Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 91

Vitrinenmarathon

Von Petra Bosetti

VENEDIG: ROM UND DIE BARBAREN

Eine ermüdende Materialschlacht im Palazzo Grassi. "Der Untergang des römischen Weltreiches" - in Hollywoodfilmen wurde er heroisch verklärt, in Gemälden des 19. Jahrhunderts zum Schicksalsschlag hochstilisiert. Über eines herrscht Einigkeit: Schuld waren diese Wilden, die Barbaren, grausame Kerle mit verfilzten Bärten, in ungegerbte Tierfelle gehüllt, Messer zwischen den Zähnen und Keule in der Faust, die einer edlen Hochkultur den Garaus machten. Dass der exzessive Expansionsdrang der Römer Völker in allen Himmelsrichtungen unterworfen hat, dass zum Beispiel die Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) nichts anderes war als die Reaktion der Germanen auf diese Eroberung, wird gerne übersehen. Auch, dass der Untergang des Römischen Reiches auch mit inneren Zuständen zusammenhing - etwa der Ausbreitung des Christentums.

Im Palazzo Grassi soll nun ein differenzierteres Bild der Barbaren (worunter alle betroffenen Völker von den Germanen bis zu den Hunnenfirmieren) gezeichnet werden. Etwa die Zeit des letzten Jahrhunderts vor bis zum neunten Jahrhundert nach Christus wird durch eine gigantische Fülle an Kunstschätzen und Kulturgütern vorgeführt, die belegen, dass diese Völker eine hoch entwickelte Kultur hatten.

Der Einstieg, eine furiose Inszenierung von Beispielen grandioser Bildhauerei, macht Lust auf mehr. Dann aber wird der Besucher in einen Marathonlauf durch ein Heer von Vitrinen geschickt, dem er sich immer hilfloser ausgeliefert sieht. Ausstellungskurator Jean-Jacques Aillagon kennt kein Erbarmen: Minimalinformationen, fast ausschließlich auf Italienisch, keine Erläuterungen zu Sinn und Sinn zusammen hang bringen einem die Fülle an gleichwertig in den Vitrinen platzierten, oft sehr kleinformatigen Objekten nicht näher. Da ist nichts, was das Auge des Betrachters zum Verweilen einlädt und es zur Ruhe kommen lässt. Geschichte wird so nicht lebendig, sondern bleibt tote Materie. Diese Materialschlacht wird Kunsthistoriker freilich entzücken, haben sie doch die einmalige Chance, Kunstschätze aus Museen auch der entlegensten Provinzen an einem ein zigen Ort begutachten zu können.

Termin: bis 20. Juli. Weitere Station: Kunst- und Ausstellungshalle, Bonn: 22. August bis 7. Dezember.

Katalog: Verlag Skira, 80 Euro.

Internet: www.palazzograssi.it, www.kah-bonn.de

Furioser Auftakt: Sarkophag des Portonaccio, weißer Marmor, erstes Jahrhundert nach Christus