Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 8-13

Studio - Boros-Bunker

Von

Kasten: KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (13 ) Konzeptkunst, die: [engl. Concept Art] in den sechziger Jahren entstandene Kunstrichtung, in der die Qualität eines Werks von seiner visuellen Erscheinung entkoppelt ist.

Im Mittelp. der K. steht die sog. Idee, Ideen hat bekanntlich jeder mal, und so wurde die K. zur nervtöt. Pauschalausrede von Zeitgenossen, die Künstler sein wollen, aber keinerlei handwerkl. Fähigkeiten aufweisen.

Echte K. im Sinne der Gründerväter und Sol LeWitt und Joseph Kosuth weist neben der strengen Form oft auch eine mystische Dimension auf.

Kasten:

GEHT'S NOCH?!

Eines der berühmtesten Möbel des Moderne, Arne Jacobsens Sessel "Ei", feiert 50. Geburtstag.

Der dänische Künstler Tal R hat zum Jubiläum eine Edition produziert, das den sonst monochromen Sessel mit Flickenteppichmuster zeigt.

Er habe Hochdesign mit "niedrigem" Patchwork kreuzen wollen, sagt er. Und hat dem "Ei" damit jede Eleganz genommen.

Kasten:

10 071 Besucher hat ein einziges Gemälde durchschnittlich am Tag angezogen - bisheriger Rekord im Nationalmuseum von Tokio, wo seit 1997 Besucherzahlen gemessen werden.

Grund des Ansturms war das Gastspiel von Leonardo da Vincis "Verkündigung" (1472/75) im vergangenen Jahr. Die Uffizien hatten es ausgeliehen und damit einen Proteststurm entfacht; Kritiker mahnten an, eine so weite Reise könne dem Werk schaden. Nachdem das Bild in Japan eine Massenbewegung ausgelöst hatte, ist es wohlbehalten nach Florenz zurückgekehrt.

Kasten:

HELD DES MONATS Das Werk des Vincent van Gogh (1853 bis 1890) wird immer wieder neu betrachtet und gedeutet, warum soll es nicht auch mehrmals gemalt werden? Wolfgang Müller aus Dinslaken hat viel zu tun: Die mehr als 840 Gemälde des Niederländers will er noch einmal auf die Leinwand bringen. 500 sind schon fertig. Eine Leidensgeschichte verbirgt sich dahinter nicht: Er könne den Schmerz van Goghs nachempfinden, sei aber insgesamt glücklicher als sein Vorbild, sagt Müller.

DIE ART-HOME-STORY (11 )

Zu Gast bei Olaf Nicolai Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Bienenpräparat Eigentlich wurden diese Präparate für den Schulunterricht produziert.

Ich finde das als Gegenstand einfach faszinierend. Da visualisiert sich alles ganz einfach, die wissenschaftliche Analyse, das ästhetisch schöne Präparat, der starre Glaskubus, the ideal show case. Ein schöner Schneewittchensarg.

Der Installationskünstler Olaf Nicolai, 45, vor seinem Arbeitstisch am Prenzlauer Berg in Berlin. Kontakt: www.eigen-art.com

Grüner PVC-Buchumschlag Ich lese viel auf Reisen. Dann schlage ich meine Lektüre in diese Umschläge ein. Ich habe mich daran gewöhnt, es funktioniert als visuelle Erinnerung ganz gut. Seitdem ich solche Umschläge benutze, habe ich weniger Bücher liegen gelassen. Gekauft habe ich sie mal in Frankreich, ob sie dort hergestellt werden oder anderswo, weiß ich nicht.

Fegefeuerfigur Diese neapolitanische Fegefeuerfigur ist aus Terrakotta. Wenn man in Neapel durch die Straßen geht, findet man oft ganze Altäre, die mit ihnen vollgestellt sind. Sie zeigen die Seelen, die im Fegefeuer gelandet sind. Da gibt es ein ganz bestimmtes Personal: Frauen, Advokaten, Polizisten, Narren. Ich bin gerade dabei, mir selbst einen kleinen Vorhimmel zu bauen.

Zeitungsausriss mit einem Zitat von Inger Christensen "Wenn ein Haus mit einem Bett und Ofen, wenn Kleidung, Essen und Wasser für jeden Bürger der Welt die Antwort ist, was ist dann die Frage?" Inger Christensen ist eine wahnsinnig tolle Schriftstellerin aus Dänemark, mittlerweile erscheinen ihre Bücher nicht nur in kleinen Verlagen, sondern auch bei Suhrkamp. Der Ausschnitt hängt hier über dem Telefon an der Wand. Spricht für sich.

Telefon SONY SPP-A60 Dieses schnurlose Telefon habe ich mir 1993 in den USA gekauft. Um es in Deutschland benutzen zu können, musste ich damals noch selbst im Inneren des Geräts einiges umstecken.

Es war ja ein nicht durch die Deutsche Bundespost zugelassenes Gerät. Mittlerweile besitze ich noch weitere Knochen, aber diesen finde ich am besten.

Berlin-Mitte hat eine spektakuläre neue Kunstadresse: den Boros-Bunker, wie er kurz genannt wird. In vier Jahren Umbauarbeit hat der Wuppertaler Werber und Kunstsammler Christian Boros einen 1942 erbauten Bunker in der Reinhardtstraße in ein Privatmuseum der besonderen Art verwandelt. Das Architektenbüro Jens Casper/Realarchitektur hat aus ursprünglich 120 Kammern im Innern 80 Kabinette gemacht, in dem die von Boros gesammelte Kunst nun glänzen kann (hier eine Installation von Anselm Reyle ohne Titel, 2008).

Auf den nächsten Seiten sehen sie weitere Werke aus dem Bunker, der ab Juni immer samstags besichtigt werden kann (nach Voranmeldung, Informationen unter www.sammlung-boros.de).

Der Boros-Bunker ist wie geschaffen für die sperrige Raumkunst der polnischen Künstlerin Monika Sosnowska (ohne Titel, 2005/08)

Werke im Boros-Bunker, auf der linken Seite zwei Arbeiten von Kris Martin: "For Whom ..." (2008, oben, mit dem Sammler Christian Boros) und "Still Alive" (2005). Diese Seite: "Rudi's sunny 02. 04.

1985 (Genreich)" aus dem Jahr 2000 von Tobias Rehberger

"Der Mond ist jetzt ein Ami", titelte zur Mondlandung vor bald 40 Jahren die "Bild"-Zeitung. Nun möchte ein Künstler aus dem Norden Europas die Parole abwandeln. "Der Mond ist jetzt ein Schwede", könnte es bald heißen, wenn es Mikael Genberg nämlich gelungen sein wird, ein typisches rotes schwedisches Holzhaus dort oben aufzustellen. 54 Millionen Euro soll die Transakation kosten, die nationale Raumfahrtbehörde unterstützt das Projekt.

"Ei" mit Flicken: Tal R gratuliert Jacobsen

"Fahrrad-Rad" (1913) von Übervater Duchamp, "Erkundungen 8, Vorschlag 2" (1970) von Kosuth

Sie gilt schon jetzt als neues Wahrzeichen von Norwegens Hauptstadt, eine Art Sydney-Oper des Nordens: Die neue Oper in Oslo wurde im April in Anwesenheit internationaler Staatsgäste eingeweiht. Umso merkwürdiger ist es, das cleane, glanzvolle Gebäude des Architektenbüros Snøhetta schon jetzt in einem verfallenen, mit Graffiti übersähten Zustand zu sehen. Der Fotokünstler Hjørdis Kurås hat pünktlich zur Eröffnung das Gebäude am Computer altern lassen; die düstere Vision stieß in Norwegen nicht gerade auf Begeisterung.

Düstere Fiktion: Hjørdis Kurås' Vision vom Verfall der Oper, die gerade erst eröffnet wurde

Malt auf 16 Quadratmetern van Goghs Werke komplett nach: Wolfgang Müller

Angeblich fließt ja die Zeit dahin, die lautlosen Datenströme in unseren Digitaluhren scheinen das zu belegen. Der Künstler Mark Formanek zeigte nun mit seinem Berliner Projekt Standard Time - die selbst gebaute Zeit, dass die Zeit auch ächzen, knirschen und scheppern kann: Aus Holzbrettern bauten insgesamt 70 Arbeiter synchron zur Echtzeit eine "digitale" Anzeige:

1611 Umbauten in 24 Stunden.