Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 69
Wie man den Nandu erlegt
Von Thomas Wagner
In der Hetzjagd der Indios auf einen Laufvogel sieht Parallelen zum Kunstbetrieb: Wir rennen so lange dem Zeitgenössischen hinterher, bis alles verschwimmt
Die Jagd, meint mein Freund Nick, als ich ihm von dem Laufvogel Nandu erzähle, sei entschieden sein Element. Und seine Augen funkeln dabei vor Begeisterung: "Kombiniere", meint er: "Nanu!" Nandu, nicht Nanu, suche ich ihn zu korrigieren, aber er will nicht hören. Dabei ist der Nandu mit einer Scheitelhöhe von bis zu 1,70 Metern der größte Vogel der Neuen Welt - und durchaus ein symbolisches Tier.
Es fängt damit an, dass der belgische, seit langem in Mexico City lebende Künstler Francis Alrs sich im Jahr 2003 des Nandu angenommen hat, als er begann, einer Erzählung nachzugehen, die er in der argentinischen Pampa gehört hat: "Es wird erzählt, dass die Tehuelche den Nandu (Rhea americana) so lange gejagt haben, bis das Tier physisch erschöpft war. Der gesamte Volksstamm verfolgte die Herde wochenlang, bis der Nandu aufgab oder vor Erschöpfung starb. Wir, in unserer Zeit, müssen Illusionen nachjagen." "Ich war fasziniert", bekennt Alrs, "von der Einfachheit der Methode und natürlich vom Gebrauch des Gehens als Methode des Jagens." Alrs hat das Medium des Gehens schon in vielen seiner Arbeiten als Mittel benutzt, um Situationen herzustellen, die eine unvermutete Wendung bewirken können. In diesem Fall realisierte er zusammen mit Olivier Debroise und Rafael Ortega in Patagonien einen Film, der nichts anderes zeigt als die Fahrt auf einem Highway, bei dem der Betrachter den vor Hitze verschwimmenden Horizont beständig vor Augen hat, ohne ihn je zu erreichen. Er nennt das "A Story of Deception" - Eine Geschichte der Täuschung.
Nicht anders als dem Nandu könnte es dem Zeitgenössischen ergehen. Es wird so lange verfolgt, bis es aufgibt oder erschöpft zusammenbricht. Denn scheinbar alles, was heutzutage zählt im Kunstbetrieb, muss zeitgenössisch sein - aktuell, einzig bezogen auf das Hier und Jetzt. Wir haben es zu tun mit einer Kunst der totalen Gegenwart. Der Rest, also all die Ausstellungen historisch gewordener Werke und Positionen, ist dagegen nichts als ku linarisch: nett anzusehen, irgend wie bedeutend fürs große Publikum, aber losgelöst vom aktuellen Diskurs.
Was aber bedeutet es, zeitgenössisch zu sein, zeitgenössisch zu agieren? Ob in Malerei, Skulptur, Zeichnung, Architektur oder Medienkunst, die Vielfalt dessen, was entsteht, ist unendlich groß. Doch was daran Ausdruck unserer Zeit ist, entzieht sich hartnäckig. Handelt es sich um die große Hatz nach einer grundlegend anderen Wahrnehmung und Erfahrung von Geschichte? Glauben wir ganz und gar Heutigen, wir seien in so viele, schwer zu deutende Geschichten verstrickt, dass wir einer gemeinsamen Geschichte nicht mehr bedürfen? Fischen wir im Ephemeren nach dem Eigentlichen, bis uns die Zukunft vor den Augen verschwimmt wie dem Betrachter des Films von Alrs der Horizont in der flirrenden Luft? Und laben wir uns dabei an den Illusionen, denen wir nachjagen, ohne zu wissen, um was es sich handelt? Läuft die Zeit leer, weil es nichts mehr gibt außer dem gerade Aktuellen?
Fest steht nur: Alle im Kunstbetrieb wollen zeitgenössisch sein, aber niemand weiß, was das ist. Alle arbeiten blind daran, ganz hier und jetzt zu sein, doch keiner vermag zu sagen, wie man das macht und was daraus folgt.
"Kombiniere", wirft mein Freund Nick ein: "Höchste Zeit!" Sicher, das Produktive ist schon lange nicht mehr sesshaft.
Es wartet nicht darauf, entdeckt zu werden. Die Medien las sen alles entrückt und unwirklich er scheinen, und die Ökonomie schielt einzig darauf, was sich in schnellen Profit verwandeln lässt. Aber ist zeitgenössisch sein nicht trotzdem eine Form des Gehens und eine Waffe?
In der unüberschaubar gewordenen Gemengelage von Beziehungen, die unsere Welt ausmachen, fungiert das Beharren auf dem Zeitgenössischen als wütende Verteidigung, als Trick oder Täuschung. Eine Selbsttäuschung?
Vielleicht. Aber ohne Rückendeckung permanent zeitgenössisch sein zu müssen und sich nicht mehr mit der Beschimpfung der alten Idole aufzuhalten, hat auch Vorteile.
Man ist vor die Frage gestellt: Von wo aus spreche ich, wenn ich über unsere Zeit rede? Am wichtigsten aber ist, dass die Isolation motiviert weiterzugehen. Wie bei der Jagd nach dem Nandu. Gehen, immer weitergehen. Nicht nachlassen. Bis sie sich begegnen, am Horizont, im Raum der Illusion - der Jäger und der Gejagte.
Kombiniere: Nandu!
Nicht anders als dem Nandu könnte es auch dem Zeitgenössischen ergehen.
Es wird so lange verfolgt, bis es vor Erschöpfung zusammenbricht
