Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 42-49

Die Innovationsmaschine

Von Barbara Hein

Das Architekturbüro Klein Dytham ist das Zentrum des kreativen Undergrounds von Tokio - und sendet von dort Impulse aus, die wie ein Lauffeuer um die Welt gehen

Die Wolkenkratzer des Roppongi- Hills-Viertels recken sich in den Abendhimmel von Tokio, als versuchten sie nach frischer Luft zu schnappen. Mehrgeschossige Autobahnbrücken winden sich auf Betonpfeilern um die Häuser. Unten auf den Straßen ver schmelzen die Lichter der allabendlichen Autolawine mit der Leuch t - re klame, die auf den Fassaden em porwuchert.

Ebenso voll wie die Fahrbahn sind auch die Bürgersteige: Am Tag locken Gucci, Chanel oder Louis Vuitton die Leute an, in der Nacht Restaurants, Clubs und Bars.

Einen der angesagtesten Clubs, das "SuperDeluxe", betreiben zwei Architekten: die Kosmopolitin Astrid Klein - Tochter deutscher Eltern, geboren in Italien, Schule in Frankreich, Studium in Großbritannien - und der Brite Mark Dytham aus der Gegend von Milton Keynes. Sie lernten sich beim Studium am Londoner Royal College of Art kennen, gingen 1988 nach Japan, arbeiteten für den Architekten Toyo Ito und gründeten 1991 ihr eigenes Büro: Klein Dytham architecture, mit dem sie alles von der Hochzeitskapelle übers Badehaus bis zum Flagshipstore realisieren. Diese Bandbreite ist charakteristisch für Klein und Dytham, die über sich selbst sagen, dass ein Projekt sie reizt, wenn es mit nichts vergleichbar ist, was sie schon mal gemacht haben. So ließen sie sich darauf ein, auf einer engen Grundfläche von rund zweieinhalb mal elf Metern ein Haus zu errichten, das sie "Billboard Building" (2005) nennen. Tatsächlich hat das schmale Haus im Zentrum von Tokio etwas von einer Plakatwand. Die zweigeschossige Glasfassade ist eine weiße Fläche, die seitlich auslaufend immer mehr von einem Bambushainmotiv durchbrochen wird. Die Freiflächen gewähren einen Blick ins Innere, wo man zwei über eine Treppe verbundene Ebenen erkennt. Der Schmuckdesignerin Masako Ban, Ehefrau des Architekten Shigeru Ban, hat das Haus so gut gefallen, dass sie dort mit ihrem Laden einzog.

Florale Motive ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das Klein-Dytham- OEuvre, so auch bei dem Projekt "Sin Den" (2007). Ein Friseurpärchen wollte ein Wohnhaus mit Salon, das die Botschaft aussendet: Hier geht es nicht ums Spitzenschneiden, sondern um Stilstatements. Klein und Dytham entschieden sich für starke grafische Kontraste und entwarfen ein pechschwarzes Haus, auf das sie verspielte, schneeweiße Motive applizierten, die auch die Fenster nicht aussparen.

Diese kleinen Verstöße gegen Konventionen spiegeln das Firmenmotto:

"Think outside the box." Und so überrascht es nicht, dass sich eine Garage für Luxusautos ("Vrooom!", 1999) in demselben Portfolio befindet wie ein traditionelles japanisches Badehaus ("Moku Moku Yu", 2006) und ein dschungelartig begrünter Bauzaun ("Green Green Screen", 2003).

Und weil die beiden Mittvierziger zu energiegeladen für nur einen Job sind, haben sie 2003 kurzerhand das "SuperDeluxe" eröffnet, in dem sie von Experimentalpop über Filmsessions bis zu Performances alles veranstalten, was ihnen gefällt. "Wir brauchten einen Ort mit entspannter Atmosphäre, um Freunde zu treffen und neue Leute kennen zu lernen", erzählt Klein. "So kamen wir auch auf die Idee zu den Pecha-Kucha-Nights. Wir wollten ein Ideenforum mit Witz und Action." Heute findet das zum 48. Mal in Tokio statt, um genau 20 Uhr 20, denn diese Zahl ist Programm bei "Pecha Kucha", was auf Japanisch so viel heißt wie "wirres Geplapper".

Jeder, der mitmacht, hat 20 Bilder, um sein Projekt auf den Punkt zu bringen - mit Mikro vor der Menge, während die Bilder unaufhaltsam im 20-Sekunden-Takt an die Wand geworfen werden. Trotz des vielen nackten Betons wirkt der Raum durch indirektes Licht und viele gepolsterte Sitzquader einladend. Die Atmosphäre ist fast schon familiär, Astrid Klein und Mark Dytham kennen viele persönlich, laufen herum, umarmen, begrüßen.

Sie ist schlank, hat kurzes graues Haar und trägt schwarze Lederhose zu weißer Rüschenbluse. Ihr Lachen übertönt immer wieder das Stimmengewirr. Er, der ein wenig aussieht wie der junge Jack Nicholson, hat sich zu ein paar Leuten gesetzt.

Während er etwas isst und Bier trinkt, erzählt Mark Dytham: "Uns sind ganze Environ ments am liebsten, bei denen wir alles von der Dachkonstruktion bis zum Sitzkissen machen." Eines dieser Projekte war die Gestaltung der neuen gemeinsamen Räume der Werbeagenturen TBWA und Hakuhodo. "Die Kunden wollten Loftatmosphäre, aber in Tokio gibt es kaum alte Fabrikgebäude.

Zum Glück fanden wir eine leer stehende Bowlinghalle." Die Bauherren verlangten kommunikative Räume, und "Klein Dytham" entwarf eine Kleinstadt. Das Zentrum ist ein Platz mit Café und Bäumen. Konferenzräume und Chef-Büros stehen frei wie kleine Häuser, auf einigen Dächern laden grüne Teppichflächen zum Niederlassen ein, dazwischen sind Parzellen mit den Schreibtischen für die Angestellten. "Bei aller Offenheit wollten wir den Leuten ihre Pri - vat sphäre lassen", erklärt Dytham.

Mittlerweile ist das "SuperDeluxe" mit etwa 350 Gästen fast voll, und Astrid Klein steht im Scheinwerferlicht.

In fließendem Japanisch begrüßt sie alle und verkündet, dass es "Pecha Kucha" nun in 110 Städten weltweit gibt: von Bern über Bogotá bis nach Berlin und Bangalore. "Und wir machen keine Werbung!" Dann geht es los: Eine junge japanische Künstlerin fotografiert Leute, die bei sich zu Hause in einen Spielfilm vertieft sind.

Dann kommt der erste Ausländer, ein Deutscher, der erforscht, wie man Computer benutzerfreundlicher machen kann. Der nächste ist ein japanischer Designer, er spricht von seiner Sucht nach Erdbeergelee und wie daraus erst eine Brille, dann ein Anzug und schließlich eine Serie von Hockern für die Firma Koziol entstand.

Ein paar Tage später beim Interview im Büro sagt Mark Dytham, dass ihm der "Jelly Man" gefallen habe, weil er den Weg von einer absurden Idee zu einem seriösen Produkt gezeigt hat.

Dann erzählt er von ihrem ungewöhnlichsten Projekt. "Ich hätte nie gedacht, dass wir mal eine Hochzeitskapelle bauen würden." Sie gehört zu einem Hotel zwei Autostunden außerhalb von Tokio. Der Inhaber hoffte, damit mehr Gäste anzulocken. Das Ergebnis ist ein muschelartiger Pavillon aus Glas und Stahl, der von einem floralen Muster durchbrochen wird. Während der Trauung fällt das Licht wie durch einen weißen Schleier in den Raum.

Am Ende der Zeremonie öffnet sich hydraulisch die Vorderseite und entlässt die Gäste in den Garten.

Auf die Frage, wie man sich als Europäer in der fremden japanischen Kultur behaupten könne, antwortet Astrid Klein: "Japan ist perfekt für Architekten, weil das Verständnis von 'alt' und 'neu' so anders ist. In Europa ist 'alt' gut und 'neu' unheimlich.

Japaner hingegen sind versessen auf Neues. Wenn wir zu einem Kunden gehen und sagen, dieses Material wurde noch nie eingesetzt, gibt der keine Expertise in Auftrag, sondern sagt: 'Großartig, dann sind wir die Ersten!'" Mit diesem Pioniergeist und dem spielerischen Umgang mit Mustern und Farben haben sich Klein und Dytham in den vergangenen 17 Jahren eine ausgewählte Fangemeinde erworben - die vor allem auch ihren Humor schätzt. Als etwa die Flagshipstores auf der berühmten Shoppingmeile "Ginza" immer aufwändiger wurden und Chanel sich auf voller Front mit einem hochauflösenden Videoscreen ummantelte, versah das Büro die Filiale des Modelabels "Uniqlo" mit 1000 großen, quadratischen Leucht elementen. Das Ergebnis: der charmant-ungelenke Look grobpixeliger Tetris-Grafik - das perfekte Statement für die preiswerte, unkomplizierte Mode von Uniqlo.

Bei der 48. "Pecha Kucha Night" ist nun "Beer Break". Leute, die sich vorher nicht kannten, reden angeregt miteinander. Naoki Terada, der "Jelly Man", erzählt, dass er schon zum zweiten Mal mitgemacht hat und die lockere Atmosphäre mag: "Viele Leute werde ich bestimmt hier oder in einem anderen Club wieder treffen, vielleicht ergibt sich daraus ja jobmäßig was - oder privat." Ein "Pecha Kucha"-Veranstalter ist sogar aus Montreal gekommen.

Es sei sein Traum gewesen, einmal beim Original in Tokio dabei zu sein, erzählt er. "Wir haben mit dieser Lawine nicht im Geringsten gerechnet", erzählt Astrid Klein, und dass es gerade eine Anfrage von einer großen internationalen Firma gebe, die gern als Sponsor mit ins Boot möchte. "Mit deren Geld möchten wir ausgewählte Projekte fördern. Wir denken an Stipendien von mehreren Tausend Euro als Starthilfe für die nächste Generation von Freigeistern." Internet: www.klein-dytham.com

Sehen Sie mehr Bilder aus dem "SuperDeluxe": www.art-magazin.de/pechakucha

Pecha Kucha ... ... heißt auf Japanisch so viel wie "wirres Geplapper" und ist ein lockeres Ideenforum: Jeder kann mitmachen und ein Projekt vorstellen - und zwar in 20 Bildern à 20 Sekunden. Diese Bildfolge hat Naoki Terada bei der 48. "Pecha Kucha Night" in Tokio präsentiert. Sie zeigt, wie seine Sucht nach Erdbeergelee ihn zu zu einer Serienproduktion von Hockern für Koziol inspirierte.

Hingucker: Das "Billboard Building" hat eine extrem schmale Grundfläche von nur rund 2,5 mal 11 Metern

Verspielte Verstöße gegen Konventionen: Florale Grafik überwuchert die Fassade und die Fenster des "Sin Den" (2007)

Mit dem 274 Meter langen hängenden Garten (oben) versteckten Klein Dytham architecture eine Baustelle von Tadao Ando hinter Pflanzen und Ornamenten (unten)

"Wir machen alles: Garagen, Hochzeitskapellen, Bauzäune, Badehäuser"

Pecha Kucha ging wie ein Lauffeuer um die Welt - ganz ohne Werbung

Elektro-Retro: Die "Uniqlo"- Filiale auf der Ginza erstrahlt mit charmantungelenker

Grafik

Ein Büro wie ein Dorf: Die Kunden wünschten kommunikative Atmosphäre in der alten Bowlinghalle

Das Architekten- Duo Astrid Klein und Mark Dytham ist süchtig nach Neuem - und damit goldrichtig in Tokio

"Uns gefällt der Weg von einer absurden Idee zum seriösen Produkt"