Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 28-41
Trainingslager der Hochkunst
Von Mirja Rosenau, Tinka Dietz, Frank Dietz
In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Vom Club in einer Kiezwohnung bis zum international beachteten Ausstellungshaus besitzen diese kulturellen Bürgerinitiativen die unterschiedlichsten Auftritte. Eine Reportagereise zu den Pfadfindern der zeitgenössischen Kunst
Auf der Reeperbahn 83, zwischen Würstchenbude, Burger King und 24-Stunden- Getränkesupermarkt, weist ein unscheinbares Klingelschild auf eine versteckte Einrichtung hin - den "Kunstverein St. Pauli". Ein Etablissement mehr oder weniger exklusiv für Mitglieder: Durch die Gegensprechan lage wird erst einmal ein Türcode ab gefragt. "Wir können hier mitten auf dem Kiez natürlich nicht einfach ein Schild aufstellen: Kommen 'se alle rein!", sagt Malte Struck, der den Verein hier seit Ende 2006 mit sechs Freunden in der gemeinsamen Wohnung betreibt.
Der kleine Club ist eine der jüngsten Neugründungen in einer Landschaft von Kunstvereinen, die es in die ser Form nur in Deutschland gibt:
Rund 250 Mitgliedsinstitutionen verzeichnet die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV); von Untergröningen über Hannover bis Bremerhaven werden jährlich über 2000 Ausstellungen von ihnen organisiert. Über 120 000 Kunstvereinsmitglieder machen sich regelmäßig in Reisegruppen zu Ausstellungshighlights rund um den Globus auf: aus Neu hausen/Fildern zur Istanbul-Bienale, aus Zwickau zum Hochschulrundgang nach Leipzig. Sie holen internationale Kunststars in die Seegeniederung Gartow und senden von Heidelberg künstlerische Impulse nach Dubai und Caracas aus. Einige Kunstvereine haben eigene Sammlungen, andere noch nicht einmal feste Räume, es gibt Verbände, deren Jahresbudget bei anderthalb Millionen Euro liegt, andere haben ihr Programm aus 250 Euro zu bestreiten. "Die Kunstvereine", erklärt die ADKV-Vorsitzende Leonie Baumann, "sind so heterogen wie die Menschen, die in ihnen organisiert sind." Zu verbinden scheint sie zunächst kaum mehr als das deutsche Vereinsrecht:
Mindestens sieben Bürger braucht es demnach, die sich für ein gemeinsames, in einer Satzung festgelegtes Interesse engagieren - in den Kunstvereinen interessiert man sich für eine gemeinnützige Förderung und Vermittlung zeitgenössischer Kunst.
Eine Erfindung des frühen 19. Jahrhunderts, deren Attraktivität sich offensichtlich bis in die Gegenwart erhalten hat: Denn nicht nur auf der Reeperbahn haben sich aufbruchslustige Bürger zum Kunstverein zusammen geschlossen. Auch andernorts knüp fen Neugründungen an die Vereinstradition an: der seit 2004 im Berliner Brunnenviertel aktive Verein "artTransponder" etwa oder auch der ein Stück ehemaligen Mauerstreifens bespielende "KUNSTrePUBLIK e.V.".
Nicht nur wegen der attraktiven Rechtsform - Vereine dürfen Spenden annehmen, öffentliche Fördergelder beantragen, werden steuerlich begünstigt - wird das Kunstvereinsmodell gewählt. In St. Pauli etwa hat man sich auch seines Gemeinnützigkeitsideals besonnen: nämlich, so Malte Struck, "zeitgenössische Kunst ohne marktwirtschaftliche Interessen zu zeigen". Die Stiftung Kunstfonds hat vertrauensvoll 20 000 Euro Fördermittel in den jungen Pioniergeist investiert, die ADKV den Nachwuchs unter Applaus in die eigenen Reihen aufgenommen. Gilt es also, den deutschen Kunstverein als Erfolgs- und Zukunftsmodell zu feiern?
Denn auch in den etablierten Vereinen bricht sich rundum junger Idealismus Bahn. Ob in Berlin, Hannover, Düsseldorf, Köln, in Braunschweig, Karlsruhe, Heidelberg, in Frankfurt am Main und Stuttgart, Nürnberg und Bonn - überall arbeiten Kunstvereinsleiter mit einem Altersdurchschnitt um Ende 30 auf Tuchfühlung mit der aktuellen Szene. Nicht zuletzt stellen die Vereine Sprungbretter ins Kunstestablishment dar:
Neben Künstlerkarrieren, die hier an Fahrt aufnehmen, gehen mit hoher Zuverlässigkeit auch glänzende Kuratorenlaufbahnen aus den Kunstvereinen hervor. Ob Udo Kittelmann (designierter Direktor der Berliner Nationalgalerie), Stephan Schmidt- Wulffen (Rektor der Wiener Akademie der bildenden Künste) oder Nicolaus Schafhausen (Witte de With in Rotterdam), Barbara Steiner (Galerie für Zeit genössische Kunst in Leipzig), Heike Munder (Migrosmuseum in Zürich) oder Karola Grässlin (Staatliche Kunsthalle Baden-Baden) - sie alle haben ihr kuratorisches Profil auf diesem Versuchsfeld entwickelt, erweitert oder geschärft.
Man könnte also meinen, in den Kunstvereinen stünden alle Zeichen auf Erfolg. Wären da nicht die Mitglieder, die immerhin die tragende Säule jedes Vereinswesens sind: Die sterben nämlich langsam weg. Und Neuzugänge lassen sich leider nur schleppend verbuchen. "Schützen-", "Ziegenzucht-" oder "Män ner ge sangsvereine" trüben womöglich das Image.
Bereits das Wort "Verein", vermutet Carina Herring, Projektleiterin der ADKV, werde vielfach mit einer "aussterbenden Generation assoziiert".
Auch tun sich die langjährigen Unterstützer oft mit den umstürzlerischen Ansätzen ihrer neuen Direktoren schwer. Die zyklische Selbstverjüngung und das Aufbrechen eingefahrener Formen mag den Kunstvereinen zwar seit ihrer Gründung Programm gewesen sein: So emanzipierte sich im frühen 19. Jahrhundert ein neues Bürgertum von der Ständeordnung, indem es sich selbstbewusst an der Kunst erbaute, großzügig zeitgenössische Künstler förderte und aufklärerisch für Vermittlung sorgte. Aber angekommen im Zentrum der Gesellschaft sind die Rebellen von gestern oft die größten Verfechter des Status quo. Und so finden nachrückende Direktoren in ihren geschichtsträchtigen Institutionen häufig Strukturen vor, die Iris Dressler, die 2005 mit Hans D. Christ die Leitung des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart übernahm, vorsichtig als "verfestigt" und "schwierig" beschreibt: Im Kunstverständnis des alten Mitgliederstamms "kamen bestimmte Formen des Experimentierens mit künstlerischen oder kuratorischen Ansätzen nicht mehr vor".
Ein Blick in die jüngere Geschichte bestätigt dennoch die tröstliche Regel, dass die lähmendsten Krisen nicht selten Vorboten zukunftsweisender Veränderungen sind. Nachdem sich die Kunstvereine im Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang der Reaktivierung "Entarteter Kunst" gewidmet hatten, fragte 1971 die Wochenzeitung "Die Zeit": "Wie lange sind sie noch lebensfähig?" Da hatten im Kölnischen Kunstverein bereits Happenings und Fluxus gewütet; die Berliner Neue Gesellschaft für Bildende Kunst stellte Ausstellungen als "Kampfmittel für die Emanzipation" bereit. Und eine Riege junger Leiter - Uwe M. Schneede in Hamburg, Georg Bussmann in Karlsruhe, Klaus Honnef in Münster oder Wulf Herzogenrath in Köln - eröffnete eine neue Ära der Kunstvereinsarbeit. Mit gesellschaftskritischen Themensetzungen (etwa Kunst und Feminismus), dem Einsatz neuer Medien und Ausstellungsformate vertrieben sie zwar Hunderte ihrer Mitglieder. Gleichzeitig aber, so beteuert Herzogenrath, "traten mindestens ebenso viele neue ein".
Und wer, wie Dressler und Christ in Stuttgart, programmatisch "Reibungsfl ächen" und eine "offene Auseinandersetzung" sucht, wer riskiert, "klassische institutionelle Rahmenbedingungen auf kreative Weise überzustrapazieren", der handelt sich, in der Provinz wie den gro ßen Städten, neben neuen Freunden natürlich auch leidenschaftliche Gegner ein. "Wer die Nase raussteckt und Profil zeigt", weiß der Kunstvereinsveteran Wulf Herzogenrath, "wird sich immer Gegenwind holen." Davon kann der Verein "Freunde Aktueller Kunst" im sächsischen Zwickau ein Lied singen. Am wenigsten bedürfe man in Zwickau eines Vereins für aktuelle Kunst - mit diesen Worten begrüßte 1998 die lokale Presse die soeben gegründete Initiative.
"Wir hatten eine ganz klassische Anfangsschulung in zeitgenössischer Kunst zu leisten", sagt deren Mitinitia tor Klaus Fischer. "2001 konnte man in Zwickau zum allerersten Mal eine Performance sehen!" Und als Jonathan Meese 2003 Pornobilder in einer Installation platzierte, bescherten die lokalen Behörden dem Künstler noch einmal einen waschechten Kunstskandal. Überhaupt begegnen die Bürger der neuen Bundesländer dem Kunstvereinseifer offenbar eher verhalten.
Nur knapp 20 in ihrer Programmatik den westlichen Ausstellungshäusern vergleichbare Vereine haben sich seit der Wende im Osten gegründet. Zu fremd sind hier offenbar Vereinskultur und die Tradition des bürgerschaftlichen Engagements. Institutionen wie die ACC Galerie Weimar oder riesa efau in Dresden nehmen aber auch hier lokalkulturelle Schlüsselstellungen ein. Und in Zwickau wurde in zehn Jahren "härtester Kämpfe" viel Akzeptanz geschaffen. Doch der Mitgliederkreis, der sich hier wie in den meisten Westvereinen nach wie vor im Kern aus dem klassischen Bildungsbürgertum rekrutiert - laut einer Erhebung der ADKV engagieren sich vor allem Lehrer, Professoren, Juristen, Kulturschaffende, Künstler oder Kaufleute für Kunstvereine -, wächst nur schleppend. Immerhin weiß man in Zwickau prominente Mitglieder wie den Galeristen Judy Lybke oder den Mäzen Arend Oetker auf seiner Seite, fand auch mit einem Großprojekt zum The ma "Peripherie als Zentrum" breiten Zuspruch und wird durch die Bundeskulturstiftung ansehnlich subventioniert - doch der potenzielle Nachwuchs wandert davon unbeeindruckt in größere Städte und den Westen ab.
ADKV-Chefin Leonie Baumann betrachtet den Mitgliederschwund der Vereine als ein gesamtgesellschaftliches Problem: Konsumanreize gäbe es reichlich, ein Kunstverein aber verlange dem Einzelnen Engagement, wenn nicht sogar Verpflichtungen ab. "Man kann in unserer Gesellschaft überall Mitglied werden", sagt auch Chus Martínez, die seit Anfang 2006 den Frankfurter Kunstverein leitet, "im Supermarkt, bei der Lufthansa. Mitglieder verstehen sich heute vielfach als Kunden und fordern Dienstleistungen ein. Aber die Mitgliedschaft hier ist eine Zugehörigkeit. Man ist ein Unterstützer gewisser Ideen. Allerdings bekommt man auch viel zurück." Unter anderem erhält man freien Eintritt in allen Kunstvereinen der ADKV; eine Mitgliedschaft zahlt sich außerdem neben dem exklusiven Zugriff auf Künstlerjahresgaben durch Vorzugspreise auf Kataloge aus.
Häufig sind die Kunstvereine in ihrer Geschichte durchaus auch als pro fitorientierte Unternehmen aufgetreten:
Laut Satzungen als "Aktiengesellschaften" und "Losvereine" konzipiert, schütteten schon die ersten Vereine gemeinschaftlich angekaufte Kunstwerke im Losverfahren an ihre zwar philanthropisch gesinnten, doch deshalb nicht minder an materiellem Gewinn interessierten Mitglieder aus.
Die geldwerten Vorteile, die die Vereine auffahren, dürften im heutigen An gebot der Konsumanreize, der boomenden Kunstmessen wie der Treu epunkte und Bonusmeilen, längst nicht mehr konkurrenzfähig sein. Was sind dann aber die ureigenen Argumente, wo werfen die Kunst vereine ihre eigentlichen Profite ab?
Vermutlich gerade innerhalb der Nische, die ihnen die romantische Idee ihrer Gemeinnützigkeit schafft. Von einer "Lücke der Freiheit, für die wir kämpfen müssen" spricht emphatisch Chus Mar tínez, von einem "Laboratorium, in dem man das kritische Denken üben kann". Leonie Baumann schwebt eine "ruhige Landschaft gegenüber dem Kunstmarkt" vor: ein Gebiet, in dem Künstler jenseits von ökonomischen Zwängen Strategien entfalten können, die auch "Anregungen geben für anderes Leben, für andere Diskussionen, für Visionen, die vielleicht für uns alle nützlich sein könnten".
Nun sind aber gerade jene Kunstvereine wieder auf den Markt angewiesen, die ihren laufenden Betrieb hauptsächlich über Sponsorengelder bestreiten müssen - mit den Erträgen aus Mitgliederbeiträgen und staatlicher Unterstützung kommen nicht alle aus. Zum Beispiel in Frankfurt am Main: Nicht genug, dass man hier in der Akquise mit anderen populären Institutionen (der Schirn-Kunsthalle, dem Portikus) konkurrierte. Der im Bankenzentrum Fundraising betreibende Kunstverein bekommt darüber hinaus auch eine internationale Finanz- und Kreditkrise hautnah zu spüren: "In solchen Momenten sind Experimente am wenigsten gewünscht", klagt Chus Martínez, "die Leute wollen Sicherheit." Dabei könnte der Kunstverein gerade "in Zeiten der Unsicherheiten auf allen Ebenen", wie Marius Babias, Leiter des Neuen Berliner Kunstvereins, es zusammenfasst, "in denen die sozialen Systeme versagen und es immer weniger Verlässlichkeiten und Kategorien der Selbstvergewisserung gibt", eine Anlaufstelle für all jene sein, die dem Experiment einer Neuorientierung aufgeschlossen sind. Denn mittlerweile hat das Prekariat, mit dem die Kunstvereine seit ihrer Gründung (in Gestalt ungesicherter Künstlerexistenzen und -strategien) sympathisieren, natürlich auch Teile des sie tragenden Bürgertums erfasst.
So entwickelte nicht nur die NGBK in Berlin-Kreuzberg über mehrere Jahre Positionen zum Thema "Prekäre Perspektiven".
Auch in Neuhausen/Fildern durfte die Gruppe "Team Prekär" im Auftrag des Kunstvereins schon einmal Visionen entwickeln, in denen das Prekariat die Oberhand über das schwäbische Städtchen gewann (man präsentierte ein "Low-Budget"-Wohnmodell für künftige Senioren). Und nicht zuletzt trifft der junge Kunstverein St.
Pauli einen Nerv der Zeit, wenn er die "Selbstorganisation" von noch nicht durchgesetzten Künstlern und Kulturproduzenten zu seinem Hauptprogrammpunkt erhebt.
Was nicht bedeutet, dass man als Mitglied nicht auch hier Konsumanreize geboten bekäme: Neben der Teilnahme an "attraktiven Reisen" - die erste Kunsttour des Hamburger Vereins führte zum G8-Gipfel nach Heiligendamm - können Mitglieder auch vom "exklusiven Kaufrecht auf eines der seltenen Kunstverein-St.-Pauli-TShirts" profitieren (im Design "natürlich angelehnt an den berühmten Fußball- Verein").
Und wer sich an der Gegensprechanlage als kunstinteressiert zu erkennen gibt, wird natürlich auch ohne Türcode eingelassen.
Die neue Serie über Deutschlands Kunstvereine unter: www.art-magazin.de/kunstvereine
Westwendischer Kunstverein: Seit rund fünf Jahren bittet der Kunstverein im Ostzipfel Niedersachsens Künstler zu "Feldversuchen".
In der Seegeniederung am Rande von Gartow im Wendland durften bereits internationale Stars wie Mark Dion oder Henrik Håkansson den Landschaftsraum mit ihren Mitteln erkunden. Neben dem Freilandlabor bietet ein ehemaliger Kornspeicher des Gräflichen Gutes Quarnstedt Raum für Ausstellungen.
Projekte, die an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft angesiedelt sind, prägen das Programm. Gründungsjahr:
1988. Mitglieder: zirka 125. Jahresbeitrag: 48 Euro. Kontakt: www.westwendischerkunstverein.eu
Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine/ADKV: Die ADKV ist der Verein der Vereine: In dem 1980 gegründeten Dachverband sind rund 250 Kunstvereine organisiert. Unter dem derzeitigen Vorsitz von Leonie Baumann (rechts) und der Projektleitung von Carina Herring (links) vertritt die ADKV gemeinsame kulturpolitische Interessen, berät in administrativen Fragen und wertet eine Menge Zahlen aus.
Darüber hinaus lanciert sie eigene Initiativprojekte: von der Aktion "Kunstlandschaft Bundesrepublik", wo sich bereits 1984 deutsche Kunstvereine im Austausch vorstellten, hin zur Tagung "Kunst Werte Gesellschaft", die vom 16. bis 18. Mai in der Berliner Akademie der Künste stattfindet. Kontakt: www.kunstvereine.de
Kunstverein Hannover: Die Kunstvereine sind auch Orte persönlicher Profilierung und als solche attraktive Arbeitsstellen für junge Direktoren. Stephan Berg, 48 (rechts), der den Kunstverein Hannover seit 2001 mit Ausstellungen von Luc Tuymans, Gregory Crewdson, Marcel van Eeden oder Corinne Wasmuht zu internationaler Beachtung führte, wechselte ans Kunstmuseum Bonn. Ihm folgte René Zechlin, 33 (links), der bereits Kurator im Frankfurter Kunstverein war. Gründungsjahr:
1832. Mitglieder: knapp 1200. Jahresbeitrag: 41 Euro.
Kontakt: www.kunstverein-hannover.de
Kunstverein St. Pauli: Direkt auf der Reeperbahn laden seit 2006 sieben Freunde zu Ausstellungen, Konzerten und Partys in die eigene Behausung ein - das Wohnzimmer verwandelt sich dann im Handumdrehen zur Tanzfläche und die Küche zur Bar. Künstlern werden zweiwöchige Aufenthaltsstipendien geboten. Das inhaltliche Interesse richtet sich unter anderem auf Bereiche, in denen sich Kunst und Alltag überschneiden. Das Wandbild zeigt die Motive der Ausstellungskarten des Vereins mit Bleistift übereinander gezeichnet.
Gründungsjahr: 2006. Mitglieder: 23. Jahresbeitrag: 40 Euro. Kontakt: www.ferein.net
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin: Das Engagement der Mitglieder ist in allen Kunstvereinen gefragt, doch nirgendwo nehmen sie einen so direkten Einfluss wie in der basisdemokratisch organisierten NGBK.
Barbara Rüth zum Beispiel war bis zuletzt in der Projektgruppe "U2 Alexanderplatz" aktiv, die seit 1991 die Station mit Kunst bestückte. Eine neue Werbestrategie der Verkehrsbetriebe beendete das Projekt, mit leisem Protest (oben) wurde die öffentliche Galerie im Februar geschlossen.
Der NGBK bleibt Frau Rüth als Mitglied natürlich trotzdem treu. Gründungsjahr: 1969. Mitglieder: zirka 850. Jahresbeitrag: 50 Euro. Kontakt: www.ngbk.de
Kunstverein in Bremen: Wulf Herzogenrath (ganz rechts in der Gruppe des Vorstands) ist ein echter Kunstvereinsdoyen:
1973 übernahm er 28-jährig als bis dahin jüngster Leiter den Kölnischen Kunstverein, wo er unter anderem der Medienkunst zum Durchbruch verhalf. 1980 war er an der Gründung des Dachverbandes ADKV beteiligt, dem er zehn Jahre lang vorstand. Seit 1994 leitet Herzogenrath die Kunsthalle Bremen, die der seit rund 185 Jahren bestehende Kunstverein trägt. Ein Sondermodell - doch die alte Idee vom Bürger als Träger des Kunstlebens bleibt darin verwirklicht.
Gründungsjahr: 1823. Mitglieder: 7330. Jahresbeitrag:
50 Euro. Kontakt: www.kunsthalle-bremen.de
Frankfurter Kunstverein: Seit die Spanierin Chus Martínez 2006 die Leitung des Frankfurter Kunstvereins übernommen hat, macht sie die kritische Selbstüberprüfung zum Programm. So bittet sie regelmäßig Künstler, Kuratoren und Kritiker aus aller Welt, sich zehn Gründe zu überlegen, ein Mitglied des Kunstvereins zu werden. Im Café platzierte sie einen riesigen Versammlungstisch, innerhalb der Ausstellungsräume wurde ein Arbeits- und Wohnraum für Gastkünstler eingerichtet. 2007 warb Martínez bei der Londoner Frieze Art Fair für das Modell des deutschen Kunstvereins: mit einem zusammengezimmerten Stand, einer sperrigen Zelle inmitten des Kunstwirbels. Gründungsjahr:
1829. Mitglieder: über 1700. Jahresbeitrag:
60 Euro. Kontakt: www.fkv.de
Freunde Aktueller Kunst e.V., Zwickau: Jeden ersten Montag im Monat treffen sich die "Freunde Aktueller Kunst" im Zwickauer Restaurant Mandarin, um neue Projekte zu besprechen. Künstler wie Neo Rauch und Olaf Nicolai finden sich in der Künstlerliste neben jungen Hoffnungsträgern.
Während sich in den neuen Bundesländern das Land Sachsen mit seinen Kunsthochschulen in Dresden und Leipzig geradezu zur Kunstvereinshochburg entwickelt hat, tun sich andere mit der Vereinskultur noch schwer: Rostock, Schwerin, Magdeburg, Gera oder Cottbus sind bislang ohne Kunstvereine. Gründungsjahr:
1998. Mitglieder: über 100. Jahresbeitrag: 35 Euro.
Kontakt: www.freunde-aktueller-kunst.de
Mirja RosenauTinka DietzFrank Dietz
