Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 72-74

Die Straße wird zum Atelier

Von Hans Pietsch

Die Tate Modern widmet sich der Porträtfotografie im Freien und im Studio LONDON: STREET & STUDIO

Zwei ganz unterschiedliche Traditionen bestimmten lange die Porträtfotografie, bezogen auf den Ort, wo das Foto aufgenommen wurde: im Frei en oder im Atelier. Zwei berühmte, um 1917 entstandene Fotos stehen für die se beiden Stränge, stellen jedoch gleichzeitig einen Bruch mit der jeweiligen Konvention dar. Das eine ist Paul Strands Schnappschuss eines Mannes mit Homburger-Hut, der sich zum Fotografen umdreht und in die Kamera blickt.

Das andere ist Alvin Langdon Coburns Porträtstudie des Dichters Ezra Pound.

Strands Darstellung besitzt eine erstaunliche Nähe und Intimität, Coburns Studie dagegen beeindruckt weniger durch ihre Wahrhaftigkeit, Pound ist als Silhouette kaum erkennbar, sondern eher durch ihre den Dichter und sein Werk beschreibende formale Modernität.

Anhand von mehr als 350 Fotos, von frühen Schwarzweißaufnahmen über elegante Modefotografie bis zu mit Teleobjektiven aufgenommenen Fotos von Stars, will die Schau "Street & Studio" die Entwicklung dieser beiden Formen darstellen, ihr Nebeneinander, aber auch gegenseitige Beeinflussungen. Kuratorin Ute Es kildsen vom Essener Museum Folkwang hat die Werke in den 14 Abteilungen weitgehend chronologisch gehängt, möchte aber auch "Verbindungen herstellen zwischen dem, was durch Zeit und Raum getrennt ist, und so Kontinuitäten und Brüche in der Fotografie des 20. Jahrhunderts reflektieren". Fotografen aus der ganzen Welt sind vertreten, unter ihnen die bekanntesten Namen der letzten 100 Jahre, von Diane Arbus, Brassaï und Cecil Beaton bis Annie Leibovitz, Jürgen Teller und Wolfgang Tillmans.

Das Atelier war der Ort, an dem der Fotograf mithilfe von Requisiten und technischen Tricks inszenierte Porträts herstellen konnte. Bis zur Einführung kleinerer, unauffälligerer Fotoapparate waren auch auf der Straße gemachte Fotos mehr oder weniger Inszenierungen.

Das änderte sich radikal mit der Kleinbildkamera, vor allem der Leica, die ermöglichte, Menschen ohne deren Wissen zu fotografieren. Inzwischen, so zeigt die Ausstellung, sind beide Traditionen unterlaufen worden - die Straße wurde zum Atelier und umgekehrt.

Termin: bis 31. August. Katalog: Tate Publishing, 24,99 Pfund. Internet: www.tate.org.uk

Pieter Hugo:

"Abdullahi Mohammed mit Mainasara, Lagos, Nigeria, 2007", C-Print (100 x 100 cm)

Atelierfoto ohne Titel von Erwin Blumenfeld, 1946

Joel Sternfeld: "Anwalt mit Wäsche, Ecke Bank und West 41. Straße NYC", 1988