Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 71
Kann Design die Welt verändern?
Von Thomas Wagner
Designerbrillen, Designermesser, Designerklos: Der Missbrauch des Begriffs kennt keine Grenzen. erklärt, was gute Gestaltung heute wirklich bewirken kann WAGNERS KOLUMNE
Wenn man sich überlegt, was dem Design so alles in die Schuhe geschoben wird - wäre es da nicht besser, wir nähmen das Wort einfach nicht mehr in den Mund? Und dann so eine Frage: Nun ja, feixt der Spötter, das sieht man doch: lauter überflüssiger, dafür aber besonders teurer Kram, diese Designermöbel, Designerlampen, Designerwasserkocher ... überhaupt das ganze schnieke Brimborium!
Fragt man Designer, nicht irgendwelche, sondern die Crème de la Crème der Zunft, dann beginnen die meisten sogleich mit den Augen zu rollen: Die Welt verändern? - ja, das würden wir gern, wenn wir könnten, wie wir wollten, und nicht Auftraggebern dienen müssten, ja, aber ... Aber was? - Verändert es die Welt etwa nicht, wenn Jörg Zintzmeyer Schweizer Banknoten gestaltet? Ich weiß nicht, wie viele Geldscheine in der Schweiz zirkulieren, aber jeder, der die gelben, grünen, roten, blauen oder braunen Frankennoten mit den Konterfeis von Le Corbusier, Sophie Taeuber-Arp, Arthur Honegger, Alberto Giacometti, Charles Ferdinand Ramuz - oder gar einen 1000-Franken- Schein mit dem Bildnis des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt - aus seiner Geldbörse nimmt und dabei nicht überlegen muss, nach welchem Schein er greifen soll, um sein Birchermüsli zu bezahlen, der macht die Erfahrung, was Design vermag.
Oder nehmen wir Kenji Ekuan, einen charmanten Japaner von fast 80 Jahren. Im Jahr 1961 hat er für die Firma Kikkoman einen Sojasoßenspender entworfen, der bis heute produziert wird. Eine simple kleine Flasche in Birnenform, die oben eine rote Kappe mit zwei winzigen Ausgießern trägt. Kippt man die Flasche, so fließt aus einem würzige Soße heraus und durch den anderen Luft hinein. Kein klebriger Schraubverschluss, kein Tropfen.
Und das millionenfach, jeden Tag, überall auf der Welt.
Und was ist mit Charles Eames? Hat es die Welt etwa unberührt gelassen, dass er wunderbar bequeme Stühle aus Kunststoff entwickelt hat? Seine Überzeugung, jede Aufgabe im Design sei mit der Haltung eines freundlichen Gastgebers anzugehen, der die Wünsche sei ner Gäste ahnt, bevor diese selbst sie verspüren, trifft die Sache auch heute noch. Überhaupt: Was wären all die großen Marken ohne ein Design, das man mit ihnen identifiziert?
Eine gut gestaltete Öffentlichkeit bietet stets die Möglichkeit, den Einfluss von Design auf die eigene Befindlichkeit zu erleben. Wer trotzdem noch glaubt, es sei die Aufgabe eines Designers, überflüssigen Dingen eine hübsche Hülle zu verpassen, der hat etwas Entscheidendes nicht mitgekriegt: Design konfiguriert heutzutage Mentalitäten und hat sich längst zu einer integrativen Disziplin gewandelt, deren Kompetenz darin besteht, kooperativ zu wirken.
Designer agieren gerade nicht isoliert. Sie entfalten ihre Kreativität im Team, überzeugen Kunden, entwerfen und koordinieren Zusammenhänge und beeinflussen permanent unsere alltäglichen Handlungen. Wer vor einem unübersichtlichen Fahrkartenautomaten steht und am Ende ohne Ticket reist, sich womöglich des Schwarzfahrens bezichtigen lassen muss, der plädiert im Stillen für besseres Design. Weshalb der japanische Designer Naoto Fukasawa Recht hat, wenn er feststellt: Nicht das Neue zählt, sondern das Bessere.
Außerdem kauft man heute nicht nur Dinge, sondern Kommunikation, Zuwendung, Anerkennung, Selbstbewusstsein und Freude. Eben keine nette Hülle, in der irgend ein Schrott steckt, sondern immer häufiger ein Produkt, das nach ökologischen Gesichtspunkten hergestellt wird und gut zu gebrauchen ist. Was ist falsch, wenn ein Designer (siehe Seite 42) einen 100-Dollar-Laptop für die Kinder der Dritten Welt entwirft, der nicht wie eine abgegriffene Zigarrenkiste aussieht? Dem Vernünftigen ein entsprechendes Prestige zu verleihen und möglichst viele Käufer dafür zu interessieren - das ist heute die Aufgabe verantwortungsbewusster Designer im Wohlfühlraum des globalen Kapitalismus. "Hässlichkeit verkauft sich schlecht", schrieb schon Raymond Loewy, der in den dreißiger Jahren in Amerika dazu beigetragen hat, dass die neue Marktform mit dem Namen "Design" entstanden ist.
Womöglich hat sich Karl Marx ja geirrt, als er den Menschen auf seine Bedürfnisse reduzierte, und Sigmund Freud hat Recht behalten: Das Begehren endet nie. Noch Fragen?
Dem Vernünftigen Prestige zu geben und möglichst viele Käufer dafür zu interessieren - das ist heute die Aufgabe verantwortungsvoller Designer
