Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 119
"Ein ganz tolles Experiment"
Von Vladimir Esipov
Architektur: Avantgardebau in Moskau soll Hotel werden
Ein Meisterstück des sowjetischen Konstruktivismus, das von 1928 bis 1930 erbaute Narkomfin- Wohnhaus für die Mitarbeiter des Finanzministeriums in Moskau (art 1/2006), wird zu einem Apartmenthotel umgebaut.
Das sehen die Pläne der Moskauer Immobilienagentur MIAN vor.
Ein Großteil der rund 50 Wohnungen hat MIAN schon aufgekauft, und bereits in diesem Jahr soll die Sanierung beginnen. Bis 2011, so die Planungen, soll das Gebäude für rund 40 Millionen Euro restauriert werden.
Der avantgardistische Bau gilt als ein Meisterwerk der Architekten Moisei Ginzburg und Ignati Milinis. Ginzburg selbst bezeichnete seinen Wohnblock als "Haus der Übergangszeit", in dem das Individualistische eines Sowjetbürgers auf ein Minimum reduziert werden sollte. So gab es zwar auch traditionelle, bis zu 80 Quadratmeter große Wohnungen, aber auf drei Geschossen des Hauses befanden sich mehrere 37 Quadratmeter große Wohneinheiten, zu denen kleine Duschen gehörten, aber keine Küchen - ein gemeinschaftlicher Essraum befand sich in einem Zusatztrakt, zum Kochen standen Etagenküchen zur Verfügung.
Da der Staat über die Jahre hinweg den Bau niemals renovieren ließ, landete das Haus auf der Liste der gefährdeten Denkmäler des World Monument Fund. Der Umbau zum Hotel soll nun Erlösung bringen, ohne dass öffentliche Gelder fließen müssen.
Schon schwärmt MIAN-Sprecherin Jana Mironzewa von "perfekten Single-Apartments": Sonnenterrasse auf dem Dach, bis zu vier Meter hohe Decken, breite Fensterfronten. Dazu kommt der zentrale Standort: Ginzburgs Gebäude steht in Moskaus Innenstadt zwischen der amerikanischen Botschaft und einem der berühmten Stalin-Hochhäuser.
David Sarkisjan, Direktor des Moskauer Schusew-Museums für Architektur, ist von dem Projekt begeistert: "Ein ganz tolles Experiment!" Das Architekturerbe sieht er in keiner Weise gefährdet.
Schließlich habe sich der Investor verpflichtet, das Haus weitgehend originaltreu zu restaurieren. Auch die historischen Funktionen der Räume sollen möglichst beibehalten werden: So wird aus dem gemeinsamen Essraum ein Restaurant.
Auch ein kleines Museum zur Geschichte des Hauses ist geplant. Nur aus der hauseigenen Turnhalle wird kein Fitnesscenter, sondern ein Konferenzraum.
Zweite Ära als Hotel: Narkomfin-Wohnhaus (1930)
