Fremdartigkeit auf, die erst beim zweiten Blick verschwindet. "Lit clos" aus dem Jahr 2000 etwa sieht aus wie ein überdimensionierter Vogelkäfig, ist aber eine Mischung aus Hochbett und Schlafzimmer, filigran wie ein japanisches Teezimmer, mit Schiebetür und kleiner Leiter. Das Schlafen wird buchstäblich erhoben. Das "Audiolab" von 2002 wirkt zunächst wie eine Versammlung monumentaler Heizpilze, die aber merkwürdigerweise im Innenraum stehen - in diese sind Lautsprecher eingebaut, aus denen Musik dringt. Eines der schönsten Objekte ist jene "Vase" aus dem Jahr 2001, die aussieht wie ein Aquarium; das Wasser wird mit einem Schlauch auf den Beckenboden geleitet, und die Blume scheint eine Art Bildschirm für sich allein zu haben.

Bei den Bouroullecs sehen die Dinge nicht immer nach dem aus, was sie sind; und sie sind selten das, wonach sie aussehen. Die Brüder umgehen die Falle des Retrodesigns, das nur auf Bestätigung des Bekannten aus ist. Sie fassen Innovation aber auch nicht als Erfindung nie da gewesener Formen auf. Es scheint als ob die Dinge, die wir kennen, sich nur ein bisschen verwandelt hätten. Das Aquarium spielt Vase, und plötzlich entsteht eine neue schillernde Aura.

So gerät die Dingwelt ins Fließen; etwas Quecksilbriges zeichnet die Entwürfe aus; als handelte es sich gar nicht um feste Objekte, sondern um vorübergehende Zustände. Design als Theater der Metamorphosen. Dabei ist die Machart sehr technisch und industriell; die Bouroullecs lieben Module, Schläuche, Kunststoffe und vorgefertigte Komponenten. Das Schaumgeborene geht in diesen Objekten eine einzigartige Fusion mit dem Konstruierten ein. Die sehr tragfähige Basis dieser Arbeiten ist die Dualität der Bruderbeziehung. "Unsere Zusammenarbeit besteht in der Regel darin, dass wir uns nicht einig sind", ruft Ronan vom Nebentisch herüber, was Erwan ausnahmsweise bestätigt. "Wir beide haben einen romantischen Geist in uns, und wir können uns sehr hartnäckig in technische Details verbeißen", fügt Erwan hinzu. "Mal geht der eine von uns mehr in die romantische Richtung und lässt sich treiben, mal der andere. Und man hat zum Glück immer einen Gegenpart, der einen dann wieder auf den Boden zurückholt. " Zwar haben die Brüder beide an französischen Designschulen studiert, aber die Zusammenarbeit entwickelte sich langsam, durch den Austausch von Ideen. "Andere Leute lernen sich an der Schule kennen, und sie müssen erst eine gemeinsame Vorstellung entwickeln, einen Konsens, der ihrer Arbeit zugrunde liegt", sagt Erwan. "Bei uns hat es nie Gespräche über eine solche Idee gegeben - sie war schon immer da, einfach dadurch, dass wir Brüder sind." Die Werkstatt der Bouroullecs hat folglich eine beinahe private Atmosphäre, insgesamt sieben Leute arbeiten hier, "und wir wollen auch nicht mehr werden, auch wenn wir jetzt mehr Aufträge bekommen", so Erwan.

Als Teil der Pariser Designszene fühlen sie sich nicht, "ich weiß gar nicht, was hier sonst so passiert". Phillippe Starck?

Matali Crasset? Erwan winkt ab. "Wir sehen uns eher in einem internationalen Zusammenhang, verehren Leute wie Jasper Morrison, Konstantin Grcic und Naoto Fukasawa." Mit diesen dreien verbindet sie viel: der Hang zum Minimalismus, die Liebe zur Ästhetik der industriellen Produktion, das Interesse an Wohnräumen. Letzteres könne sich durchaus ändern, sagt Erwan, "ich fände es auch toll, ein Auto oder ein Flugzeug zu gestalten". Einen Ausflug in die Arbeitswelt haben die Bouroullecs immerhin schon hinter sich:

Im Jahr 2002 übertrugen sie für Vitra die technoide Eleganz ihrer Wohnwelten auf das Reich der Schreibtische.

Mit dem System "Joyn" hat das Büro plötzlich den Charme eines After- Work-Clubs; Obstkörbe und Tischdecken gesellten sich zu Mousepads und Rechnern, und Arbeiten wird zum großen Get-together für Leute, die beim Arbeiten Latte Macchiato trinken. Das Flair der schon vergessenen New Economy umweht diese Kollektion.

Das Design der Bouroullecs erhebt keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit.

Seine Sprache hat viel mit dem Wasser zu tun, das in vielen Objekten eine große Rolle spielt: Es läuft durch Schläuche, fließt in Vasen und tritt in Form von Wolken auf. Auch jene stilisierten Algen, die bei den Bouroullecs zum Deko-Element geworden sind, verweisen auf das Meer. In einer digitalen Medienwelt, die aus Pixeln zusammengesetzt zu sein scheint, hat sich auch das Design verflüssigt.

Ausstellungen: Villa Noailles, Hyères, 4. Juli bis 21. September. Sammelausstellung: "Interieur/ Exterieur. Wohnen in der Kunst". Kunstmuseum Wolfsburg. 29. November bis 13. April 2009.

Literatur: Ronan and Erwan Bouroullec. Phaidon Verlag 2003. Internet: www.bouroullec.com

Mehr Objekte der Bouroullecs finden Sie unter: www.art-magazin.de/bouroullec

Folge 2 Ein Meister der sinnlichen Moderne - der Schweizer Designer Frédéric Dedelley im Porträt

Bausteine für vielschichtige Innenräume:

"Wolkenmodule" (2002)

Ein Schlafzimmer im Zimmer: "Lit clos" aus dem Jahr 2000

Die Bouroullec-Variante des flexiblen Büros: das System "Joyn" von 2002. Auch Tischdecken und Obstteller gehören nun auf den Schreibtisch

Die beiden könnten auch ein Komikerduo sein, mit ihren großen fragenden Augen. Oder Mitglieder einer Britpopgruppe

In der Pariser Designgalerie Kreo zeigten die Brüder im Jahr 2002 die Instal lation "Audiolab"; der Besucher sitzt im Sessel "Outdoor" (2001); aus den Klangpilzen dringt Musik

Die Blumenvase, neu interpretiert als Aquarium: "Vase" von 2001

Bei den Bouroullecs gerät die Dingwelt ins Fließen - als ginge es nicht um Objekte, sondern um Zustände

Das "Alkoven Sofa" (2006) wirkt mit seinen hohen Lehnen fast schon wie ein Gehäuse, im Vordergrund die "Algen" von 2004

Links unten: Wand aus farbigen Stoffplatten, gezeigt 2007 in der Pariser Galerie Saints-Pères

Brüder, auch im Geiste: Erwan (links) und Ronan Bouroullec

Als Teil der Pariser Designszene fühlen sich die beiden nicht. Philippe Starck? Matali Crasset?

Erwan winkt ab

RALF SCHLÜTER