Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 60-61
Verführung durch Geheimnis
Von Hans-joachim Mller
Sechsstellige Besucherzahlen melden die Museen für Ausstellungen von Matthias Grünewald und Lucas Cranach d. Ä. Woher kommt dieser plötzliche Ansturm auf die Alten Meister, die früher als eine Liebhaberei von Kunstsachverständigen galten? Steht es um die Bildung doch nicht so schlecht wie vermutet?
Denken wir also über den Erfolg nach. Denn es war ja so: An guten Tagen hat die verzagte Seele schon auf den Treppenstufen schlappgemacht. Da stand man endlich vor dem Sehnsuchtsziel, hatte der Bahn ordentlich was in die Streikkasse gelegt und musste feststellen, dass der Mitmensch einige Züge früher eingetroffen war. Man würde lange und geduldig warten müssen, und es wäre oben in der Ausstellung ganz und gar nicht sicher, dass man des allerdurchsichtigsten Tüchleins ansichtig würde, das Frau Venus vor sich hält. Hätte man doch lieber zu Grünewald nach Karlsruhe, nicht gleich zu Cranach nach Frankfurt am Main fahren sollen? Der Mitmensch hätte auch dort seinen Platz in der Schlange verteidigt.
Was ist los - mit uns, mit den Anderen? Bei den Altmeistern waren wir früher fast immer allein. Die Anderen waren fast immer woanders. Ist auf gar nichts mehr Verlass? Freilich, wenn in einer Tageszeitung steht, dass es sich beim seligen Cranach um einen Superstar handelt, dann zwängt man sich umso lieber wie rund 200 000 andere Besucher durchs Städelportal.
Die Museen haben gelernt, dass es nicht verboten ist, etwas Show zu machen. Aber kann Marketing dazu verführen, alle Opfer des Massentourismus auf sich zu nehmen, um endlich vor den schmerzsteifen Händen des Gekreuzigten zu stehen?
Natürlich müsste man Fall für Fall untersuchen. Cranach ist nicht nur ein wunderbar diesseitiger Maler, er ist ein um stän deloser Alleskönner und ein selten unver quäl ter Erotiker. Wer das nicht ge wusst hat, sah's hier mit Staunen und Vergnügen. Um Grünewald wiederum ist das Ge heimnis nie ganz verflogen. Wer das nicht geglaubt hat, dem ist das Geheimnis nur noch geheimnisvoller ge worden. Was soll man also sagen? Soll man sagen, wo ein Event versprochen ist, da nimmt die Ballungsbereitschaft des Publikums selber Eventcharakter an? Man hat ja erst vor ein paar Monaten erlebt, wie die Feuilletons die Documenta zum Ärgernis niedergeschrieben haben und wie sie dann doch wieder die erfolgreichste aller Zeiten wurde. Bei den Alten Meistern indes ist solche Unbotmäßigkeit gegenüber der Kritikerempfehlung bis dato nicht beobachtet worden.
Könnte es sein, dass jetzt auch die alten Bilder mit ihren abgelegten, immer unverfügbarer werdenden Stoffen im triumphalen Zeitdesign aufgehen, dem Lebensgefühl zugeschlagen werden? Jedenfalls wäre es fatal, wenn man die Cranach- und Grünewald- Umarmung als Votum gegen die Gegenwartskunst verstünde, schon gar als Votum gegen die unheilige Gegenwartskunst.
Skepsis ist angebracht, ob die jähen Suggestionen mit dem gewachsenen Bedürfnis nach Spiritualität zu tun haben. Wenn es diese neue Spiritualität tatsächlich gibt, dann erkennt und erfährt sie sich kaum mehr in den abgetanen Symbolen.
Den Alten Meistern ging immer der Ruf der Expertenkunst voraus.
Zu sehr schienen sie ins ferne Wissen verstrickt, um sie einfach als sinnliche Ereignisse erleben zu können. Die biblischen oder antiken Geschichten waren wie Wortschatz und Grammatik einer fremden Sprache. Man hat sie studieren müssen, um diese Sprache ein wenig mitsprechen zu können.
Weshalb der alten Kunst lange die Last des Bildungsgutes anhing, dessen Erwerb bedenkliche Kinderund Jugendarbeit voraussetzt. Nun hat man die Last bekanntlich abgelegt, und keiner muss sich mehr mit dem Wissen um die Geschichte von Tobias und dem Engel plagen. Der Engel ist auf und davon, und vom zeitgenössischen Tobias darf man erwarten, dass er bei halbleitenden Nanoröhrchen Bescheid weiß und gründlich darüber aufgeklärt ist, wie man mit Futures handelt, ohne Milliarden zu verlieren. Selbst im Ethikunterricht hat er nie davon gehört, dass bei brennenden Dornbüschen Gottesverdacht bestehen könnte.
Kein Grund, gleich um den Fortbestand des Abendlandes zu fürchten.
Dass es Spaß machen könnte, die seltsamen Heiligen an ihren Attributen zu identifizieren, ist das eine. Das andere aber doch, dass über der Inversion des klassischen Bildungshorizonts eine ganz neue Freiheit im Umgang mit den alten Bildern erwachsen ist.
Erst jetzt womöglich beginnt man zu ahnen, wie viel Gegenwart tatsächlich in der Vergangenheit steckt. Nicht unwahrscheinlich, dass die alten Rätselbilder ganz ähnlich erlebt werden wie die surrealistischen Flashs, die heute überall im Kunstbetrieb aufblitzen.
Niemand stört sich ja daran, dass man nicht so genau versteht, was auf Neo Rauchs Bühnen geschieht, dass man nicht weiß, was man von dem seltsamen grünen Gnom zu halten hat. Ihre Undurchsichtigkeit ist ja gerade der Kitzel, der den jungen Bildern zu ihrer Favoritenrolle verholfen hat. Und derart trainiert, hat das zeitgenössische Auge auch mit Grünewald kein Problem und nimmt es gelassen hin, dass einem niemand er - klärt, warum Außerirdische an der Jenseitsschwelle Schuppenkleider tragen.
Auf ganz eigentümliche Weise fügen sich die alten Bilder, die im Weihe raum Museum ja nie vollends den Zauber ihrer sakralen oder aristokratischen Herkunft verloren haben, in die Bildermächtigkeit der zeitgenössischen Kunst. Und im Spiegel der auratischen Auftritte junger Malerei gewinnen sie eine Vertrautheit, wie sie ihnen vielleicht nie eigen war.
Dabei ist es noch nicht so lange her, dass das avancierte Bewusstsein den Bildern auf immer misstrauen wollte und den Malern empfohlen war, dringend umzuschulen - da mussten sich die greisen Meister noch mit ihren starken Geschichten und der Würde ihres Alters legitimieren. Heute brauchen sie keinen Denkmalschutz mehr.
Judith mit dem blutigen Schwert ist einfach gute Unterhaltung. Und wenn man dem Fräulein tief in die frechen Augen schaut, dann könnte es immerhin sein, dass sie schon zu Cranachs Zeiten ohne viel An teilnahme ihren Theaterjob verrichtet hat.
Termine: Cranach, Royal Academy of Arts, London, bis 8. Juni. Matthias Grünewald, Kupferstichkabinett, Berlin, bis 1. Juni.
Vorbei mit der klosterhaften Ruhe:
Menschenmassen vor und auf den Bildern Alter Meister (hier Lucas Cranachs d. Ä. so genannter "Torgauer Altar" von 1509) in der Schau im Frankfurter Städel
"Im Spiegel der auratischen Auftritte junger Malerei gewinnen die Alten Meister eine ganz neue Vertrautheit"
Hans-Joachim Müller
