Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 50-59

Träume im Gelobten Land

Von Mirja Rosenau

Die Kunstszene Israels manövriert ständig zwischen Konflikt und Normalität. Jahrzehntelang vom Rest der Welt ignoriert, finden heute immer mehr Künstler der Region internationale Beachtung. art sprach in Tel Aviv mit Kuratoren und Galeristen und stellt sechs wichtige Gegenwartskünstler vor

Galit Eilat trägt eine Stofftasche der Riwaq-Biennale durch Tel Aviv. Ein unauffälliger schwarzer Beu tel, in dem allerdings ein fundamentales politisches Bekenntnis steckt: eine Solidariätsbekundung der israelischen Kuratorin mit ihren palästinensischen Kollegen, die in Ramallah und den umliegenden Autonomiegebieten die Riwaq-Biennale organisiert haben. Eilat nahm als Gast teil und organisierte im Anschluss auf israelischer Seite eine Konferenz, zu der sie nun ihrerseits die Palästinenser einlud: "Rücken an Rücken" fan den beide Veranstaltungen statt, wo eine gemeinsame Ausstellung nicht möglich war. Denn eine Solidaritätsbe kundung mit palästinensischen Künstlern mag für einen Israeli so leicht wie eine Leinentasche sein - eine offizielle Zusammenarbeit mit Israelis ist von Seiten der Palästinenser nicht gern gesehen.

So ist man bereits mitten drin im Konflikt. Dabei wollte man eigentlich von Dialogbereitschaft und Öffnung berichten. Von einer aufbruchslustigen Kunstszene, die voller Engagement auf Vernetzung und Austausch setzt, von umtriebigen Galeristen und erfindungsreichen Kuratoren. Von einer weltoffenen Stadt wie Tel Aviv, in der jeder zweite optimistisch von "Normalisierung" spricht. Zum Beispiel Ido Bar-El: "Die Produktionsbedingungen für Künstler haben sich normalisiert", sagt der Maler und Leiter der Kunstfakultät der Bezalel Kunst- und Designakademie in Jerusalem. "Und natürlich ist die junge Generation in Israel mit schweren Konflikten konfrontiert.

Aber die Welt ist offener geworden - zumindest für sie." Immer liegen Konflikt und Normalisierung nah beieinander - in Israel allerdings wohl noch näher als in anderen Teilen der Welt.

Bar-El, in dessen Atelier sich heute die bemalten Leinwände stapeln, hat seine Karriere unter erschwerten Bedingungen verfolgt. "Hier gab es bis vor wenigen Jahren eine kleine, aber dichte Szene, praktisch ohne Absatzmarkt.

Sie fühlte sich Europa zugehörig, hat aber nicht richtig dazugehört.

Wir waren wie vom Rest der Welt entkoppelt." Als Erben eines jahrtausendealten weitgehenden jüdischen Bilderverbots, untereinander verbunden durch "Trauma, Trauer, eine gemeinsame Melancholie", aber auch schlicht durch bescheidenere finanzielle Mittel.

Und so weltoffen man im Geiste auch immer gewesen sein mag, das Kunstschaffen hat sich in Israel immer und dabei oft wider Willen im bewegten Fahrwasser offizieller Politik befunden.

Nicht nur ist seit Gründung des Staates vor 60 Jahren alles Leben im Land von Kämpfen bestimmt: von Israel mit seinen arabischen Nachbar staaten, von jüdischen Siedlern mit vertriebenen Palästinensern, von einzelnen Bevölkerungsgruppen unter einander, die hier aus aller Welt zusammengekommen sind. Mit wechselnden Regierungen haben Künstler auch das Interesse an ihrer Kunst kommen und gehen sehen. So kann Bar-El etwa von einer langfristig für 2002 geplanten Retrospektive in Skandinavien berichten:

Unmittelbar nachdem eine Reihe von palästinensischen Selbstmordattentaten und israelischen Vergeltungsschlägen die Weltöffentlichkeit polarisiert hatte, wurde die Ausstellung von Seiten der Organisatoren unkommentiert wieder abgesagt.

Eine "Normalisierung der internationalen Wahrnehmung israelischer Kunst" schrieb sich daher auch Irit Mayer-Sommer aufs Programm, als sie 1998 26-jährig aus Zürich nach Tel Aviv kam. "Zeigen, dass es hier nicht nur Bomben und Politik, sondern eine eigenständige Kunstszene gibt", wollte die Enkelin eines Schweizer Kunstsammlers und eröffnete die Galerie "Sommer Contemporary". Im Erdgeschoss einer Stadtvilla am prächtigen Rothschild Boulevard gelegen, stellt sie heute eine Art Schaltzentrale für internationale Kunstkontakte dar. Mayer- Sommer trägt die junge israelische Kunst auf alle wichtigen Messen, erschließt ihr in Zusammenarbeit mit Galerien wie Sadie Coles, Nathalie Obadia, Lehmann Maupin oder Eigen + Art viel beachtete Plattformen und neue Märkte, lädt aber auch Kunststars wie Wolfgang Tillmans oder Rineke Dijks tra nach Tel Aviv ein, um vor Ort Projekte zu realisieren. Sie tragen ihre Bilder von Israel in die Welt zurück und helfen so, die verengte Wahrnehmung zu korrigieren. Viel zu wenige Kunstinteressenten kämen immer noch aus freien Stücken in die Stadt, beklagt Mayer-Sommer, selbst der Kuratoren-Jetset internationaler Biennalen mache nach wie vor einen Bogen um Israel: "Und wenn die kommen, dann ganz zum Schluss. Wenn sie noch ein, zwei politische Künstler brauchen." Doch auch das Publikum vor Ort wurde in hartnäckiger Vermittlungsarbeit für die Qualitäten der lokalen Kunstproduktion sensibilisiert. Und der Kunstmarkt gedeiht in Tel Aviv mittlerweile wie in London, Berlin oder New York. Er bedient Großsammler wie Amos Schocken, den Herausgeber der liberalen Zeitung "Ha'aretz", der bereits in dritter Generation seine Redaktionsräume mit kritischer israelischer Kunst ausstattet, oder auch den Unternehmer Doron Sebbag, dessen Sammlung mit internationalen Stars von Damien Hirst über Mona Hatoum bis zu Sigalit Landau glänzt.

Kaufkräftige Jungsammler hat darüber hinaus auch die israelische Hightechindustrie hervorgebracht. Mit der "Fresh Paint 01" eröffnete im März in Tel Aviv eine von den wichtigsten Galerien mitgetrage ne erste Messe für junge israelische Kunst. "Die lokale Szene", so Mayer-Sommer, "hat sich professonalisiert." Auch die Wanderungsbewegungen innerhalb der städtischen Kunstszene verlaufen nach internatio nalem Schema: Während alteingesessene Händ ler wie Givon oder Dvir ihre Stellung in der Stadtmitte halten und sich auf den wohlhabenden Norden der Stadt hin orientieren, treibt die Avantgarde die Belebung des ärmeren, kulturell durchmischten Südens voran.

In der Gegend des südlichen Rothschild Boulevard siedeln sich rund um Galerien wie Sommer und Noga erste experimentelle Ausstellungs- und Projekträume an. An breiten Ausfallstraßen, wo sich Ersatzteillager aneinanderreihen und ein baufälliger Mehrzweckblock dem anderen gleicht, haben Künstler wie Ido Bar-El Atelierräume angemietet. In Gan Hahashmal, einer heruntergekommenen Gegend rund um ein stillgelegtes Kraftwerk, haben junge Designer ihre Läden eröffnet.

Die Jugend shoppt und feiert im hippen Sheinkin-Viertel. Vor allem aber wird die "Weiße Stadt" herausgeputzt:

2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben, ballen sich rund um den Rothschild Boulevard die charmant verwitterten Häuser und Bauten, die nach Israel emigrierte Bauhaus- Architekten in Tel Aviv errichteten.

2009, wenn die Stadt ihren 100. Geburtstag feiert, soll hier ein groß angelegtes Festival stattfinden, das leer stehende Flächen mit Kunst bespielt.

"Ein Riesenevent à la Berlin-Biennale", verspricht Mitinitiatorin Mayer-Sommer, das lokale Kunstproduktion und International Style verschränken soll.

Bei so viel Weltoffenheit und erfolgreicher Normalisierung lässt sich fast aus dem Blick verlieren, dass es von Tel Aviv aus kaum 60 Kilometer bis zum Ga zastreifen sind, dass einen der Linienbus in noch nicht einmal einer Stunde bis an die Mauer bringt, die Israel gegen seine palästinensischen Nachbarn abschottet.

Und während "Time Out Israel" gerade noch die schicksten Läden und neuesten Ausgehtipps listet und die britische "Times" Tel Aviv zu einer der "weltcoolsten Städte" erhebt, berichten die Tagesnachrichten bereits von neuen Attentaten und Vergeltungsschlägen.

"Tel Aviv ist eine Camouflage", sagt Galit Eilat. "Im Rest des Landes sieht es anders aus. Aber das wollen hier viele nicht sehen." Zur Erinnerung trägt sie ihre Jutetasche der palästinensischen Riwaq- Biennale durch die israelische Stadt.

Vor allem aber hat sie sich als Kuratorin das gesellschaftspolitische Engagement zum Programm gemacht. In einer "Reisekonferenz" fuhr sie mit Gästen Schlüsselstellungen entlang der "Grünen Linie" ab, besuchte das orthodoxe jüdische Dorf Modi'in Illit und wanderte ins benachbarte palästinensische Bil'in - das eine vom anderen durch einen "Sicherheitszaun" getrennt. Auf dem Gelände eines ehemaligen Schulkomplexes in Holon hat Eilat 2001 ein "Digital Art Lab" gegründet.

In einer so spröden wie weitläufi gen Zweckarchitektur, die wenig Schnörkel, aber reichlich Schaufläche bietet, zeigt sie Ausstellungen zu Themen wie "Leute, Land, Staat" oder "Die Geschichte spielt mit meinem Leben".

In "Sozialen Workshops zur Produktion von Wahrheit" wurde gemeinsam mit Künstlern die Geschichte verschiedener Nahoststaaten neu sortiert. Ein Raum ist für Kinder aus der Nachbarschaft reserviert, die hier Fanzines produzieren, um die zersplitterte arabische Stadtbevölkerung im Süden Tel Avivs zu vernetzen und zu informieren.

"Wo die Gesellschaft keine Verantwortung übernehmen will", sagt Eilat, "fällt uns diese Aufgabe zu." Ihre gesellschaftspolitischen Spielräume loten in Israel mittlerweile auch andere gemeinnützige Kunst häuser aus. Man findet sie weniger in Tel Aviv, wo kommerzielle Galerien das Kunstgeschehen bestimmen. Und auch im geteilten Jerusalem kann sich unter dem Gewicht einer drei Weltreligionen heiligen Geschichte die Kunst offenbar nicht frei entfalten. Gemeinnützige, auf den Kern der Gesellschaft zielende Arbeit findet in Israel vor al lem in den kommunal geförderten Mu seen kleiner und mittelgroßer Städte statt: in Holon, Bat Yam, Petah Tikwa.

Oder auch in Herzliya, dessen Museum sich seit den neunziger Jahren unter Leitung von Dalia Levin als erste Adresse für zeitgenössische israe lische Kunst durchgesetzt hat und sich als regelrechter Schutzbunker für die Kunst präsentiert. "Dreams and Dramas", Träume und Dramen, verspricht ein regenbogenfarbenes Leuchtschild von Ugo Rondinone dem Besucher vom Dach der hermetischen Betonfestung herab. Vor allem die Dramen trug im vergangenen Jahr die erste Herzliya- Biennale aus der Trutzburg raus und mitten ins Herz der Stadt, um die Bürger mit Hilfe der Kunst für die Zusammenhänge von Machtpolitik und Ökonomie zu sensibilisieren. Das Haifa- Kunstmuseum hingegen verlegte sich einen Tag lang vor allem auf die Träume: Es lud eine Gruppe Studenten aus Sderot zu sich ein, der Stadt in der Nähe des Gaza streifens, die unter ständigem Beschuss von Kassamraketen steht. "Damit sie mal rauskommen", sagt Kuratorin Tami Katz-Freiman. Ein Tag im Museum in Haifa: "Das war für sie eine Art Erholungsurlaub." In den Kursen der Bezalel-Akademie, die in Jerusalem auf dem von Autonomiegebieten umgebenen Berg Skopus liegt, sitzen palästinensische Studenten neben den Kindern militanter jüdischer Siedler. Doch Ido Bar- El erzählt von einer palästinensischen Lehrerin, die an seiner Kunstfakultät unterrichtet, aber in ihren Kursen demonstrativ kein Hebräisch spricht:

"Und sie würde ihre Kunst nicht mit meiner Kunst an eine Wand hängen.

Was problematisch ist und auf lange Sicht falsch, wie ich glaube. Aber ich akzeptiere es. Weil wir uns aus ihrer Perspektive, so lang es die Besatzung gibt, nicht auf Augenhöhe begegnen können. Und das mag wahr sein. Aber es ist eine schreckliche Wahrheit." Das Vertrauen in die Integrationskraft der Kunst gibt Bar-El trotzdem nicht auf: "Alles, was wir tun können, ist, so viele Angebote wie möglich zu machen. Denn letzten Endes geht es darum, dem Gefühl von Isolation zu begegnen. Und die Kunst ist ein gutes Mittel, um in Austausch zu treten.

Mit gemeinsamen Ausstellungen von Deutschen, Israelis, Palästinensern." Und sei es vorerst auch nur "Rücken an Rücken".

Ausstellungen: "Real Time: Art in Israel 1998- 2008", Israel Museum, Jerusalem, bis 30. August; "Eventually We'll Die - Young Art in Israel of the Nineties", Herzliya Museum, 3. Mai bis 9. August; "Access to Israel I & II - Israelische Gegenwartskunst", Jüdisches Museum, Frankfurt/Main, 15.

Mai bis 31. August (Teil 1), 11. September bis 16.

November (Teil 2); "Overlapping Voices - Israeli and Palestinian Artists", Essl-Museum, Wien/ Klosterneuburg, 16. Mai bis 26. Oktober; "The White City of Tel Aviv - Tel Aviv's Modern Movement", Architekturzentrum, Wien, bis 19. Mai; Dani Karavan - Retrospektive", Martin-Gropius- Bau, Berlin, bis 1. Juni

Mehr über die israelische Kunstszene finden Sie unter: www.art-magazin.de/israel

Befriedungsges te: In Bartanas Film "A Declaration" (2006) ersetzt ein Mann auf einer Felseninsel die israelische Flagge durch einen Ölbaum

YAEL BARTANA (*1970 im israelischen Afula) fragt in ihren Videoinstallationen nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, Selbst bestimmung und sozialer Verpflichtung.

Gemeinsame Rituale schaffen Zusammenhalt, zugleich äußert sich in ihnen die Macht eines Kollektivs über den Einzelnen. So zeigt das Video "Trembling Time" (2001) mit Blick auf eine Tel Aviver Autobahn, wie während einer nationalen Schweigeminute alle Bewegung im Land zum Erliegen kommt. In neueren Arbeiten bezieht die Künstlerin, die in Tel Aviv und Amsterdam lebt, verstärkt Position gegenüber Israels Rolle im Nahostkonflikt. "Summer Camp", 2007 bei der Documenta 12 gezeigt, verbindet propalästinensischen Aktivismus mit der Ästhetik zionistischer Propagandafilme. In "A Declaration" (2006) macht sich ein friedlicher Besatzer auf, ein Stück israelischen Territoriums umzuwidmen.

GUY BEN-NER (*1969 im israelischen Ramat Gan) ist eine Art Pionier der israelischen Videokunst. Seit Mitte der neunziger Jahre bedient er sich des Mediums, um gesellschaftliche Standards und ihre Brauchbarkeit für das eigene Leben zu hinterfragen. In seine so scharfsinnigen wie witzigen Welterklärungsversuche spannt er häufig Frau und Kinder mit ein.

In diesen "Selbstporträts als Familienvater" werden gemeinsam Widersprüche des Alltags diskutiert und zumindest individuell brauchbare Alternativen konstruiert. Im Video "Stealing Beauty", 2006 für das Ben-Ner im vergangenen Jahr den Preis der Kölner Kunstfilmbiennale erhielt, beschäftigte ihn die Schnittstelle von Privatsphäre und öffentlichem Raum:

Im Rahmen einer temporären Möbelhaus- Besetzung erörterte er Eigentumsverhältnisse und Fragen kollektiver Inbesitznahme. 2005 bespielte Ben-Ner den israelischen Pavillon der Biennale in Venedig und lebt heute in Tel Aviv und New York.

Stills aus Guy Ben-Ners Video "Stealing Beauty" (2007), das in Ikea-Filialen gedreht wurde

Verträumte Lichtgestalt: ein Blatt aus Talia Keinans Serie von Papierarbeiten ohne Titel (2004/06, 30 x 21 cm)

TALIA KEINAN (*1978 in Kfar Saba in Israel) hält ihre Aquarelle, Zeichnungen, Videos und Collagen von direkten politischen Impulsen frei. Sie zeichnet Traumwelten und Lichtgestalten und spielt so unbefangen mit ihrem Material, als sei die Kunst nicht mehr als ein kurzweiliger Ausflug, ein Schlendern ins Unbekannte. Mit liebevollem Blick werden Mädchen, Männer, Kinder, Tiere, Tänzer und Musikanten erfasst und in ein häusliches Umfeld oder friedliche Landschaften eingebettet. Auch die Realitätsflucht kann ein politisches Statement sein: In turbulenten Zeiten gibt die Künstlerin ihren gezeichneten Gegenständen Geborgenheit, die Kunst wird als Ort der Selbstbestimmung und freien Entfaltung behauptet. Keinan, die in Tel Aviv, Jerusalem und New York studiert hat und in Tel Aviv lebt, wurde gerade mit dem wichtigsten israelischen Kunstpreis, dem "Israeli Art Prize" der Nathan-Gottesdiener-Stiftung und des Tel Aviv Museum of Art ausgezeichnet, wo die Ausstellung der Nominierten noch bis zum 17. Mai zu sehen ist.

YEHUDIT SASPORTAS (*1969 im israelischen Ashdod) verschränkt in ihren Rauminstallationen Zeichnungen, Skulptur und Malerei. Individuell Erlebtes und Erinnertes geht eine Verbindung mit dem Formenvokabular der klassischen Avantgarde ein. Als Tochter marokkanischjüdischer Einwanderer in einer modernistischen israelischen Wohnsiedlung aufgewachsen, legt Sasportas ihre Räume nach Grundrissen von Zimmern ihrer Kindheit an und erinnert mit ihren Rahmen vor karger Natur an Blicke durch tatsächliche Fenster. So wird das Persönliche und Private als Teil eines real existierenden Gesellschaftsplans thematisiert.

Zugleich hält Sasportas ihre Räume allgemeineren Lesarten offen. Die Künstlerin, die 2007 den israelischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielte, lebt in Tel Aviv und Berlin. Der Kunstverein Braunschweig richtet ihr vom 7. Juni bis 10. August eine Einzelausstellung aus.

Sumpflandschaft mit geometrischen Objekten:

Sasportas Installation "Guardians of the Thre shold" auf der Venedig- Biennale 2007

In Fotos wie dem unbetitelten Bild (rechts), das 2007 entstand, oder der Fotoserie "Catastrophe, Refuge in Frost Nr. 1" von 2006 (unten) thematisiert Shibli die Vertreibung von Palästinensern aus dem jüdischen Grenzgebiet

AHLAM SHIBLI (*1970 im israelischen Arab al-Shibli) macht sich in ihren Fotoserien das Schicksal der Palästinenser zum Thema.

In "Arab al-Sbaih", ihrem Beitrag zur Documenta 12, spürte die Künstlerin in heutigen Flüchtlingslagern der Geschichte ihrer eigenen palästinensischen Familie nach, die1948 vom israelischen Militär aus ihrem Heimatdorf vertrieben wurde. Auch in "Catastrophe" (2006) thematisierte Shibli Flucht und Vertreibung der palästinensischen Dorfbevölkerung und blickte dabei auch nach Berlin, an die deutsche Verantwortung für die Entstehung des jüdischen Staates erinnernd. Shibli, die im israelischen Haifa lebt, gibt heute als ihren Geburts- und Wohnort konsequent "Palästina" an. Jede Zugehörigkeit zu "Israel" wird entschieden abgewehrt. "Meine Kunst", sagt sie kategorisch, "ist palästinensisch und hat mit Israels zeitgenössischer Kunst nichts zu tun."

PAVEL WOLBERG (*1966 in Leningrad) lebt seit seinem siebten Lebensjahr in Israel. Als Pressefotograf liefert er pointierte Bildmetaphern für einen gesellschaftlichen Alltag, in dem der Ausnahemezustand zur Regel geworden ist.

Konflikte und Normalität, Besatzung und Freiheit, ultrakonservative Lebensformen und Weltoffenheit treffen unmittelbar aufeinander. Wolbergs preisgekrönte Gesellschaftsbilder erfassen ein als Königin verkleidetes Mädchen mitten in ei nem Militäreinsatz, einen uneindeutigen Flirt eines arabischen Mäd chens mit einem israelischen Soldaten oder auch ein in rosa Tutus kostümier tes, allerdings schwer bewaffnetes Paar. Großformatig aufgezogen werden sie in israelischen Galerien und internationalen Kunstausstellungen gezeigt, 2007 etwa im Rahmen der Biennale Venedig. Der Fotograf lebt in Tel Aviv.

Wolbergs Foto "Purim in Tel Aviv" wurde während des jüdischen Purim-Fests 2007 aufgenommen - ein Tag, an dem sich Juden verkleiden und Umzüge veranstalten

So weltoffen man im Geiste auch gewesen sein mag, das Kunstschaffen hat sich immer im bewegten Fahrwasser der offiziellen Politik befunden

Vorsicht, frisch gestrichen: Im März fand unter dem Titel "Fresh Paint 01" in Tel Aviv erstmals eine Messe für junge israelische Kunst statt

Innerhalb seiner abweisenden Mauern ist das Kunstmuseum in Herzliya, hier mit Ugo Rondinones Schriftzug "Dreams and Dramas" (2001), ein Ort für Träume und Dramen

"Letzten Endes geht es darum, dem Gefühl von Isolation zu begegnen. Und Kunst ist ein gutes Mittel, um in Austausch zu treten - mit gemeinsamen Ausstellungen von Deutschen, Israelis und Palästinensern"