Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 18-29

Umfrage - Der Größte - Die zehn größten Designer der Gegenwart

Von Ralf Schlter

UMFRAGE

Für die Spezialausgabe Design wollte art wissen: Welche Gestalter sind heute die bedeutendsten und einflussreichsten? Wir haben eine Jury aus führenden Experten gebildet und sie gebeten, ihre Favoriten zu wählen. In einem ersten Schritt nominierte jedes Jurymitglied zehn Designer; aus dieser Kandidatenliste erstellten dann alle durch Punktevergabe die Rangliste. Wir zeigen Ihnen auf den folgenden Seiten Objekte der Gewinner, Thomas von Salomon hat sie an verschiedenen Orten in der Münchner Pinakothek der Moderne fotografiert. Die gezeigten Objekte stammen fast alle aus der dort beheimateten Neuen Sammlung.

Zusätzlich baten wir die Jurymitglieder, jeweils einen Newcomer zu nennen.

Diesen jungen Designern widmet art eine Serie. Sie beginnt auf Seite 56 mit den Brüdern Bouroullec

RANGLISTE Wer sind die zehn größten lebenden Designer? Das Ergebnis unserer Expertenumfrage überraschte:

Der gerade 43-jährige Münchner Konstantin Grcic kam noch vor Größen wie Philippe Starck und Dieter Rams auf Platz 1 der Rangliste - und das, obwohl er selbst Jurymitglied war und sich selbst keine Punkte geben konnte.

Einige Plätze sind durch gleiche Punktezahl doppelt belegt

1. Platz: Konstantin Grcic Der Designer geht immer wieder klassische Genres mit neuen Ideen an. Hier ist er mit zwei Exemplaren des Stuhls "Myto" zu sehen - seinem ersten Freischwinger (siehe Seite 64)

2. Platz: Philippe Starck Am schlechten Ruf des Designs ist dieser Herr nicht ganz unschuldig. In den achtziger Jahren wurde Starck, heute 59, zum ersten Superstar der Gestaltung - mit schicken, nicht immer funktionalen Objekten wie der legendär unpraktischen Zitruspresse "Juicy Salif". Doch der Franzose beließ es nicht beim schnellen Styling, in den vergangenen zwei Jahrzehnten entstand ein kaum überschaubares, vielfältiges Werk; Starck entwarf Autos, Motorräder, Schiffe und Häuser, erfand absurde Teddybären und ökologische Fernsehgeräte, seine Arbeit ist spielerisch und funktional, einprägsam und vielschichtig und manchmal sogar politisch. Im heutigem Design ist er der Meister aller Klassen.

3. Platz: Jasper Morrison Anfang der neunziger Jahre wirkten seine Entwürfe wie eine kalte Dusche:

Nachdem die barocken, überbordenden, zitatverliebten Objekte der Mailänder "Memphis"-Gruppe ein Jahrzehnt lang die Szene beherrscht hatten, predigte plötzlich ein blasser Engländer die neue Nüchternheit. Rein designtheoretisch hätte all dies aus Deutschland kommen müssen: karge Holzstühle, schmuckloses Geschirr und Rowenta-Küchengeräte, die an die besten Zeiten der Firma Braun erinnerten.

Dankbar nahmen überreizte Bewohner der westlichen Welt Morrisons Reduktionen auf, "Basic" war das Schlagwort der Stunde. Der 49-Jährige versteht sich explizit als Industriedesigner, er gestaltete Straßenbahnwaggons für Hannover, Handys für Samsung, einen Tintendrucker für Olivetti. Britisches Understatement ist in all seinen Objekten gegenwärtig, und manchmal spürt man sogar etwas vom viel gerühmten Insel-Humor:

Kürzlich stellte er eine Aufbewahrungsbox in Buchform vor; man kann sie ins Regal stellen, ganz so wie es Gangster in alten Filmen taten, wenn sie einen Revolver verstecken wollten.

3. Platz: Dieter Rams Er wohnt bescheiden in einem Kronberger Einfamilienhaus, doch sein Ruhm reicht weit, von Südamerika über die USA bis Japan:

Von 1955 bis 1995 prägte Rams das Design der Elektrogerätefirma Braun - und wurde mit seinen klaren, funktionalen und eleganten Objekten zum Inbegriff deutscher Designauffassung. In Anlehnung an Mies van der Rohes Moderne-Diktum "Weniger ist mehr" formulierte Rams sein eigenes Motto: "Weniger, aber besser." Bei Braun war gutes Design auch immer eng verknüpft mit technischer Innovation: Von seinem tragbaren Plattenspieler (siehe Seite 22) führt ein direkter Weg zum iPod.

Auch heute noch ist der Einfluss des 76-Jährigen immens: Die japanische Firma Sony hält in ihrem Archiv einen kompletten Satz Braun-Geräte vorrätig, Apple-Designer Jonathan Ive gilt als Rams-Adept, die jüngere Generation von Grcic bis Morrison bewundert ihn. Rams hat bewiesen, dass Design mit Charakter marktfähig sein kann, und dafür braucht es nicht einmal den heute üblichen Personenkult.

4. Platz: Stefan Sagmeister Im Grafikdesign herrscht normalerweise gepflegte Anonymität.

Bei Stefan Sag meister ist das anders. Der 46- jährige Österreicher, der seit den frühen neunziger Jahren in New York arbeitet, stellt sich immer wieder selbst in den Mittelpunkt seiner Bücher und Plakate. So posierte er 1999 für ein Poster nackt, der Text war in die eigene Haut eingeritzt. Den Gedanken an einen wiedererkennbaren Stil lehnt Sagmeister ab, mal sind seine Bilder drastisch, mal krude, mal clean, und in seiner radikal subjektiven Haltung ist er mehr dem amerikanischen Rock 'n' Roll verpflichtet als den strengen Typoschulen Europas. So war es kein Wunder, dass ihn die Rolling Stones, Lou Reed und David Byrne CD-Cover gestalten ließen. Zuletzt sorgte er in der Kunstszene für Aufsehen:

Die New Yorker Deitch Projects präsentierten seine Installation "Things I Learned In My Life So Far".

5. Platz: Hella Jongerius Rokoko-Stupsnäschen in Por zellan?

Blümchenmuster auf Vasen? Von nichts war das Design der neunziger Jahre weiter entfernt als von den ornamentalen Welten des 18. und 19. Jahrhunderts.

Bis Hella Jongerius kam.

Die 45-jährige Niederländerin traut sich, jenes Dogma der Moderne zu verletzen, das Adolf Loos 1908 formuliert hatte, indem er Ornament und Verbrechen in einem Atemzug nannte. Ihre Sofas, Vasen und Teller verströmen die Aura von Manufaktur und Handarbeit, sie rehabilitieren die filigrane Schön heit feudaler Epochen, leugnen aber niemals ihre Verankerung in der Gegenwart. Jongerius lässt keine Gemütlichkeit aufkommen, ihre Entwürfe sind stets mit feiner Ironie unterlegt, und alles wirkt immer ein wenig gebastelt, zusammengesetzt. So entstehen jene "Brüche", die heutztage eine Voraussetzung für den Genuss von Schönheit bilden. Mit ihrem bildhauerhaften Formgefühl und ihrem Sinn für hübsche, pikante Details hat Hella Jongerius den Boden bereitet für all jene Muster und Pflanzenornamente, die derzeit die Möbelmessen überfluten.

6. Platz: Walter Van Beirendonck Äußerlich erinnert er mit seiner Glatze und seinem Rauschebart mehr an einen indischen Guru, als an einen Modemacher.

Und tatsächlich wird der 51-jährige Belgier von einigen Anhängern modischer Avantgarde tief verehrt, während andere seine Entwürfe verwirrend und aufdringlich finden.

Jede Kollektion ist für ihn, der Mitte der achtziger Jahre als Mitglied der Gruppe "Antwerp Six" begann, ein Fest der Zeichen. Wo andere die Mode von kulturellem Ballast entlasten wollen und sich - wie etwa Jil Sander oder Yohji Yamamoto - auf möglichst schlichte Formen und Schnitte zurück ziehen, wirbelt Van Beirendonck alles durcheinander: Märchenkostüme und Sportklamotten, barocke Schnitte und moderne Kunststoffe, kindhaft verspielte Buntheit und plötzliche Strenge. Das Überladen von Kleidung mit Botschaften ist bei ihm Programm:

Van Beirendonck möchte mit seinen überbordend wilden Kleidern eine andere, fantasievollere, poetischere Welt beschwören.

6. Platz: Jonathan Ive Es geht nicht um Computer. Es geht um eine Religion.

Apple ist ihr Name, und die Gläubigen sind über die ganze Welt verstreut.

Schon der italienische Schriftsteller Umberto Eco interpretierte Apple als den Katholizismus des Computerzeitalters. Wer einen Applerechner benutzt, hat das Gefühl, zu den Auserwählten zu gehören - was sicher mit den technologischen Innovationen zusammenhängt, ganz besonders aber mit dem Design. Der 41-jährige Engländer Jonathan Ive zeichnet verantwortlich für die Gestaltung der Apple-Produkte; er hat uns den konisch abgerundeten iMac beschert, den praktischen Cube, die unentbehrliche Jeanstaschenikone iPod, und zuletzt das digitale Traumgerät iPhone. Immer schmaler und flächiger werden die Apparate des Mr. Ive, irgendwann wird die dritte Dimension wohl ganz verschwinden, und das Design ist für immer nur noch flimmernde Grafik. Das Idol des smarten Engländers steht übrigens weiter vorne auf Platz 3: Dieter Rams, Meister des kleinen weißen Kubus. Um sich für die Inspiration zu bedanken, hat Ive an Dieter Rams kürzlich einen persönlichen Brief geschrieben - und einige Apple-Geräte beigelegt.

7. Platz: Luigi Colani Gäbe es nicht Philippe Starck, Colani wäre der Designer mit der weltweit größten Klappe.

Sein Ego ist offenbar in der Lage, sich unendlich auszudehnen - und manchmal vergisst man über die vielen flotten Sprüche, wie genial Colani einmal war. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren wurde sein Größenwahn auf atemberaubende Weise produktiv. Besonders Verkehrsvehikel hatten es ihm angetan, je größer desto besser: Er entwarf Autos, Rennwagen, Flugzeuge, Hubschrauber, Großraumtransporter und 1979 gar ein multifunktionales Amphibienfahrzeug. Alles immer biomorph und aerodynamisch - den rechten Winkel lehnte Colani als größten Langweiler der Designgeschichte ab. Heute ist sein Einfluss eher international zu spüren als in Deutschland:

Philippe Starck, Karim Rashid oder Marc Newson haben Colanis Ansätze weiterentwickelt. Er selbst trat in den letzten Jahren nur noch selten hervor; unter anderem war er mitverantwortlich für die Gestaltung der neuen Hamburger Polizeiuniform. In diesem Jahr feiert der Gestalter schnittiger Formen, der sich selbst noch immer "unbequem" findet, seinen 80.

Geburtstag.

7. Platz: Naoto Fukasawa Wie man aus einem Wohnzimmer einen modernen Zen- Garten macht - das zeigt der 51-jährige Tokioter Designer Naoto Fukasawa.

Aufgeräumter, klarer, reduzierter geht es nicht mehr.

Seine Handys, Hifi-Geräte und Sitzmöbel sind meistens weiß, schwarz oder rot, und statt aufwändig skulpturale Formen zu entwickeln, addiert er lieber rechteckige Flächen zu einem kleinen Kubus, der dann zum Beispiel einen CD-Spieler enthält. Die vielleicht typisch japanische Freude an kleinen technischen Details ist auch bei ihm zu spüren; so brachte er bei seinem berühmtesten Objekt, dem Wand-CD-Spieler für Muji, statt eines An- und Ausknopfs ein Stromkabel zum Ziehen an, das an Omas Wohnzimmerlampen erinnert. Bei Fukasawa kommt der Minimalismus zur Vollendung: Seine Objekte nehmen wirklich nur den Raum ein, den sie unbedingt brauchen, sind nie größer als nötig. Auch hier ist eine japanische Tradition zu spüren: der Hang zur Miniaturisierung.

Aktuelle Berichte aus der Welt des Designs: www.art-magazin.de/design

Konstantin Grcic Vier Varianten von Grcics Arbeitslampe "Mayday" (1998), fotografiert vor dem Schriftzug der Münchner Pinakothek der Moderne im Café "48 I 8"

DIE JURY

Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung, Zürich.

Newcomer-Tipp: Frédéric Dedelley.

Konstantin Grcic, Industriedesigner, München. Newcomer- Tipp: Thomas Heatherwick.

Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung, München.

Newcomer-Tipp: Tokujin Yoshioka.

Andrej Kupetz, Geschäftsführer des Rats für Formgebung, Frankfurt am Main. Newcomer- Tipp: Erwan und Ronan Bouroullec (siehe Porträt Seite 56).

Peter Noever, Direktor des Museums für angewandte Kunst, Wien. Newcomer-Tipp:

Carol Christian Poell.

Alexander von Vegesack, Direktor des Vitra-Design-Museums, Weil am Rhein. Newcomer-Tipp:

Maarten Baas.

Gerrit Terstiege, Chefredakteur der Fachzeitschrift "form", Basel.

Newcomer-Tipp: Oskar Zieta.

Philippe Starck In die Architekturausstellung "Der dritte Raum" in diesem Frühjahr wurden Objekte von Starck integriert, v. l.: der Hocker "La Bohème" (2000, in Gelb und Rot), die blaue Lampe "Miss Sissi" (1990), der Schreibtisch "BaObab" (2006) mit der Lampe "Ara" (1988)

Dieter Rams Der tragbare Plattenspieler "TP 1" von 1959 vor Pablo Picassos Gemälde "Madame Soler" (1903)

Jasper Morrison Fünf Exemplare des Stapelstuhls "Air Chair" (2000), an die Wand gelehnt im Aufzug der Anlieferung

Stefan Sagmeister Das selbst gestaltete Ausstellungsplakat "Handarbeit" des Grafikdesigners von 2003 im Laderaum eines LKW, mit dem sonst Kunst- und Designobjekte zwischen den Münchner Pinakotheken transportiert werden

Hella Jongerius Ein Teller aus der "Tierschalen"-Kollektion (2004) und eine Teekanne aus der Kollektion "Vier Jahreszeiten" (2007) für die Porzellanmanufaktur Nymphenburg, auf Transportkisten im Schaudepot

Jonathan Ive Der Apple-Computer "iMac" von 1998 in Blaugrau, fotografiert in Joseph Beuys' Installation "Das Ende des 20. Jahrhunderts" (1983)

Walter Van Beirendonck Ein Mantel aus der Herrenkollektion "Skin King" von 2008/2009 in der Besucher garderobe der Pinakothek der Moderne

Luigi Colani Präsentation der "Studie eines Überschallflugzeugs" von 1968 in der Neuen Sammlung; darunter die Liege "TV-Relax" von 1965/67

Naoto Fukasawa Die Sitzinsel "Ishi" (2005) und der Wand-CD-Player für Muji von 1999 in der Anlieferung der Pinakothek der Moderne

RALF SCHLÜTER