Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 126
Tulpen-Louvre oder Dino-Rummel
Von Kerstin Schweighfer
Schweres Erbe: Neuer Chef des Rijksmuseums umstritten
Ronald Plasterk, Kultusminister der Niederlande, sparte nicht mit markigen Worten: "Wir lassen uns nicht als Geisel nehmen." Damit war der Kostenvoranschlag eines Baukonzerns vom Tisch, der im Rahmen der Renovierung des Amsterdamer Rijksmuseums die Sanierung des Haupt gebäudes hatte übernehmen wollen - und zwar für 222 Millionen Euro. Experten des Ministeriums hingegen waren von 134 Millionen aus gegangen.
Die Wut ist groß über die Arroganz der Baubranche, die oft astronomische Summen fordert.
Denn im Gegensatz zu Deutschland boomt das Baugeschäft in den Niederlanden; der Markt ist so überspannt, dass Auftraggeber nicht nur lange Wartezeiten hinnehmen müssen: "Sie haben eigentlich auch nichts mehr zu melden", so Bauökonom Jo Soeters von der Technischen Universität in Delft.
Die lang ersehnte Wiedereröffnung des Rijksmuseums, das bereits seit 2003 bis auf den Philipsflügel geschlossen ist, wird sich da durch nun um weitere zwei Jahre bis 2013 verzögern. Denn der Nachfolger von Museumsdirektor Ronald de Leeuw, Wim Pijbes, bislang Chef der Rot terdamer Kunsthalle, darf die Sa nierung nun als internationalen Wettbewerb neu ausschreiben. Der 46- Jährige tritt am 1. Ju li ein schweres Erbe an, doch seinem Vorgänger zufolge ist er "als Generalist und dynamisch-kultureller Unternehmer" eine ideale Besetzung. Der Direktor des Haager Gemeindemuseums Wim van Krimpen, vor Pijbes Leiter der Rot terdamer Kunst halle, geht davon aus, dass Pijbes das Rijksmuseum zum "Louvre der Niederlande" macht.
Doch seine Ernennung ist nicht unumstritten: Erstens saß Pijbes im Aufsichtsrat des Rijksmuseums und war außerdem selbst Mitglied der Bewerbungskommission.
Zweitens ist er der erste Direktor dieses altehrwürdigen Instituts, der nicht auf Alte Meister spezialisiert ist. Die Kunsthalle in Rotterdam hinterlässt er als gut geölte Ausstellungsmaschine mit bis zu zwei Millionen Besuchern und dem Prädikat "respektabler Populismus": Ohne Berührungsängste präsentierte Pijbes hier neben Werken von Henry Moore und Jean Tinguely auch Dinosaurier oder die Erfolgsstory von Raumschiff Enterprise. Altdirektor Rudi Fuchs vom Amsterdamer Stedelijk spricht deshalb von einer Fehlbesetzung. Unter Pijbes könne das Rijksmuseum zu einer "artistischen Jahrmarktsattraktion" werden. Pijbes selbst lässt sich von solchen Sprüchen nicht beeindrucken. Er freut sich auf einen "Prachtjob in einem Prachtinstitut".
Wim Pijbes, ab Juli neuer Direktor des Amsterdamer Rijksmuseums
Kerstin Schweighöfer
