Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 78
Paradestücke der Klassischen Moderne
Von Kito Nedo
Eine Ausstellung des Amerikaners (1890 bis 1976) im Martin-Gropius-Bau BERLIN: MAN RAY
Seine Bilder seien wie der "Blick eines Philosophen, der in die Sonne reicht", schrieb Francis Picabia Anfang der dreißiger Jahre voller Bewunderung über das Werk seines Freundes und Kollegen Man Ray. Kurz zuvor hatte der 1890 in Philadelphia unter dem bürgerlichen Namen Emmanuel Radnitzky geborene und seit 1921 in Paris lebende Künstler der Öffentlichkeit seine ersten Solarisationen vorgestellt. Mit diesen Fotos, auf denen die Ränder der Motive zu glühen scheinen, radikalisierte das von Dadaisten wie Surrealisten gleichermaßen geschätzte Multitalent erneut seine fotografische Praxis. Schon zehn Jahre zuvor war die von ihm - ganz unbescheiden - "Rayografie" getaufte kameralose Fototechnik zum Markenzeichen avanciert.
Die zwischen abstrakt und gegenständlich pendelnden Kompositionen, welche durch das Experimentieren mit verschiedenen Labor- und Alltagsgegenständen, lichtempfindlichem Papier und Entwicklerbad in der Dunkelkammer entstanden, sind heute . Zeitgenossen hingegen sprachen von Man Ray bald als dem einzigen wirklich innovativen Kamera-Künstler in ganz Frankreich. Das Erlernen der Technik, so lautet der vom Künstler selbst kolportierte Mythos, soll seinen Ursprung in der Unzufriedenheit mit der mangelhaften Reproduktion seines malerischen Schaffens durch andere gehabt haben.
Freilich beherrschte Man Ray den Umgang mit dem Fotoapparat dann so perfekt, dass er selbst durch Auftragsarbeiten für Modemagazine oder als Porträtfotograf unabhängig von den Erlösen durch seine Kunst für den Lebensunterhalt sorgen konnte. Wie groß neben aller fotografischen Brillanz die künstlerische Spannbreite Man Rays tatsächlich war, kann nun in der über 300 Exponate umfassenden Ausstellung im Gropius-Bau erneut erlebt werden. Neben teilweise nie zuvor gezeigten Zeichnungen, Fotos, Gemälden und Plastiken werden auch Privatgegenstände und Dokumente aus den Beständen des New Yorker Man Ray Trust präsentiert.
Die von seiner letzten Frau Juliet Browner nach seinem Tod 1976 gegründete und auf Long Island beheimatete Institution darf sich neben den Französischen Nationalmuseeen zu den bedeutendsten Bewahrern des Erbes zählen.
Dass das Interesse an Man Ray auch über 30 Jahre nach seinem Tod noch immer ungebrochen ist, lässt sich mit seinem Status als einer der Zentralfiguren der Avantgarde des 20. Jahrhunderts erklären.
Obwohl er nie müde wurde, zu betonen, dass ihn immer zuerst die Idee einer Arbeit interessiere und nicht ihre letztendliche Ausführung, hinterließ er dennoch ein Werk von großer Schönheit. Diesem unauflöslichen Widerspruch entspringt seine anhaltende Aktualität.
Termin: 13. Juni bis 18. August. Katalog: Nikolai Verlag, 29 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.
Internet: www.gropiusbau.de
Objekt mit Schaufel: "Café Man Ray" von 1948. Rechts:
Frauenporträt ohne Titel, undatiert
