Ausgabe: 06 / 2008
Seite: 118
Zurück zur eigentlichen Aufgabe
Von Hans Pietsch
National Gallery: Chef macht sich für ständige Sammlung stark
Nicholas Penny, 60, seit kurzem Direktor der Londoner National Gallery, hat bereits mit kritischen Äußerungen zu Blockbuster- Ausstellungen für Schlagzeilen gesorgt. Mit dem auf die italienische Renaissance spe zialisierten Kunsthistoriker sprach art-Korrespondent : art: Warum mögen Sie Publikumsrenner nicht?
Nicholas Penny: Ich bin da etwas falsch interpretiert worden.
Mir lag daran klarzumachen, dass auch kleinere, wissenschaftlich fundierte Ausstellungen ihren Platz im Kalender haben. Auch solche mit wenig bekannten Themen.
Wie unsere Schau über die italienischen Divisionisten, die hierzulande fast unbekannt sind.
Aber ich habe auch etwas gegen zehn Monet-Ausstellungen in einem Jahr.
Es macht Ihnen also nichts aus, wenn statt 200 000 nur 20 000 Besucher kommen?
Eigentlich nicht. Vorausgesetzt, es handelt sich um kleine Ausstellungen.
Wenn aber eine groß angelegte Werkschau wie kürzlich unsere Schau über Pompeo Batoni nur wenig Besucher anlockt, ist das gar nicht gut.
Ihr Haus ist in letzter Zeit viel wegen seiner Ausstellungspolitik angegriffen worden - periphere Themen, trocken-wissenschaftlich, begrenzter Horizont.
Wir haben in den letzten Jahren Tizian, Raffael, Caravaggio und Velázquez vorgestellt, alle sehr erfolgreich. So etwas kann man nicht ewig durchhalten.
Werden Sonderausstellungen nicht überbewertet?
Da ist etwas dran. Ein wissenschaftlicher Kustos muss nicht wie früher alle fünf Jahre eine Schau machen, auf die er zehn Jahre lang hingearbeitet hat. Heute ist der Druck groß, ständig neue, erfolgreiche Ausstellungen zu machen, mit zu wenig Vorbereitungszeit.
Wir müssen uns auf unsere eigentliche Aufgabe zurückbesinnen: die Pflege und Vorstellung unserer Sammlung.
Also möchten Sie weg vom Museum als Teil der Unterhaltungsindustrie?
Wir sind keine Industrie, aber auch keine reine Erziehungsanstalt.
Es kommt hier auf die richtige Balance an.
Brauchen Sie einen höheren Ankaufsetat?
Wir brauchen immer Geld.
Aber muss die Sammlung denn ständig wachsen?
Nein. Natürlich sage ich nicht nein, wenn mir in einem Jahr fünf große Werke angeboten werden. Aber es stört mich auch nicht, wenn wir in einem Jahr gar nichts erwerben. Wir müssen natürlich Lücken stopfen, etwa deutsche Kunst vor allem des 19. Jahrhunderts.
Was fasziniert Sie so sehr an den Alten Meistern?
Es ist aufregend, wenn einem klar wird, dass ein Gemälde, das mit Mitteln und Fertigkeiten hergestellt wurde, die verloren gegangen sind, trotzdem aktuell sein kann, weil es Ideen, Gefühle transportiert, die einen heutigen Besucher direkt ansprechen. Dieses Erlebnis möchte ich im Museum vermitteln.
"Ich bin gegen zehn Monet-Ausstellungen im Jahr": Nicholas Penny, Direktor der Londoner National Gallery
