Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 116-117
"Die Messlatte liegt sehr hoch"
Von Ute Thon
Interview: Rücktritt bei der Art Basel - Messeleiter Marc Spiegler über Kontinuität, Kompetenz und Konkurrenz-Events
Die "Art Basel" findet in diesem Jahr unter neuer Leitung statt. Als Sam Kellers Nachfolger wurde eine Dreierspitze gewählt. Doch bereits vor Messestart kündigte die künstlerische Leiterin Cay Sophie Rabinowitz. art-Redakteurin sprach mit Marc Spiegler, einem der verbleibenden Messechefs. Der gebürtige US-Amerikaner, zuvor freier Journalist, leitet die Messe nun gemeinsam mit der Schweizerin Annette Schönholzer. art: Was ist plötzlich los bei der guten alten, krisenresistenten "Art Basel"? Nach nur vier Monaten hat sich die künstlerische Leiterin verabschiedet.
Marc Spiegler: Für die 39. "Art Basel" gibt es keinen Grund zur Sorge. Cay Sophie Rabinowitz hat aus persönlichen Gründen gekündigt und wird uns weiter unterstützen, soweit das nötig ist.
Welche Auswirkungen hat die Kündigung auf die Messe?
Angesichts des späten Zeitpunkts hat ihr Weggang nur einen minimalen Effekt auf die Schau. Denn den größten Einfluss hat man als Direktor in der frühen Phase, in der die Messe konzipiert wird.
Jetzt liegt alles in den Händen unseres Teams und bei den Galerien, die wir ausgewählt haben.
Wird die Position neu besetzt?
Die Messe Schweiz hat beschlossen, dass Annette Schönholzer und ich die beiden Messen auch ohne einen künstlerischen Direktor leiten können. Cay Sophies Aufgaben wurden zwischen uns beiden aufgeteilt.
Sie sind eigentlich Journalist und haben kritisch über den Kunstmarkt berichtet. Was hat Sie veranlasst, die Seite zu wechseln?
Ich musste mir kein neues Herz für den Job einpflanzen lassen. In meinen Artikeln habe ich immer eine eindeutige Meinung vertreten, sehr stark gegen Spekulation und für seriöse Galeriearbeit als Plattform, auf der Künstlerkarrieren aufgebaut und weiterentwickelt werden. In diesem Sinne sehe ich meinen Job bei der "Art Basel" als Fortführung dieser Haltung.
Es fällt auf, dass Sie gern das Wort "Plattform" benutzen, wenn Sie von der Messe sprechen, obwohl es doch eigentlich ums Verkaufen geht. Ist Ihnen der Marktaspekt nicht geheuer?
Wir machen zwei Messen, und die dauern sieben Tage, doch unsere Beziehungen zu den Galerien bestehen das ganze Jahr über. Wenn wir von Plattform reden, meinen wir damit, dass wir den Galerien nicht einfach nur ein paar Quadratmeter Ausstellungsfläche vermieten, wir verkaufen ihnen eine Plattform, auf der sie ihre Künstler präsentieren und neue Leute kennen lernen können.
Wird es Veränderungen auf der diesjährigen Messe geben?
Die größte Veränderung wird sein, dass wir die Gesprächsrunden und Präsentationen der Schau, "Art Basel Conversation" und "Art Lobby", in den Ausstellungsbereich der "Art Unlimited"-Halle integrieren. Das Konzept dahinter ist, dass wir die Diskussionen über Kunst und die Kunstwelt nicht von den Kunstwerken separieren wollen.
Reizthema Galerienauswahl: Eine Messe braucht neue Galerien, um spannend zu bleiben. Andererseits will kaum ein Galerist frei willig seine Koje aufgeben, wenn er erst einmal auf der "Art Basel" gelandet ist. Wie lösen Sie das Problem?
Natürlich gibt es viele gute junge Galerien. Doch die Stärke der "Art Basel" war immer ihre Balance zwischen den historischen und den zeitgenössischen Positionen.
Diese Balance wollen wir erhalten.
Deshalb liegt die Messlatte für neue Galeriebewerber sehr hoch. Nicht jede gute junge Galerie hat das Zeug, eine wirklich gute Koje zu gestalten. Generell ist es für eine Galerie sogar gefährlicher, zu früh bei uns zu landen, dann den Level nicht halten zu können und nicht wieder zugelassen zu werden.
Seit einigen Jahren ist es unter Messebetreibern üblich geworden, von den Galerien schon für die Bewerbung bis zu 1000 Euro zu kassieren. Auch die "Art Basel" verlangt 500 Schweizer Franken.
Ist das nicht eine Form von Abzockerei?
Unser Bewerbungsverfahren ist mit Sicherheit keine Geldmaschine für die "Art Basel". Es ist ein sehr arbeitsintensiver Prozess, bei dem wir nichts verdienen. Das Auswahlkomitee ist 25 Tage damit beschäftigt, das Material durchzugehen und eine Entscheidung zu treffen. Wir bekommen rund 1000 Bewerbungen mit Katalogen und Videos. Kurz vor den Jury- Sitzungen sieht es in unseren Büros aus, als hätte jemand einen ganzen Buchladen abgeladen.
Und was sind letztlich 500 Schweizer Franken? Eine Rechnung für einen Restaurantbesuch mit Kunden vielleicht. Dafür bekommen die Bewerber einen rigoroses, professionelles Verfahren.
Das ist die Sache wert.
Stehen Sie unter dem Druck, wirtschaftlich erfolgreich sein zu müssen?
Die Messe Schweiz ist kein Wohltätigkeitsverein.
Aber das Unternehmen versteht auch, dass es nicht um Gewinnmaximierung von Jahr zu Jahr geht, sondern etwas aufzubauen, dass langfristig Zukunft hat. Wir wollen wirtschaftlich erfolgreich sein, aber nicht um jeden Preis.
In Berlin hat eine Gruppe von Galeristen mit dem selbst organisierten "Gallery Weekend" eine erfolgreiche Alternative zum Messerummel geschaffen. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?
Im Gegenteil. Solche Initiativen unterstützen wir aus vollem Herzen.
In einer idealen Kunstwelt kaufen Sammler und Kuratoren nicht nur auf Messen, sondern die Messen dienen als Ausgangspunkt für das Abenteuer, das einen Sammler zum Künstler und dessen Galerie führt. Events wie das "Gallery Weekend" verlocken Sammler dazu, Galerien, die sie auf der "Art Basel" entdeckt haben, in Berlin in ihren eigenen Räumen zu besuchen.
Wie oft holen Sie sich noch Rat und Beistand bei Ihrem Vorgänger Sam Keller?
Wir schätzen seine Meinung, aber mit der täglichen Organisation hat er nichts mehr zu tun. Sam hat jetzt ein Museum zu leiten.
Das komplette Interview lesen Sie auf: www.art-magazin.de/spiegler
Kasten:
Basel Highlights Auf der "Art Basel" (4. bis 8.
Juni) präsentieren 300 internationale Galerien die Werke von über 2000 Künstlern.
Zu dem bietet die Messe ein umfangreiches Rahmenprogramm, darunter auch ein Konzert mit Patti Smith und ein Kunstprojekt von Malcolm McLaren.
Es gibt fünf Satelliten messen:
Vol ta4, Liste 08, Bâlelatina, Scope und Design Miami/Basel sowie die Swiss Art Awards.
Außerdem laden die örtlichen Museen zu Special Events.
Seitenwechsel ohne Herzverpflanzung: "Art Basel"-Chef Marc Spiegler
