Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 112
Dürfen Werke aus den ständigen Sammlungen der Museen verkauft werden?
Von Angelika Kindermann
- Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen: "Kunstmuseen brauchen auch ihre Depotwerke, denn auch diese sind Teile des Gedächtnisses, das unveräußerlich ist. Zukünftige Spender werden verschreckt, wenn verkauft wird. Und sicher wird immer das Falsche weggegeben, wenn man zwei Generationen später darauf sieht. Deshalb grundsätzlich und klar: Nein!"
˜ Michael Eissenhauer, Präsident des deutschen Museumsbundes, ab Herbst Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin: "Leider wird hierzulande das Thema 'Abgabe' immer vom Thema 'Verkauf' überlagert. Es kann sinnvoll sein, sich von einzelnen Beständen zu trennen. Etwa, wenn ein Objekt keine museale Qualität oder innerhalb des Bestandes eine isolierte Position hat. Wichtig bei jeder Abgabe ist, das Objekt zunächst einem anderen Museum anzubieten und den etwaigen Erlös dem Sammlungsetat zuzuführen.
Der Deutsche Museumsbund plant zum Thema eine Empfehlung."
˜ G. Ulrich Großmann, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg: "Museen sind wissenschaftliche Einrichtungen und keine Kunsthändler.
Grundsätzlich sollten sie daher Bestände nicht verkaufen. In Fällen, in denen Museen Werke doppelt besitzen oder Werke im Konvolut erworben haben, die überhaupt nicht in den Sammlungsauftrag hineinpassen, ist ein Verkauf möglich. Finanzieren lässt sich mit solchen Verkäufen in der Regel aber kaum etwas."
- Marion Ackermann, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart: "Ich bin gegen den Verkauf von Werken aus der Sammlung. Soll sich der Verkauf finanziell lohnen, müsste man Hauptwerke auswählen, und das darf auf keinen Fall geschehen, auch nicht in einer temporären Krise und erst recht nicht auf politischen Druck."
- Eva Maria Hoyer, Direktorin des Grassi-Museums für Angewandte Kunst in Leipzig: "Alle fest in die Sammlungen integrierten Objekte sind und bleiben für uns ein unveräußerlicher Schatz. Die gewachsene Struktur einer Sammlung ist per se ein Teil der Geschichte unserer Häuser und unserer Kultur. Jeder subjektive Eingriff eines Museumsdirektors oder gar durch politische Zwänge erpresste Verkäufe verbieten sich damit von selbst."
˜ Thomas Kellein, Direktor der Kunsthalle Bielefeld:
"Wir alle wissen, dass das Verkaufen aus europäischen Museen ein Reizthema und durch die nationalsozialistischen Plünderungen im Jahr 1937 sogar ein Schreckensthema ist. Man könnte über Gegenstände nachdenken, die in eine Sammlung nicht hineingehören oder die entbehrlich sind, wenn nicht das Hauptinteresse an einer Veräußerung von Kunst aus öffentlichen Sammlungen das finanzielle wäre."
- Herwig Guratzsch, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landsmuseen Schloß Gottorf: "Wären Museen in Deutschland autonom, könnten sie sich freier zu der Frage äußern, ob Sammlungsstücke veräußerbar sind. Da unsere Museen aber in Abhängigkeit von Kommunen, Ländern und Bund stehen, sollte weiter gelten, einmal inventarisierte Stücke nicht für den Verkauf freizugeben."
- Hans-Werner Schmidt, Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig: "Bei schwindendem Ankaufsetat aus öffentlichen Kassen, der vielerorts gen Null geht, sind die Museen bei der gezielten Erweiterung ihrer Sammlungen auf Schenkungen, Stiftungen und konzertiertes finanzielles Engagement angewiesen, um Erwerbungen zu tätigen. Die spätere Veräußerung dieser Werke - zwischen mäzenatischer Gabe und PR-trächtiger Win-Win-Situation - stünde dem privaten Engagement kontraproduktiv entgegen."
