Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 109
Lasst die Heiligen zusammen!
Von Hans-joachim Mller
Debatte: Die Tafeln des Heller-Altars sollen vereint bleiben
Es war die Heiligenbegegnung des Jahres. Zwei Männer, zwei Frauen, ersichtlich nicht irdischer Abkunft, wie hergeweht aus einer anderen Welt. Bezaubert standen Besucherscharen vor Matthias Grünewalds Grisaillen des Heller- Altars, die die großen Ausstellungen in Karlsruhe und Berlin für ein halbes Jahr wiedervereint haben.
Jetzt warten schon die Transporteure mit ihren Klimakisten vor dem Kupferstichkabinett, um Laurentius und Cyriakus nach Frankfurt/Main ins Städel zu fahren, wo die Tafeln als Dauerleihgaben des Historischen Museums hängen, und die Heilige Elisabeth und ihre nicht identifizierte Märtyrer- Gefährtin nach Karlsruhe, wo sie zu Hause sind.
So muss das sein. Aber muss es so sein? Muss man sich nach dem ungemeinen Eindruck einfach mit der Museumsrealität abfinden? Wäre es so undenkbar, das Quartett noch eine Weile beieinander zu halten, im eigens gefertigten Standrahmen, der erstmals die Möglichkeit bietet, auch die Rückseiten zu betrachten und die Logik der ursprünglichen Anordnung zu bedenken? Wünschenswert wäre das schon, meint Klaus Schrenk, der Direktor der Kunsthalle Karlsruhe. Und sein Kollege Wolfgang Cillessen, der der Gemälde- und Skulpturenabteilung am Frankfurter Historischen Museum vorsteht, widerspricht keineswegs. Und beide wissen doch, dass mit Kunsthistorikervisionen die Gütertrennung nicht aufzuheben ist. Muss ja auch nicht, aber zwei Jahre Karlsruhe, zwei Jahre Frankfurt, wie wäre es damit? Und dann eine große Ausstellung, die den kompletten Heller-Altar rekonstruieren würde, jenes zerrissene Retabel des Frankfurter Stifters Jakob Heller vom Anfang des 16. Jahrhunderts mit den Vorzeichnungen und Kopien des verbrannten Dürer-Mittelstücks und den Grünewald- Grisaillen auf den Standflügeln.
Und wenn zuletzt die seltsamen Heiligen doch wieder Sehnsucht nach ihren alten Wänden verspürten, dann würden das alle respektieren.
Termin: "Zeichnungen und Gemälde", bis 1. Juni. Kupferstichkabinett, Berlin
Vereint: Tafeln des Heller-Altars, die Grünewald 1509/11 malte
HANS-JOACHIM MÜLLER
