Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 62-68

Die Raumforscherin

Von Elke Buhr

Auf der letzten Biennale von Venedig gelang Monika Sosnowska der Durchbruch. Mit ihren verwirrenden, klugen Skulpturen erkundet die polnische Bildhauerin die Wirkung von Räumen auf Menschen. Das Schaulager bei Basel zeigt ihre Arbeiten

Wie hat sie das nur hinbekommen? - das war das Erste, was einem durch den Kopf schoss, als man Monika Sosnowskas polnischen Pavillon bei der jüngsten Biennale von Venedig betrat. In dem entkernten Ausstellungsbau aus den dreißiger Jahren steckte ein Stahlgerüst, verbogen und zerdrückt, als hätten ein Riese kräftig draufgehauen - und immer noch wollte es kaum in seine Hülle passen. Sosnowska hatte das Skelett eines modernistischen Fertigbaus, wie ihn die Fabriken in Osteuropa in den sechziger und siebziger Jahren massenweise ausgestoßen hatten, in den polnischen Pavillon gequetscht.

Klassisch repräsentative Architektur kämpfte gegen Massenmoderne, eine vergangene Utopie gegen die nächste, und den Ausgang ließ die Künstlerin augenzwinkernd offen:

"1 : 1", so lautete der Titel der spektakulären Arbeit. Derart clever und überzeugend hat künstlerische Architekturkritik anderswo auf dieser Biennale nicht stattgefunden.

Aber wie hat sie das gemacht?

Noch heute entschlüpft der sonst so fröhlichen Sosnowska ein Seufzer, wenn sie an das komplizierte Projekt denkt. Ironie der Geschichte: Ohne die rasante De-Industrialisierung, die Polen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erlitten hat, wäre diese Arbeit gar nicht möglich gewesen.

Ein Ingenieur in einer stillgelegten Fabrik für Fertighäuser in der Nähe von Warschau, wo immer noch ein Teil der früheren Belegschaft kleine Werkstätten hat, hatte die Zeit und das Wissen, ihr zu helfen. "Das Hausgerüst wurde komplett in dieser Fabrik gebaut, mit großen Maschinen gequetscht, demontiert und in Venedig wieder aufgebaut. Das war die auf wändigste Arbeit, die ich je gemacht habe.

Aber am Ende hat es funktioniert!" Sie waren bestimmt ein interessantes Duo: die mädchenhaft schmale junge Künstlerin und der Ingenieur im Pensionsalter, der in den Sechzigern selbst noch an der Entwicklung moderner Architektur in Polen beteiligt war. Das unnostalgische Interesse der 35-Jährigen für die Relikte der Sozialistischen Moderne wird ihm gefallen haben. Denn eine konstruktive Aus einandersetzung mit diesem Erbe ist selten im heutigen Polen. Die Hauptstadt Warschau ist in einem echten Modernisierungsrausch: Die alten Prachtstraßen des Sozialismus werden täglich mit neuen, blinkenden Leuchtreklamen überzogen, und Shopping- Center entstehen an jeder Ecke. Der Kulturpalast im stalinistischen Zuckerbäckerstil, bizarres Zentrum der Stadt, bekommt ein von Daniel Libeskind entworfenes Pendant in gleicher Höhe, dessen schicke Wohnungen allerdings nicht dem Volk, sondern den Gewinnern des polnischen Wirtschaftsbooms gehören sollen.

"Die Stadt ist sehr dynamisch, es gibt Pioniergeist, das ist einerseits gut", kommentiert Monika Sosnowska, "aber es ist auch gefährlich. Der Kapitalismus wächst sehr schnell, und die Gesellschaft will schnell konsumieren.

Die sozialistische Vergangenheit möchte man dabei vergessen und ihre Relikte loswerden. Ich finde aber, wir sollten die Monumente der Vergangenheit nicht einfach entsorgen, denn dann steigt die Gefahr, dass man Fehler wiederholt. Außerdem gibt es auch wirklich gute Beispiele moderner Nachkriegsarchitektur hier in Polen", fügt Sosnowska hinzu, "vieles wird gerade zu Unrecht abgerissen, oder noch schlimmer, es wird verhunzt.

Zur Zeit bekommen ganze Viertel von Wohnblöcken in Warschaus Vorstädten von Investoren neue, bunte Hüllen verpasst, man fühlt sich plötzlich wie auf einem Kinderspielplatz, und der ganze Charakter dieser Viertel ist verschwunden!" Kurz hat sich Monika Sosnowska in Rage geredet über den gebauten Billigkitsch in Warschau, dann lacht sie unter ihrer braunen Ponyfrisur über sich selbst: Es soll ja um ihre Kunst gehen. Doch man muss um dieses Engagement wissen, um zu verstehen, warum sie und auch andere der erfolgreichen polnischen Künstler ihrer Generation wie Wilhelm Sasnal oder Artur Zmijewski bewusst nicht dem Ruf des internationalen Marktes folgen und nach New York, London oder auch Berlin gehen, sondern hier in Warschau bleiben. Sie wollen im Auge behalten, was sonst niemand mehr sieht, sie sehen eine gesellschaftliche Aufgabe für die zeitgenössische Kunst, sie wollen in einer Zeit historischer Diskontinuität die feinen Verbindungskanäle schützen, die aus der Gegenwart zu den historischen Avantgarden Osteuropas führen.

Den klaren Blick für diese Zusammenhänge und auch für ihren eigenen Weg in der Kunst hat Sosnowska allerdings erst aus der Entfernung gewonnen, als sie nach dem Studium in Poznan´ 1999 ein Stipendium an der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam wahrnahm. Dort erst ließ die klassisch ausgebildete Malerin die Leinwände stehen und begann, sich mit dem Raum zu beschäftigen. "Bon Voyage" hieß ihre erste Installation, die sie so lange in ihrem Atelier wuchern ließ, bis der Raum voll war: eine Art Labyrinth aus Wänden und Zimmerfragmenten, die Orten aus ihrer persönlichen Geschichte nachempfunden waren. "Ich wollte einen Raum schaffen, der gleichzeitig real und imaginär ist. Das ist bis heute so: Der Raum allein ist nicht der Punkt. Ich will Atmosphären schaffen, herausfinden, wie Räume und Emotionen zusammenspielen", erzählt Sosnowska.

Deshalb muss man sich hineinbegeben in Sosnowskas Räume, man muss sie durchmessen und benutzen, damit sie ihre Wirkung entfalten. Für die Manifesta 4 in Frankfurt am Main 2002 baute sie ein Ensemble identischer Räume, die mittels zahlreicher Türen miteinander verbunden waren, so dass man sich endlos in ihnen verlieren konnte, ohne jemals etwas Neues zu finden. Der grüne, schmutzabweisende Anstrich der Zimmer versetzte auch die, die niemals einen Tag in polnischen Amtsfluren verbringen mussten, in leicht klaustrophobische Stimmung. Genauso wie in ihrer Installation "Corridor", wo man durch einen Gang geschickt wurde, der immer niedriger und enger zulief - wer die Tür am Ende erreichen wollte, musste kriechen. "Ich will den Leuten nicht wirklich Angst machen. Aber mich interessiert dieser Moment von Unsicherheit", sagt Sosnowska.

Die höhlenartigen Gänge, die sie 2004 für die Serpentine Gallery schuf, waren dagegen aus freundlichen, hellbraun gestrichenen Holzfaserplatten: eine komplexe Welt ganz aus schiefen Winkeln und rasanten Diagonalen, mit überraschenden Lichtöffnungen und Ein- und Ausblicken an jeder Ecke. Die Referenzen zum russischen und polnischen Konstruktivismus und zur expressionistischen Architektur der zwanziger Jahre sind in dieser Arbeit unübersehbar, genauso wie bei "The Tired Room", den sie 2005 für das Sigmund-Freud-Museum in Wien baute: ein Verwirrspiel der Perspektiven, mit Wänden, die schräg ineinander zu fallen scheinen, und einer Lampe, die nicht mehr weiß, wo die Schwerkraft sie eigentlich nach unten ziehen soll.

Ist das Architektur? Ist das Skulptur?

Seit ihrer Rückkehr aus Amsterdam nach Warschau hat Monika Sosnowska sich intensiv mit denjenigen beschäftigt, die sich diese Frage vor ihr gestellt haben, unter anderen mit der weitgehend vergessenen polnischen Bildhauerin Katarzyna Kobro, die in den zwanziger Jahren des 20.

Jahrhunderts "Räumliche Kompositionen" schuf, die konstruktivistische Formen ins Dreidimensionale entwickelten.

Aber mit ihrer Verbindung von abstraktem Formalismus, konkreten architektonischen Referenzen und emotional sensibler Imagination ist Sosnowska gleichzeitig ganz im Hier und Jetzt.

In ihrer Installation "Loop" im Kunstmuseum Liechtenstein hat sie diese Verbindung noch einmal auf den Punkt gebracht. Anstatt in den White Cube, schickte sie die Ausstellungsbesucher in einen strahlend weißen Gang mit spitzen Winkeln, der sich mehrfach verzweigte, so dass man endlos in ihm durch das Museum kreisen konnte. Nur wenn man die richtige Tür fand, trat man plötzlich in den Ausstellungsraum, sah den Gang von außen und fand Bilder aus der Museumssammlung an der Wand:

"Das waren größtenteils gegenständliche Bilder aus verschiedenen Epochen, sehr emotional - als Abbild der intensiven Vorstellungskraft, die auch auf der Projektionsfläche des weißen labyrinthischen Ganges innere Bilder schaffen kann", erzählt Sosnowska.

Für "Loop" hat Sosnowska eng mit einem der Architekten des Museums zusammengearbeitet, dem Schweizer Christian Kerez. Der wird nun auch das neue Museum für zeitgenössische Kunst bauen, das voraussichtlich 2012 direkt neben dem verschnörkelten Kulturpalast in Warschaus Innenstadt entstehen soll. Kerez' Entwurf versucht nicht, den stalinistischen Protz zu übertrumpfen, sondern orientiert sich lieber an den glatten, modernistischen Kuben einiger Kaufhäuser aus den sechziger Jahren gegenüber. Es könnte also ein Museum nach Sosnowskas Geschmack werden; sie ist sicher, dass die junge Warschauer Szene es mit Leben füllen wird: "Wir sind auch alle ein bisschen Pioniere. Wir müssen in dem neuen Museum in mehrere Richtungen arbeiten:

Für das Erbe der Avantgarde, für die Gegenwart und für die Zukunft." Das sagt Monika Sosnowska und nippt noch einmal an ihrem Cappuccino.

Draußen vor dem Café reißen schon wieder die Bagger die Straße auf.

Ausstellung: Andrea Zittel, Monika Sosnowska.

1 : 1, Schaulager, Basel/Münchenstein, 26. April bis 21. September. Internet: www.schaulager.org Katalog: zirka 30 Franken. Galerien: Foksal Gallery Foundation, Warschau, www.fgf.com.pl; Galerie Gisela Capitain, Köln, www.galerie-capitain.com Literatur: Monika Sosnowska. Loop. Verlag der Buchhandlung Walther König 2007, Deutsch/ Englisch. Monika Sosnowska. Venedig, Biennale - Polnischer Pavillon - 1 : 1. Verlag der Buchhandlung Walther König 2007, Englisch/Polnisch

Lebt in Warschau, arbeitet weltweit: Monika Sosnowska (Porträt: Tadeusz Rolke)

Geniestreich auf der Biennale von Venedig 2007: Installation "1 : 1" im polnischen Pavillon

Alptraumkulisse wie im expressionistischen Film: Installation "The Tired Room", 2005 im Wiener Sigmund-Freud-Museum

"Warschau ist sehr dynamisch, es gibt Pioniergeist, das ist einerseits gut - aber es ist auch gefährlich"

Zerknüllter Metallwürfel im Betonareal, ohne Titel, 2006 im Sprengel- Museum Hannover

Skulptur als Verwirrspiel im Raum: Der "Korridor" auf der Venedig-Biennale 2003 wurde schnell niedrig und schmal. Die Installation "Loop" (unten, 2007 im Kunstmuseum Liechtenstein) bildete ein fast geschlossenes Labyrinth mitten im Museum

"Ich wollte einen Raum schaffen, der gleichzeitig real und imaginär ist.

Ich will Atmosphären schaffen"

Konstruktivistische Kunst in drei Dimensio nen: Skulptur ohne Titel, 2004 in der Londoner Serpentine Gallery

Endlose Amtsflure als Sinnbild für Bürokratie: Installation auf der Manifesta 4, 2002 in Frankfurt am Main

"Ich will den Leuten nicht wirklich Angst machen, aber mich interessiert dieser Moment von Unsicherheit"