Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 81
Mondäne Szene vom Kurfürstendamm
Von Kito Nedo
Mode und Erotik: Die Berlinische Galerie erinnert an den deutschen Fotopionier BERLIN: HERBERT TOBIAS
Nicht nur ihre Entdeckung als Model, sondern sogar ihren Künstlernamen "Nico" soll die gebürtige Kölnerin Christa Päffgen dem Fotografen Herbert Tobias (1924 bis 1982) verdanken. Die spätere Warhol-Muse und der schwule Modefotograf trafen sich Mitte der fünfziger Jahre in Berlin. Tobias gehörte neben Kollegen wie Helmut Newton oder F. C. Gundlach für einige Jahre zu den ganz Großen seines Fachs und setzte mondäne Frauenmode auf dem nächtlichen Kurfürstendamm und anderswo gekonnt in Szene. Solch eine Karriere ist mehr als ungewöhnlich, denn der 1924 in Dessau geborene Tobias hatte ursprünglich eine Lehre als Landvermesser absolviert.
Die ersten Fotografien des Autodidakten entstanden 1943 bei einem Einsatz an der Ostfront und zeugen weder von Luxus noch von verschwenderischer Schönheit. Als Dokumente zeigen sie den zermürbenden Alltag des Krieges und lassen das fotografische Gespür und die Sensibilität des damals gerade 19-Jährigen erkennen. Damit gehen sie weit über die gewöhnliche Kriegsfotografie und die Erinnerungen eines jungen Soldaten hinaus.
Doch nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft widmet sich Tobias zunächst einer anderen großen Leidenschaft: dem Theater.
Erst während eines dreijährigen Paris- Aufenthalts zwischen 1951 und 1953 beginnt er wieder zu fotografieren und begeistert sogleich die "Vogue"-Redaktion, die seine Bilder druckt. Auch in Deutschland wird seine unkonventionelle Bildsprache schnell geschätzt, sie liefert Bilder des Genusses und der Bewegung für eine Gesellschaft, die nach langen Jahren der geistigen Starre und Entbehrung nach einem Neuanfang sucht. Neben den Modearbeiten entstehen Stadtansichten aus dem zerstörten Berlin und eine große Zahl von Männerporträts - darunter auch eines von dem späteren Terroristen Andreas Baader - und Akte. Als Fotograf allein sah sich Tobias nie: In den Sechzigern arbeitete er als Schallplattenproduzent, versuchte sich als Sänger und Schriftsteller oder spielte in Filmen. Zum Broterwerb fotografierte er erotische Serien für schwule Männermagazine.
Schon zu Lebzeiten eine Legende, wird der Künstler heute nur noch von Insidern verehrt. Mit der groß angelegten Retrospektive bietet die Berlinische Galerie jetzt die Gelegenheit, einen frühen Pionier im Grenzgebiet von Kunst, Mode, Erotik und Fotografie neu zu entdecken.
Termin: bis 25. August. Katalog: Steidl Verlag, zirka 35 Euro. Internet: www.berlinischegalerie.de, www.herberttobias.com
Fotoporträt des späteren Terroristen Andreas Baader (um 1965); rechts: die Schauspielerin Hildegard Knef, fotografiert um 1957
