Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 76-77
Die Sehnsucht, ein Held zu sein
Von Gerhard Mack
Eine Ausstellung des ukrainischen Fotografen im Fotomuseum WINTERTHUR: SERGEJ BRATKOV
Sasha sitzt lässig auf dem Rand der Badewanne. Die Beine hat sie übereinandergeschlagen. Das schwarze Kleid gibt einen großen Teil der Oberschenkel preis. In den leuchtend rot geschminkten Mund führt die Hand eine Zigarette. Die Halbwüchsige ist eine Lolita der Moskauer Vorstädte, und es verwundert kaum, dass die Fotografie 2000 einen Skandal entfachte und der Fotograf Sergej Bratkov vor die Ethikkommission der Duma zitiert wurde.
Dabei hatte der Fotograf nur den Wunsch der Eltern erfüllt: Sie kamen mit ihren Töchtern zu ihm, weil sie Aufnahmen für die Bewerbung bei einer der in Moskau boomenden Kindermodelagenturen wollten. Da sie sich keine Stylisten und Visagisten leisten konnten, schminkten sie ihre Kinder selbst.
"Kids" ist eine von mehreren Serien, in denen sich Bratkov mit Kindern auseinandersetzt.
Er wohnte 1996 neben einem Waisenhaus, hatte kein Geld und vermietete seine Wohnung an Amerikaner.
Die kamen nach Moskau, um Kinder zu adoptieren, und baten ihn, die Waise zu fotografieren, die sie sich ausgesucht hatten.
Mit solchen Bildern wurde der 1960 in Charkow in der Ukraine geborene Fotograf schnell in Russland und im Westen bekannt. Seine Bilder gelten als Dokumente des rauen Alltags im postkommunistischen Russland, auf denen die Kehrseite der boomenden Wirtschaft zu sehen ist.
Die Menschen vom Rand der Gesellschaft erinnern im Westen an Jock Sturges und Diane Arbus, im Osten an den Tschechen Jan Saudek und an Boris Mikhailov. Das Fotomuseum hat 2003 Mikhailov gezeigt.
Wer nun die Bilder Bratkovs anschaut, mag darin dieselbe Lust am Spiel vor der Kamera und eine vergleichbare Härte in der Wahl der Sujets finden. Worin sie sich aber unterscheiden, ist die Achtung, mit der Bratkov den Porträtierten begegnet.
Er klagt nicht an und desavouiert nicht.
Er zeigt ihre Realität immer zusammen mit den Träumen und Wunschbildern, die sie von sich haben. Die letzten verbliebenen Stahlkocher im Hüttenwerk Ishewsk wirken wie Helden aus einer anderen Zeit. Die alten Matrosen drücken ihr Mitgefühl mit den Opfern des 2000 untergegangenen U-Boots Kursk aus. "Heldenzeiten", der Titel der Ausstellung, spielt mit dieser Doppelbödigkeit:
Es sind verlorene Hel den, die Bratkov zeigt; in ihrer Verlorenheit halten sie aber auf anrührende Weise die Sehnsucht wach, Helden zu sein.
Termin: 7. Juni bis 24. August. Katalog: Verlag Scheidegger & Spiess, 54 Franken, im Buchhandel 45 Euro. Internet: www.fotomuseum.ch
Szenen aus dem russischen Alltag werden bisweilen zum schrillen Theater: C-Print (25 x 75 cm) aus der Reihe "My Moscow" von 2003
Lolita der Moskauer Vorstädte:
C-Print "Sasha" (2000, 40 x 27 cm) aus der Serie "Kids"
