Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 121

Präzise halluziniert

Von Alfred Nemeczek

Neuausgabe von Max Ernsts wichtigster Collagen-Suite BUCH DES MONATS

Wenn Künstler Urlaub machen, entsteht nicht immer ein Hauptwerk. Aber im Sommer 1933 reichten Max Ernst (1891 bis 1976) drei Wochen auf Schloss Vigoleno bei Piacenza für einen großen Wurf: Der Bildroman "Une semaine de bonté" (Eine Woche der Güte) gilt als bedeutendste Collagenserie des deutsch-französischen Surrealisten, der hier mit Schere und Kleister routinierte Holzstichillustrationen aus Trivialschmökern des Fin de Siècle virtuos neu montiert und auf 184 Blättern zu beklemmend grotesken Gewalt-, Horror- und Unglücksvisionen einer sündigen Albtraumwelt verfremdet hat.

Die erste Buchdruckversion, schon 1934 auf dem Markt, verkaufte sich gut. Fast unbekannt blieben jedoch die Originale.

Sie waren nur 1936 einmal in Madrid zu sehen und überstanden den Krieg im Emigrantengepäck des Künstlers. Aber als Leihgabe des Pariser Medientycoons Daniel Filipacchi werden sie jetzt, nach 72 Jahren, wieder vollzählig ausgestellt.

Und so ungewöhnlich wie diese Museumstournee, die sich nach ihrem Start in der Wiener Albertina noch bis 7. September in Brühl und dann in Hamburg (19. September bis 11. Januar 2009) fortsetzt, ist das von Werner Spies herausgegebene Begleitbuch. Es faksimiliert die Blätter erstmals in originaler Größe und Farbe und erzielt mit den Sepiatönen der Holzstichvorlagen eine atmosphärische Verdichtung, die alle früheren Schwarzweißausgaben der "Semaine" zu Makulatur macht.

Im Vorwort firmiert die Schau als "einzigartige Sensation". Und ein profunder Text von Spies belegt mit Fakten zu Quellen und Technik dieser en "Kompilationen des Unerklärlichen": Das stimmt.

Fantastisch, irrwitzig und unerklärlich: ein Bild aus Max Ernsts Collage-Roman (1934)

Werner Spies (Hrsg.): Max Ernst - Une semaine de bonté. Die Original- Collagen. DuMont Buchverlag. 320 S., 311 Abb., 39.90 Euro