Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 123
Ein Haus ohne Dach
Von Gerhard Mack
Architektur: Atelierbau in Scharans von Valerio Olgiati
Viele Kollegen finden das absurd", sagt Valerio Olgiati. Der Architekt hat für den Schweizer Liedermacher Linard Bardill gebaut. Da, wo eine schräge Fläche die beiden Giebelwände verbinden sollte, klafft ein Loch. Das Nachbarhaus schaut durch, dahinter ragen die Berggipfel in den blauen Bündner Himmel. Das Haus steht im Zentrum von Scharans, einem kleinen Weiler abseits der Route zum San-Bernardino-Pass. Häuser haben hier ein gemauertes Erd geschoss, darüber erheben sich Wände aus dickem Holz. Ein Brunnen plätschert auf dem Platz. Ein Bergdorf wie aus einem alten Bilderbuch. Da wirkt der rote Betonklotz wie ein Möbelstück, das ein Riese verloren hat.
"Hier stand zuvor ein Stall mit Scheune, und wir bekamen von der Gemeinde nur eine Baubewilligung, wenn wir die Form und Größe dieses Gebäudes exakt nachbauen, um die öffentlichen Räume nicht zu verändern", erklärt Olgiati. Das ergab ein Volumen von 1700 Kubikmetern, der Bauherr hatte dafür aber nicht genügend Geld zur Verfügung.
Also entwarf der Architekt in den Abmessungen des früheren Stalls eine Hülle aus Beton, ließ sie im Innern einen großen, fast quadratischen Hof umfangen und stellte an einer Seite eine rund 60 Quadratmeter große Atelier-Box hinein, die den Raumbedürfnissen des Musikers entsprach.
Von außen wirkt das Gebäude zunächst monumental. Es schneidet scharf in Platz und Gasse. Das Volumen ist bis auf eine Maueröffnung ringsum geschlossen.
Doch die rote Einfärbung löst die Wucht des Betons auf. Und ein paar Hundert rosettenförmige Ornamente, die von Hand in die Schalbretter geschnitzt wurden, geben dem Atelierbau ein spielerisches Gepräge.
Die Abgeschlossenheit schafft im Innern eine Atmosphäre paradiesischer Ruhe, die durch gezielte Interventionen einen künstlichen Touch erhält. Ein leicht abgesenktes Rasenfeld leuchtet fast tropisch intensiv inmitten der roten Wände. Über ihm rahmt eine ellipsenförmige Öffnung ein Stück Himmel ein. Die emporragenden Giebelwände haben nach innen kleine Vordächer, die sie wie Außenmauern benachbarter Häuser aussehen lassen. Diese sind jedoch gleichzeitig dahinter zu sehen. Fantasiebilder und Realität schieben sich übereinander.
Der fast klösterliche Hof spiegelt sich in der großen Glasfront des Atelierraums. Wer darin Platz nimmt, kann das Bergpanorama auf der gegenüberliegen den Talseite bestaunen oder die Außenwelt ausblenden und sich ganz von Raum und Hof umschlossen fühlen.
Kasten:
Valerio Olgiati, 49, lebte ein paar Jahre in Los Angeles, bevor er in die Schweiz zurückkam und 1996 in Zürich sein eigenes Architekturbüro eröffnete, mit dem er 2005 nach Chur und Anfang dieses Jahres nach Flims umzog. Hier, wo bereits sein Vater als Architekt wirkte, steht auch einer seiner bekanntesten Bauten: Das "Gelbe Haus" - ein leer stehendes Wohngebäude, das in einen Ausstellungsort umgebaut werden sollte. Olgiati schloss es mit einem Flachdach, vereinheitlichte die Fensteröffnungen zu einer rationalen Struktur, holte das Mauerwerk aus Naturstein hervor, und überzog alles mit einem Anstrich aus weißer Farbe. Das Ergebnis wirkt archaisch und abstrakt zugleich. Nach weiteren Privathäusern und Entwürfen für Großprojekte wird im Sommer Olgiatis Infozentrum für den Schweizerischen Nationalpark in Zernez eröffnet.
Die Hülle des Stalls, der hier stand, formte Olgiati in Beton nach - Ornamente zieren die Wände, aus dem Atelier (oben) blickt man in den Innenhof
