Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 111

Potsdamer Eiertanz

Von Kito Nedo

KOMMENTAR

Dass sich zwischen Form und Inhalt auch in der Architektur Verbindungen herstellen lassen, das weiß man in Deutschland allerspätestens seit der Moderne. So formulierte Baumeister Ludwig Mies van der Rohe bereits 1924: "Das wirklich Formvolle ist bedingt, mit der Aufgabe verwachsen, ja der elementarste Ausdruck ihrer Lösung." Eine Voraussetzung für die Beherzigung dieses Elementarsatzes sollte jedoch die klare Kenntnis der Bauaufgabe sein.

In Potsdam kennt man eben diese nicht so ganz genau. Der Potsdamer Landtag hätte gern ein neues Parlamentsgebäude.

Dies haben die Parlamentarier bereits 2005 beschlossen. Der Softwaremilliardär Hasso Plattner hingegen träumt vom Wiederaufbau des zerstörten Potsdamer Stadtschlosses. Weil beide Parteien sich für ihre Vorhaben den Alten Markt im historischen Stadtzentrum ausgesucht haben, stellte Plattner dem Land für die Verschalung des neuen Parlaments mit einer historisierenden Barockfassade mal eben 20 Millionen Euro in Aussicht. Und siehe da:

Die Abgeordneten beschlossen prompt die Abänderung der Baupläne mit einer Mehrheit von SPD und CDU. Beide Bauaufgaben wurden mit postmoderner Sorglosigkeit nun einfach miteinander verschmolzen.

Ob nach den neuen Vorgaben überhaupt ein funktionaler Parlamentsbau möglich ist, darüber streiten die Experten. Auch vor einer Kostenexplosion der ursprünglich vorgesehenen 85 Millionen Euro auf 120 Millionen Euro oder mehr wird schon gewarnt.

Das schlimme Ende des es aber ist kaum auszudenken: Was tun, wenn letztlich weder ein ordentlich rekonstruiertes Stadtschloss, noch ein modernes, aufgabengerechtes Parlament Potsdams Zentrum schmückt, sondern eine unnütze, charakterlose Fusionsarchitektur?